Der Strom der Veränderung

KontinuitätWenn ich als Grundschülerin meine Mutter angesehen habe, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich einmal wie sie sein würde: erwachsen. Die Zeit damals verging langsam. Die Sommer waren endlos und warm. Es war für mich unvorstellbar, dass sich jemals etwas verändern würde – vor allem aber, dass ich mich jemals verändern würde.

In meiner Vorstellung würden alle Sommer so endlos und warm bleiben und ich würde immer im Kreis der Erwachsenen sitzen und ihnen gebannt zuhören, während sie über Dinge sprachen, über die ich wegen meiner Unerfahrenheit nicht mitreden konnte.

Umwälzungen

In Wahrheit hat sich in all den Jahren sehr viel für mich verändert. Zwar habe ich auch jetzt noch häufig das Gefühl, zu unerfahren für vieles zu sein, aber verändert habe ich mich trotzdem. Es ist ein kontinuierlicher, beinahe schleichender Prozess – vieles habe ich selbst kaum bemerkt – aber gibt es immer wieder Phasen der Umwälzung, in denen einem bestimmte Veränderungen mit einem Schlag bewusst werden.

Einen dieser Momente hatte ich, als ich vor ein paar Tagen im DM vor dem bunten Regal voller Bodylotions stand (der perfekte Ort für augenöffnende Erkenntisse über das Leben, nicht wahr?). Anlass war,wie so häufig, etwas ganz banales: Ich wollte eine neue Bodylotion kaufen.

Im Studium hätte ich etwas fruchtiges genommen, das möglichst günstig ist. Am Ende entschied ich mich aber für ein Produkt, das weder das eine, noch das andere war. Keines dieser beiden Kriterien war für mich wirklich relevant, als ich nach einem potenziellen Kandidaten griff. Stattdessen schaute ich auf die Inhaltsstoffe und darauf, ob das Produkt tierversuchsfrei war.

Dann ging ich zu den Lebensmitteln und nahm mir ein Superfood-Pulver für knapp 4€ mit, einfach nur um es auszuprobieren. Früher hätte ich niemals 4€ für etwas ausgegeben, wovon ich nicht von vorneherein überzeugt gewesen wäre. Es wäre schlichte Geldverschwendung gewesen. Erst recht, wenn ich es nicht gemocht hätte.

Alltägliche Beispiele wie diese zeigen mir, wie stark sich mein Konsumverhalten und damit auch meine Werte verändert haben. Während ich auf einige Faktoren, wie Nachhaltigkeit oder Tierversuche, mehr achte als früher, bin ich in anderen Aspekten offener und experimentierfreudiger geworden. Natürlich rührt gerade letzteres vor allem daher, dass ich mehr Geld zur Verfügung habe, was die Verschiebung meiner Prioritäten aber nur noch weiter begünstigt.

Same but different?

Selbst in diesem Bewusstsein sage ich oft, dass ich mich nicht viel anders fühle, als während meiner Schulzeit, was nicht gelogen ist. Manchmal fühle ich mich genauso unvorbereitet auf das Leben wie damals und manche Dinge (wie meine Liebe zum Regen und alten Filmen) ändern sich wahrscheinlich nie, doch um diese großen Konstanten herum hat sich doch mehr getan, als man zuerst denkt.

Der Zahn der Zeit lässt sich nicht aufhalten und er geht an niemandem spurlos vorüber. Und damit meine ich nicht nur, dass sich irgendwann unweigerlich die ersten feinen Fältchen in den Augenwinkeln zeigen, sondern auch Dinge wie der Kleidungs-, Ernährungs- oder Einrichtungsstil. Dinge die mit einem mitwachsen, während man bewusst die Entscheidung trifft, sich von manchen Dingen zu trennen und andere neu in sein Leben zu lassen.

Es gibt keinen Stillstand. Selbst dann nicht, wenn man glaubt „sich selbst“ gefunden zu haben. Dabei glaube ich noch nichtmal, dass dieser Ausdruck „Selbstfindung“ so treffend ist. Wir sind immer wir selbst und wir sind immer da, wo wir gerade sein müssen, nur dass wir uns dessen manchmal mehr und manchmal weniger bewusst sind. Deshalb bevorzuge ich auch in der Regel den Ausdruck „Selbstbewusstsein„.

Wir wissen, wann wir uns für andere verstellen und auch, wann wir uns selber anlügen. Ob wir danach handeln, ist wieder eine Sache. Fakt ist aber, dass wir nie aufhören, uns zu verändern. Wir verändern uns, wenn wir es uns am meisten wünschen und wir verändern uns, wenn wir eigentlich wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.

