Socially awkward Steppenläufer

Einsiedlerkrebs

Oft finde ich mich in irgendwelchen Gesprächen wieder und denke mir einfach nur: „Ich habe dazu gerade absolut nichts zu sagen.“ weil in meinem Kopf einfach nichts ist, nicht bis auf eine gähnende Leere. Manchmal glaube ich sogar, dass ich mein Gehirn wie eine kleine Murmel durch meinen Kopf rollen hören kann. Und ich frage mich dann ganz automatisch: „Ist dieses Gespräch dumm oder bin ich es?

Man sagt oft von introvertierten Personen, dass in ihren Köpfen viel mehr vorgeht, als sie nach außen zeigen. Lieber lassen sie sich auf ein langes, intensives Gespräch ein, als auf sinnlose Diskussionen oder Smalltalk. Beides sind einfach unnötige Energieräuber. Auf mich trifft das alles nur in Teilen zu. Sicher, es gibt Gespräche an denen ich mich gerne beteilige, wo es mir auch Spaß macht zu diskutieren, aber oft genug habe ich keinen blassen Schimmer, was ich sinnvolles beitragen könnte. Also, sage ich einfach nichts.

Ein bisschen ratlos, ein bisschen frustriert

Ich weiß nicht, ob es nicht besser wäre, diesen Muskel zu trainieren und mich solchen Gesprächen zu stellen. Nur, wie macht man das? Soll ich meine Unwissenheit nutzen und Fragen stellen? Oder eine Aussage aufgreifen, mit der ich zumindest vage etwas anfangen kann, um das Gespräch in eine Richtung zu lenken mit der ich arbeiten kann? Allein, wenn ich nur an diese beiden Optionen denke, spüre ich, wie sich mein Energietank von selbst leert.

Es ist ein wenig frustrierend. Wie viele Gespräche mit potenziell interessanten Menschen habe ich schon verpasst, einfach weil ich keine Ahnung hatte, was ich sagen soll? Und wann ist die Interaktion mit anderen Menschen so schwierig geworden? Oder bin ich einfach nur schwierig geworden?

Es ist der große Blogeintrag der Fragen auf die ich keine Antwort habe. Das ist für niemanden wirklich befriedigend. Weder für meine armen Leser, noch für mich, aber gerade deshalb ist es umso wichtiger für mich ist, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Immerhin weiß ich, dass ich im Kreise meiner Engsten nicht mundfaul bin, aber der Kreis dieser Engsten besteht aus Menschen, die ich seit vielen, vielen Jahren kenne.

Alle anderen, die bisher weniger als 4 Jahre mit mir ausgehalten haben, werden es oftmals schwer haben, mir mehr als 2 Sätze am Stück aus der Nase zu ziehen. Nach den üblichen Nettigkeiten trete ich dann in der Regel den Rückzug an und gehe zum höflichen Nicken und Lächeln über. Ich warte eigentlich nur noch darauf, dass einer der obligatorischen Steppenläufer wie in einem Western durch die Szenerie geweht wird. Langsam und qualvoll.

„Socially awkwardness“ ist kein Freifahrtsschein

Ich könnte es mit dem Label der allgemein anerkannten „socially awkwardness“ abtun, mich einfach rausreden, indem ich sage: „So bin ich halt.“ das möchte ich aber nicht. Ich bin mir dessen bewusst, dass Konversation nie meine größte Stärke sein wird, dafür schweige ich einfach zu gerne, aber ich merke auch, dass mir diese Veranlagung zumindest das eine oder andere Erlebnis verbaut und es mir auch auf professioneller Ebene erschwert mich durchzusetzen.

Dann würde ich diesen Steppenläufer am liebsten abfackeln und die Murmel in meinem Kopf mindestens wieder auf die Größe eines halbwegs funktionalen Gehirns aufblasen, um ein einigermaßen sinnvolles Gespräch führen zu können.

Also, werde ich das tun, was ich am besten kann: Einen intensiven „Deep Dive“ (yay, neues Business-Deutsch) durchführen, rund 10% des Gelernten an zwei Gelegenheiten ausprobieren, das Experiment als Fehlschlag abstempeln und zu meinen alten Gewohnheiten zurückkehren, weil es im Kokon des alt bekannten doch am schönsten ist. Wünscht mir Glück!

Fun Fact: Der erste Entwurf dieses Beitrags ist knapp 1 Jahr alt. Wenn das nicht bestätigt, dass ich ein Problem habe, dann weiß ich auch nicht.