Als ich mich mit meinen Einkäufen aus dem DM auf den Weg nach Hause machte, war ich zufrieden mit mir. Obwohl ich mich mit Veränderungen in der Regel sehr schwer tue, sind sie nicht immer schlecht. Meistens sind sie ein Zeichen des Wachstums und wenn ich mir so anschaue, wie die letzten Monate für mich gelaufen sind, glaube ich, dass ich ein ganzes Stück gewachsen bin.

Die Angst vor der Unvergänglichkeit

 

TattooAls ich 14 oder 15 war, habe ich mir ein Labret-piercing stechen lassen. Damals war ich am Beginn meiner „unangepassten Phase“ und fand es nicht nur todschick, sondern dachte auch noch einen Schritt weiter: Was, wenn ich das Ding irgendwann nicht mehr will? Dann kann ich es einfach rausnehmen und keinen stört es. So habe ich selbst in dieser pseudo-rebellischen Zeit an die Zukunft gedacht. Wenn das mal kein feuchtes Schulterklopfen wert ist, dann weiß ich auch nicht. Vor ca. anderthalb Jahren war die Zeit meines Piercings dann gezählt – der Job rief.

Manchmal vermisse ich es schon ein wenig, weil es jahrelang ein Teil von mir war, aber das soll jetzt nicht das Thema dieses Beitrags sein. Stattdessen soll es um Tattoos gehen – denn im Gegensatz zu den meisten Piercings sind die wirklich für die Ewigkeit gedacht.

Tattoos haben mich seit meiner Jugend gereizt, doch ich hatte immer Angst vor der Bindung. Was, wenn mir das Motiv später nicht mehr gefällt? Oder die Stelle? Und wer will schon eine Sonne auf den Arm tätowiert bekommen, die im Alter eher wie eine Trockenpflaume aussieht? Ich hatte zahlreiche Ideen, die ich mir gerne hätte stechen lassen, doch neben dem Schmerz und dem Preis hielt mich vor allem die Angst vor der Unvergänglichkeit zurück.

Jeder, der sich in den 90ern ein Arschgeweih hat stechen lassen, läuft immer noch damit rum. Außer er hat ein Cover-Up machen lassen, was ein neues Tattoo bedeutet oder er hat in eine Laserentfernung investiert, was nicht nur scheißeteuer ist, sondern auch scheißewehtut.

Und dann machte es „Klick!“

Meine Einstellung, gefangen zwischen Skepsis und Faszination änderte sich beinahe schlagartig im Herbst letzten Jahres. Damals ließ ich mir einen Teil der Himalaya-Bergkette auf die Innenseite meines rechten Oberarms tätowieren. Es war mehr oder weniger eine spontane Aktion, die Entscheidung schnell getroffen und der Termin nur wenige Wochen später. Es war einer dieser Momente, in denen man einfach weiß: „Jetzt oder nie.“ Ich entschied mich für das „Jetzt“ und bereue es bisher kein Stück. Vielmehr frage ich mich, warum ich so lange gezögert habe.

Ich kann auch nicht sagen, was genau ausschlaggebend für den Sinneswandel war. Ich vermute aber, dass es vor allem daran lag, dass ich mich in der Zeit dafür entschieden hatte, wieder mehr ich selbst zu sein und meiner Intuition zu folgen. Und ich wollte mich nicht mehr jahrelang mit diesem elenden „Was wäre wenn…?“ beschäftigen? Nicht immer nur denken und alle Ideen monate- oder jahrelang durchkauen, sondern manchmal einfach machen.

Dabei ist das mit dem Durchkauen eine meiner Spezialitäten. Große und auf den ersten Blick wichtig erscheinende Entscheidungen münden bei mir jedes Mal in ellenlange Diskussion mit mir selbst, in denen das für und wider so lange gegeneinander abgewogen wird, bis ich mich gar nicht entscheide und alles im Sande verlaufen lasse. So ging es mir auch lange  mit dem Tattoo. Ich dachte lange Zeit, ein Tattoo muss bedeutungsschwer und symbolisch sein – immerhin wird es für immer auf der Haut bleiben.

Ganz entspannt bleiben

Mittlerweile sehe ich das etwas entspannter, was wohl überhaupt erst zu diesem ersten Tattoo geführt hat. Auch wenn ich mir ein Motiv später nicht mehr so stechen lassen würde, ist es trotzdem stellvertretend für eine gewisse Phase in meinem Leben – ganz egal, ob es im Moment des Stechens eine tiefsinnige Bedeutung hat, oder nicht. Es ist eine Erinnerung, aber auch Selbstdarstellung und –verschönerung. Es macht meinen Körper noch einzigartiger und bringt mich näher zu mir selbst.

Letztes Wochenende folgte dann das zweite Tattoo: Ein Lavendelstrauch am linken Unterarm. Beinahe bedeutungslos und absolut spontan, denn die Entscheidung dazu habe ich erst am Abend davor gefällt.  Es ist, als wäre meine Hemmschwelle wie eine bröcklige Mauer in sich zusammengefallen. Im Kopf sind beide Arme schon voller Tattoos und von der anfänglichen Angst ist keine Spur mehr.

Vielmehr freue ich darauf, wenn ich in vielen Jahrzehnten alt und runzelig bin und mir mit anderen tätowierten Verrückten das Altenheim teile. Dann zeigen wir uns gegenseitig unsere Trockenpflaumen- und aprikosen und lachen darüber. Über uns, die Tattoos und manchmal auch darüber, wie dumm wir waren, as wir sie uns haben machen lassen. Weil das Leben nicht perfekt ist und wir sind es auch nicht.

Trotzdem sind wir die meiste Zeit irgendwie glücklich damit.

Ich weiß nicht, ob meine Tattoos mir in ein paar Jahren noch gefallen werden, doch ich weiß, dass ich bisher die Dinge, die ich nicht getan habe, immer mehr bereut habe, als die Dinge, die ich getan habe und dass ich im Moment sehr zufrieden mit ihnen bin.

Was sollte ich sonst noch wollen?

 

„Sorry, aber ich bin schon vergeben.“

Kuss

Sorry, aber ich bin schon vergeben.“ Diese Ausrede hat mit Sicherheit jeder schon mal in der einen oder anderen Form benutzt. Auch ich habe sie hin und wieder mal fallen gelassen, doch die Sache ist die: wenn wir sie benutzen, entspricht es nicht immer der Wahrheit. In meinem Fall hat es tatsächlich nie gestimmt.

Oft ist diese Ausrede nämlich einfach nur genau das – und damit eine beliebte Ausflucht von zahlreichen Singles vor ungewollten Verehrern. Es ist wie das berühmt-berüchtigte: „Sorry, Schatz, aber ich habe Migräne.“ in eingeschlafenen Beziehungen. Das kommt nicht zuletzt daher, dass dieser Weg so unglaublich komfortabel ist. Immerhin gibt es für viele Leute keinen vernünftigeren Grund, um die Avancen gegenüber dem neuesten Objekt der Begierde aufzugeben.

Wenn jemand vergeben ist, macht es keinen Sinn, der Person weiter nachzulaufen (meistens jedenfalls). In dem Fall sind auch keine weiteren Erklärungen nötig. Deshalb war es für mich immer eine bevorzugte Ausrede, wenn ich angesprochen wurde und einfach keine Lust hatte. Ich musste keine Fragen beantworten wie: „Ja, aber warum denn nicht?“ oder „Willst du es nicht mal versuchen?

Dabei denke ich mir sowieso nur: „Ich habe doch gerade gesagt, dass ich einfach kein Interesse habe. Was ist daran so schwer zu verstehen?“ Warum müssen wir uns immer rechtfertigen, wenn wir jemanden abweisen, einfach nur weil er oder sie uns nicht sympathisch ist? Oder weil wir nicht in der Stimmung zum flirten sind? Muss es immer einen triftigen Grund geben?

Die „Partner-Lüge“

Um solchen sinn- und fruchtlosen Diskussionen zu entgehen, flüchten Singles rund um den Globus sich regelmäßig in die kleine große „Partner-Lüge“.  Ich persönlich finde es nicht verwerflich, wenn man sich damit unnötige Gespräche vom Leib halten kann. Mich macht es eher stutzig, dass man überhaupt zu solchen Mitteln greifen muss, um ernst genommen zu werden, wenn man irgendeinen Fremden im Club abweist.

Natürlich lässt sich nie ausschließen, dass einem so etwas (oder jemand) entgeht, aber die Gefahr besteht doch immer. Selbst wenn wir uns auf eine Person einlassen, schließen wir damit die Türen zu anderen Personen. Und wenn man mal ganz pragmatisch ist: potenzielle Partner gibt es wie Sand am Meer. Wenn der eine nicht passt, dann gibt es immer irgendwo eine Alternative. Deshalb mache ich mir als Single auch keine Gedanken um so was, sondern genieße vielmehr die Zeit, die ich für mich habe (eines der Privilegien, die ich in einer Beziehung nur schwer aufgeben kann).

Was ist schon normal?