Beziehungsunfähig oder beziehungsunwillig?

Beziehungen. Was für einige Menschen den Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens darstellt, ist für mich im Laufe der letzten Jahre zunehmend in den Hintergrund gerückt. Und nein, ich glaube nicht, dass es zwingend daran liegt, dass ich „den Richtigen“ noch nicht gefunden habe. Ich habe schlichtweg kein Interesse an einer festen Beziehung. Der Gedanke daran erfüllt mich nicht mit einem Gefühl des Glücks und der Geborgenheit. Im Gegenteil. Er engt mich ein.

Dieses Gefühl zieht sich durch jeden Ansatz von einer festen Beziehung, den ich jemals in meinem bisherigen Leben miterleben durfte. Zu schnell wollte ich zu meinen alten Single-Gewohnheiten zurückkehren, wollte aus dem Wir so schnell wie möglich wieder ein Ich machen.

Doch ich würde mich niemals als beziehungsunfähig bezeichnen. Ich will einfach nur nicht – was ein großer Unterschied ist. Ich bin durchaus der Ansicht, dass ich mich auf etwas festes einlassen könnte, wenn ich ein wirkliches Verlangen danach hätte. Und das ist absolut nichts falsches. Jeder Mensch muss für sich wissen, was ihm gut tut und was er braucht, um ein Leben zu führen, das ihn zufrieden macht. Ein fester Partner gehört für mich nicht zu den Dingen, die ich brauche, um mir das zu ermöglichen.

Ich will damit nicht sagen, dass sich das nicht irgendwann ändern kann. Es ist einfach nur das, was ich in den letzten Jahren gefühlt habe und jetzt immernoch fühle. Heute bin ich mir dessen um einiges bewusster als früher. Ich muss nicht so tun, als würde ich nach meinem Mr. Right suchen, oder als würde ich diese Verbindung zu einer bestimmten Person vermissen, wenn dem nicht so ist.

Mein perfektes Leben ohne Partner

Ich kann für mich alleine stehen. Ich kann alleine glücklich sein. Nicht, weil ich es anders nicht kann, sondern weil ich es nicht muss, wenn es nicht das ist, was ich will. Die Zeiten, in denen man sich dafür schämen muss, dass man über einen längeren Zeitraum keinen festen Partner hatte, sind vorbei. Zumindest sollten wir endlich so handeln. Eine (monogame) Beziehung ist nicht das be-all and end-all allen Lebens. Und das ist okay. Genauso okay ist es, wenn man ein Beziehungsmensch ist und diese Bindung braucht. Das will ich hier keinesfalls verdammen.

Nur, wenn ich mir ein perfektes Leben ausmale, sehe ich selten einen anderen Menschen an meiner Seite. Ich sehe meine Freunde, denen ich vertraue. Ich sehe Familie. Ich sehe Bücher und Filme, lange Spaziergänge und Tagträumereien. Ich sehe Reisen und durchtanzte Nächte. Ich sehe aber niemanden, der morgens neben mir aufwacht.

Ein kleines Zugeständnis…

Natürlich stelle ich mir manchmal vor, wie es sein könnte. Manchmal gefällt mir dieser Gedanke auch. Irgendwie. Aber er verfliegt in der Regel so schnell, wie er gekommen ist. Denn es ist nicht das ernsthafte Verlangen danach, das mich reizt, sondern die bloße Vorstellung an sich. So, wie Menschen manchmal nur die Vorstellung einer bestimmten Person lieben, ungeachtet der Realität.

Ich denke, dass wir künftig noch offener und toleranter werden müssen, was verschiedene Lebens- und Liebeskonzepte angeht. Es gibt kein „one size fits all“ und nicht jeder, der keine feste Beziehung anstrebt, ist gleich beziehungsunfähig. Dafür müssen wir aber vor allem mehr miteinander über solche Dinge reden und nachfragen, bevor wir jemanden einfach in eine Schublade stecken. Aber das gilt wohl für so ziemlich alle Dinge des Lebens…

Wie viel bin ich wert?

Verkauf dich niemals unter Wert!“ Das wird einem vor jeder Gehaltsverhandlung eingebläut, aber auch wenn man sich auf einen neuen Partner einlässt. Dabei frage ich mich allerdings immer wieder: Woher weiß ich denn wie viel ich wert bin? Was bin ich überhaupt wert?

Vor allem im Arbeitsumfeld stellt sich mir diese Frage immer wieder. Ich bin umgeben von hart arbeitenden Menschen mit guten Ideen, die in ihrem eigenen Bereich wirklich viel erreichen. Da kann ich einfach nicht anders, als mich mit ihnen zu vergleichen. Natürlich weiß ich, dass es Dinge gibt, die mir mehr liegen als ihnen, aber wenn ich diese Leute sehe und mich dann frage „Wie viel bin ich wert?„, komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass mein Wert geringer ist als ihrer. Immerhin haben sie so viel großes geleistet, sich durchgebissen und was erreicht. Aber ich? Was habe ich schon großartiges geleistet?

Vielleicht liegt es daran, dass ich genau um meine Schwächen weiß, aber in meinen Augen nicht konsequent genug an ihnen arbeite. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich die Dinge, die ich schon erreicht habe nicht ausreichend wertschätze – dass ich sie immer als weniger innovativ oder nutzbringend ansehe als die Beiträge anderer.

Schätze ich meinen Wert schlechter ein als andere?

Wie ich es auch drehe und wende, am Ende stehe ich immer wieder vor demselben Problem: „Wert“ ist in diesem Fall eine vollkommen subjektiv betrachtete Einheit. Jeder hat seine eigenen Maßstäbe. Was ich als unzureichend ansehe, könnte jemand anderesherausragend finden. Und dazu kommt auch noch folgende Schwierigkeit: wer mit einem ähnlich dürftig ausgeprägten Selbstbewusstsein ausgestattet ist wie ich, wird seinen Wert eher an seinen Fehlern messen als an seinen Stärken und ihn dadurch automatisch niedriger einschätzen.

Dadurch bringt man sich sich selbst und anderen gegenüber direkt in eine schlechtere Verhandlungspositionen. Denn am Ende ist es doch auch so: Selbst wenn jemand anderes ursprünglich denkt, dass ich weniger wert bin, kann ich ihn vom Gegenteil überzeugen, wenn ich selbst auch davon überzeugt bin und dafür stichhaltige Argumente vorbringen kann. Aber wie soll ich das machen, wenn ich selbst nicht daran glaube?

Es ist alles Ansichtssache

Am Ende ist dieser berühmt berüchtigte Wert in erster Linie eines: eine Ansichtssachte. Ich habe leider keine magische Formel dafür, wie man seinen indiviuellen Wert berechnet, oder wie ich meinen eigenen am Ende doch noch gefunden habe. Auch für mich ist es ein work in progress. Indem ich mich mit dieser Frage beschäftige, sehe ich meine größten Verbesserungspotenziale und wo ich vielleicht auch mal auf die Meinung anderer hören sollte.

Fakt ist, dass ich meinen Wert steigern will. Nicht, weil ich 10% mehr Gehalt will, sondern weil ich eine Bereicherung für mein Team sein will. Ich will am Ende des Tages mit dem Bewusstsein nach Hause gehen, dass ich alles gegeben habe um uns einen Schritt nach vorne zu bringen. Dann weiß ich wenigstens, dass ich all meine aktuellen Privilegien zu Recht genieße. Das wäre doch schon mal ein Anfang, oder nicht?

Das Glück im Unglück finden

In dem Moment, in dem ich diese Worte schreibe, wäre ich eigentlich gerade am Düsseldorfer Flughafen angekommen, um nach Manchester zu fliegen. Dass dem gerade nicht so ist, liegt daran, dass mein Flug gestrichen wurde. 3 Stunden vor Abflug.

Man kann sich meine Begeisterung, als mich die kurze SMS der Fluggesellschaft erreichte, sicher gut vorstellen. Also packte ich meine 7 Sachen wieder, informierte meine beste Freundin darüber, dass sie die erste Nacht in UK alleine verbringen muss und dackelte nach Hause. Dort führte ich ein nettes Gespräch mit einem Callcenter-Agent der Fluggesellschaft (Achtung: keine Ironie!), veranlasste eine Rückzahlung und buchte einen Alternativflug für morgen Vormittag.

All das passierte in einem Zeitfenster von gerade mal knapp einer Stunde.

Jetzt sitze ich hier auf meinem Sofa und habe wieder meine Schlabberhose angezogen. In der Küche kocht eine Portion Spaghetti mit Lachssoße.

So lästig diese ganze Geschichte auch ist, es bringt nichts, wenn ich mich darüber aufrege. Es ändert schließlich nichts. Stattdessen fallen mir immer mehr positive Dinge ein, die ich aus dieser Erfahrung ziehen kann.

Mir ging es heute den ganzen Tag nicht wirklich gut, war müde und hatte am Nachmittag mit etwas Übelkeit zu kämpfen. Jetzt kann ich mich noch eine Nacht zu Hause auskurieren. Außerdem spare ich mir gerade teures Flughafenfutter. Ich kann in Ruhe zu Hause etwas gutes essen, denn jetzt, wo die Übelkeit weg ist, fühlt es sich so an, als würde sich mein Magen selbst aufessen.

Und nicht ganz unwichtig, wenn man einen Trip macht, dessen Einkäufe hauptsächlich aus Büchern bestehen wird: Ich kann ein paar Klamotten aus meinem Koffer holen. So habe ich mehr Platz für das, was wirklich wichtig ist. Mehr Bücher.

Und last, but not least: mit etwas Glück habe ich Anspruch auf eine zusätzliche Entschädigung, die höher ausfallen wird, als mich der Flug gekostet hat. Insgesamt also alles eigentlich halb so wild.

Es ist nicht immer leicht, das Glück im Unglück zu finden. Gerade im Alltag konzentrieren wir uns häufig gerade auf die Sachen, die schlecht laufen. Wenn die Bahn zu spät kommt, kommen wir zu spät zur Arbeit. Wenn wir vergessen, etwas wichtiges im Supermarkt zu kaufen, müssen wir nochmal hin. Größter Wermutstropfen scheint dabei neben monetären Aspekten natürlich die Zeit zu sein.

Wir verlieren nie gerne Zeit – erst recht nicht, wenn uns gar keine Schuld trifft. Doch manchmal hat diese vermeintlich verlorene Zeit auch etwas gutes. Ich für meinen Teil kann, auch wenn es nach wie vor ein Ärgernis ist, genug gutes in dieser Planänderung sehen, um sie ohne großen Groll hinzunehmen.

Ich freue mich darauf, morgen mittag aus dem Flieger zu steigen und von meiner besten Freundin in Manchester in Empfang genommen werden. Dann reisen wir weiter nach York. Es wird, trotz allem, ein glorreiches Wochenende!

Mehr Bauchgefühl, weniger Zwang

Generell glaube ich nicht an diese ganze FOMO-Geschichte – zumindest nicht, wenn es um mich selbst geht. Ich muss nicht jeden Trend mitmachen oder von dem einen großen, neuen Ding, zum nächsten hasten, nur um am Ende sagen zu können: „Ich war dabei.“ Die Angst, irgendwas zu verpassen (was auch immer das sein mag), ist bei mir relativ gering. Sobald viele Leute auf einen bestimmten Zug aufspringen, vergeht mir meistens ohnehin schon die Lust daran.

Es gibt allerdings eine Sache, bei der mich diese Angst davor, etwas zu verpassen, dann doch erwischt: Beim Feiern. Oft heißt es ja, dass ein Abend besondrs dann gut wird, wenn man eigentlich keine Lust hat. Allerdings ist es nochmal ein Unterschied, ob man einfach keine Lust hat, oder sich mental nicht in der Stimmung dazu fühlt, von Alkohol und einem Haufen fremder und befremdlicher Menschen umgeben zu sein.

Obwohl ich eigentlich Lust hätte feiern zu gehen, weil ich dann bestimmte Leute treffe oder zu bestimmten Liedern abspacken möchte, spüre ich an manchen Tagen einen dicken Kloß in meinem Bauch und in meiner Brust, der mir sagt: „Eigentlich solltest du nicht gehen.“ manchmal höre ich auf diesen gut gemeinten Rat, manchmal eben nicht. Ich könnte immerhin etwas verpassen. Und jetzt kommt die Überraschung: Ich verpasse eigentlich nie etwas.

Meistens verbringe ich den Abend dann nämlich damit, ziellos von einem Floor zum nächsten zu wandern. Auch die besten Lieder bringen mich dann nur schwer in Stimmung. Die Menschen sind mirsowieso einfach nur unangenehm, weil sie mir den Raum zum Atmen und, noch wichtiger, zum Tanzen, nehmen. Und wenn ich dann schon gegen 2 Uhr mein Nummernkärtchen abgebe, um meine Jacke zu holen, weiß ich, dass ich mir das alles hätte sparen können.

An solchen Tagen entscheide ich mich aber bewusst dafür, ein Pfund auf mein Bauchgefühl zu scheißen. Ich entscheide mich bewusst dafür, mich der Gefahr auszusetzen, wegen irgendeiner Nichtigkeit zu heulen, weil alles gerade ein bisschen ätzend ist und ich nicht weiß, wohin mit mir. Manchmal glaube ich, dass das Ausgehen mir dabei helfen könnte, das ganze beiseite zu schieben und den Knoten in mir zu lösen, doch in der Regel verstärkt es dieses negative Gefühl in meinem Bauch nur noch mehr. Denn diese Parties laden oft mehr zum Nachdenken und Gedanken umwälzen ein, als man denkt.

Doch wie komme ich aus dieser Schleife raus?

So wenig, wie ich von diesem ganzen FOMO-Gefasel halte, so wenig halte ich auch von Vorsätzen. Weil sie in den meisten Fällen aufgrund ihrer schwammigen Natur meistens nicht funktionieren. Deshalb möchte ich das folgende nicht als einen Vorsatz bezeichnen, sondern vielmehr als ein Vorhaben. Ich habe nicht den Anspruch, dass es immer funktionieren soll. Ich möchte lediglich bewusster auf mein Bauchgefühl achten und auch darauf hören.

Wenn ich fühle, dass es eine schlechte Idee wäre, auszugehen, dann sollte ich es auch sein lassen. Mittlerweile habe ich genug Fallbeispiele gesammelt, die belegen, dass mein Bauchgefühl recht gehabt hätte und ich ich mir einen größeren Gefallen getan hätte, wenn ich zu Hause geblieben und einfach ein gutes Buch gelesen hätte. Ich muss nicht immer dabei sein – erst recht nicht, wenn ich weiß, dass meine Gesellschaft an dem Abend ohnehin nicht die beste wäre. Ich muss mich nicht dazu zwingen, „Spaß“ zu haben, wenn es nicht das ist, was ich gerade brauche.

Auch wenn mein Bauchgefühl nicht immer Recht hat, ist es oft ein gut gemeinter Schutzmechanismus, den ich nur zu gerne ignoriere. Schließlich will ich mich ja nicht selbst lächerlich machen und wegen irgendeiner sentimentalen Anwandlung einen guten Abend verpassen. Doch oft ist der vermeintlich gute Abend doch nur semi-gut und meine sentimentale Anwandlung nicht wirklich lächerlich.

In diesem Sinne, Ladies & Gentlemen: mehr Bauchgefühl und weniger Zwang.

Vernunft und Verlangen

beinahe ons

Wir waren beide betrunken und ich war einfach da, als du mich fragtest, ob wir zu dir gehen sollen oder zu mir. Dabei wusste ich genau, dass nicht ich es sein musste, die mit dir gehen soll, sondern einfach irgendwer. Nur war ich gerade diejenige, die da war. Die um kurz vor 3 in der Nacht dicht an dicht mit dir in der Kälte stand.

Für einen Moment dachte ich tatsächlich darüber nach, es zu tun. Egal, ob zu dir oder zu mir. Der Gedanke, die Wärme eines anderen Menschen bei und in mir zu spüren, war beruhigend. Wie so oft, wenn ich betrunken und emotionaler bin als mir gut tut. Allerdings war ich in solchen Augenblicken normalerweise alleine. Jetzt warst du da. Die Frage, die schon während unseres gemeinsamen Fußwegs schwer und nebulös in der Luft lag, nun ausgebreitet vor uns auf dem Tisch.

Die Versuchung, einfach mit dir ins Bett zu kriechen, war groß. Ich wollte nicht an das denken, was danach passieren könnte, aber ich tat es. Und alles, was ich „danach“ sah, war kompliziert und anders. Beides Worte, die ich nicht leiden kann. Es fiel mir wirklich schwer, etwas abzulehnen, das ich nie erwartet und mir doch für einen kurzen Traum einmal gewünscht hatte. Doch die Angst vor dem, was danach passieren würde, war zu groß.

Ich wollte nicht noch mehr Scham spüren oder die Blicke der anderen, die mir jedes Mal aufs neue sagen: „Wir wissen es.“ Es hätte in dieser Nacht auch für mich irgendwer gereicht. Und wenn ich losgelassen hätte, hättest du gereicht. Vielleicht sogar mehr als das, aber wer will am Ende schon irgendwer sein?

Also entschied ich mich für die unausgesprochene, dritte Option. Unsere Wege trennten sich. Du gingst zu dir und ich zu mir. Wir sprachen nicht mehr darüber und das ist auch gut so. Auch wenn ich ab und an daran denken muss, was passiert wäre, wenn ich deine Frage anders beantwortet hätte, bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Irgendwie.

Und so siegte einmal mehr die Vernunft über das Verlangen.

Mein Berliner Alter Ego

berlinVon Freitag auf Samstag war ich beruflich in Berlin unterwegs. Am zweiten Tag hatte ich den Nachmittag über ein paar Stunden bis zu meinem Rückflug, die ich für mich nutzen konnte. Also stieg ich in den nächsten Bus und fuhr zur Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum, wo ich fast zwei Stunden andächtig von einem Raum zum nächsten wanderte. Anschließend fuhr ich zurück nach Charlottenburg. Ziel: Schwarzes Café, um noch ein schönes Stück Kuchen zu genießen, bevor ich zum Flughafen musste.

Ich hatte Glück und bekam draußen noch ein kleines Tischchen. Die Sonne schien – es war der perfekte Tag, um dort zu sitzen und die Leute um mich herum zu beobachten. Neben mir unterhielten sich zwei Amerikanerinnen auf englisch über die Hindernisse der deutschen Sprache. Direkt vor mir saß ein schwules Pärchen bei einem Tässchen Kaffee. Alles wirkte irgendwie international und besonders. Ich konnte meinen Blick nur schwer von der jungen Frau nehmen, die rauchend vor dem Café stand und ihren königsblauen Zweiteiler mit einer Selbstverständlichkeit trug, die man Bonn so nicht (oder nur sehr selten) erleben würde. Berlin ist halt doch eine Welt für sich.

Und während ich so da saß, konnte ich nicht anders, als mir vorzustellen, was wäre, wenn ich ein Teil dieser Welt wäre. Ein bisschen künstlerisch, ein bisschen alternativ, weltoffen und ein kleiner Paradiesvogel. Ich stellte mir vor, ein großes Atelier mit hohen Decken und knarzendem Parkett zu haben. Meine Haare sind immer ein bisschen unordentlich, aber der rote Lippenstift ist stets perfekt nachgezogen. Im Sommer sitze ich oft draußen in einem der zahlreichen Cafés, rauche eine Zigarette und beobachte die Leute.

Im Herbst und Winter mache ich alleine lange Spaziergänge durch die Stadt. Probleme mit anderen ins Gespräch zu kommen, habe ich keine. Meine Beobachtungen und Gespräche sind die Grundlage für meine gefeierten Kurzgeschichten und Romane. Freitagabends geht es dann in eine kleine, schummerige Jazz- oder Soulbar – ganz ohne Plan, denn man trifft immer Leute, die man kennt.

Und vielleicht würde ich sogar die junge Frau ansprechen, die mir im Bus gegenüber sitzt und die mit ihrem perfekten, französisch angehauchten Garconne-Stil und dem kurzen, Haar, das ihr verwegen in die Stirn fällt, einen femininen James-Dean-Charme versprüht.

Es ist eine kleine, idealisierte Traumwelt, die ich mir in nicht viel mehr als einer halben Stunde aufgebaut habe. Eine Welt in der ich stereotype Künstlerin und legere Verführerin in einem bin. Es ist eine interessante Vorstellung, die ich gerne bis zu einem gewissen Grad ausreizen würde. Denn wer würde nicht manchmal gerne die perfekte Welt seiner Tagträume ausleben? Einfach nur, um wirklich nachempfinden zu können, wie das Leben sonst noch sein könnte?

Wer weiß, das Leben ist noch jung. Vielleicht verwirkliche ich irgendwann tatsächlich einen Teil dieser vielen kleinen Träume und mache mein Leben damit zu einer Symbiose bestehend aus all den Alter Egos, die ich mir schon erträumt habe.

Wir vergessen oft, dass wir unser Leben selbst in der Hand haben. Dass wir immer noch selbst bestimmen, wie wir leben. Manche Träume sind in der Fantasie zwar besser aufgehoben, aber manchmal sind sie auch das perfekte Material um zu experimentieren dem Alltag neues Leben einzuhauchen.

Mir persönlich war mein Berliner Alter Ego trotz aller Klischeehaftigkeit irgendwie sympathisch, weil es so viel unangepasster und freier ist, als das Ich, das ich im Moment lebe. Vielleicht sollte ich mir davon mal eine Scheibe abschneiden.

Auch wenn ich dem Rauchen wohl nie anfangen werde… das war nur eine künstlerische Freiheit meiner Kreativität, die ich selber nicht ganz verstehe.