In diesem Zusammenhang fällt mir gleichzeitig noch etwas auf, was das Thema dieses Beitrags betrifft: eben weil die Partner-Lüge so eine beliebte Ausrede ist, zeigt sich darin einmal mehr, was von der Gesellschaft als „normal“ gewertet wird: Menschen sind entweder in einer Beziehung oder wollen zumindest in einer sein. Die Möglichkeit, dass jemand gerade ernsthaft kein Interesse hat oder sogar sein Singleleben genießt, wird häufig nicht akzeptiert.

Meistens kann man sich dann so Sprüche anhören wie: „Der Richtige/Die Richtige kommt schon noch.“ das mag schon sein, aber könnt ihr bitte diesen mitleidigen Ton in der Stimme abschalten oder daran ersticken? Kein Interesse zu haben ist weder traurig, noch zwangsweise ein Zeichen des Trotzes, weil man niemanden abkriegt. Das ist einfach nur Bullshit.

Aber warum ist das überhaupt so? Sicher, wir Menschen waren schon immer evolutionsbedingt Herdentiere. Denn mal ehrlich: wenn so ein Baby das Licht der Welt erblickt, ist es alleine alles andere als überlebensfähig – und das trifft traurigerweise auch auf viele Erwachsene zu. Die Evolution zwingt uns dazu, dass wir uns in Lebensgemeinschaften zusammenfinden wollen. Ausnahmen gibt es zwar, werden aber  nur mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Wie, das ist nicht normal?

Und ja, es mag sein, dass sich mit dem passenden Partner auch die Bereitschaft zu einem Zwei-Mann-Rudel einstellt, aber das bedeutet bis dahin nicht, dass man auf die Flirtversuche von Hinz und Kunz eingehen muss, die einen überhaupt nicht interessieren.

Es ist nicht gerade die ehrliche Art, aber um diesem Rattenschwanz an Problemen und Fragen zu entgehen ist das für mich nur noch ein Grund mehr, um mich für die faule Ausrede zu entscheiden, statt einfach nur zu sagen: „Sorry, aber ich habe kein Interesse.

 

Fakten: Das A und O einer guten Geschichte?

Art

Als Kind habe ich gerne Geschichten geschrieben. Damals habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, ob etwas realistisch oder sinnvoll ist. Ich bin einfach meiner Fantasie gefolgt. Die Ergebnisse waren oft so seltsam wie faszinierend. Dieser unbefangene Umgang mit meiner Fantasie ist im Laufe der Jahre immer stärker zurückgegangen. Stattdessen habe ich einen größeren Wert auf Fakten gelegt.

Im Zuge dessen habe ich mehr Gehirnschmalz in meine Geschichten gesteckt. Für eine bestimmte Story sammelte ich sämtliche Informationen über Jack the Ripper, Folterinstrumente und das viktorianische London, die ich finden konnte. Für eine andere zeichnete ich eine Karte von Manhattan mit den wichtigsten Merkmale aller Viertel und überlegte wie ich sie sinnvoll in die Geschichte einweben konnte. Teilweise suchte ich mir dafür sogar die Strecken der öffentlichen Verkehrsmittel raus, um zu sehen, wie lang die Wege zwischen einzelnen Punkten waren.

Recherche > Schreiben?

Am Ende war es ein bisschen wie beim Sims-Spielen: Ich habe mehr Zeit damit verbracht, das Haus zu bauen, als tatsächlich mit den Sims zu spielen. Es hat zum einen länger gedauert, aber es hat teilweise auch fast schon mehr Spaß gemacht. Und mal ehrlich: wer liest nicht gerne stundenlang Artikel über „Spanische Stiefel“, „die Judaswiege“ und co.?

Nur ich? Auch gut…

Der Sinn dieser ganzen Recherche war eigentlich nur eines: Ich wollte meine Geschichten so authentisch wie möglich schreiben. Dass dabei vieles trotzdem reines Fantasiegespinst war, steht außer Frage. Denn es ist nun mal so: ich habe nie im viktorianischen London gelebt, geschweige denn irgendein Folterinstrument selbst ausprobiert und als ich meine andere Geschichte schrieb, hatte ich noch nie einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt. „Authentisch“ bezieht sich also auf den Rahmen meiner stark beschränkten Möglichkeiten und Kenntnisse.

Irgendwann habe ich mal gehört, dass man nur das schreiben soll, was man selbst kennt. Auf der einen Seite macht es durchaus Sinn: wie soll ich über das Leben in Indien schreiben, wenn ich noch nie da gewesen bin und gar nicht weiß, wie die Leute dort leben? Dabei ist es auf der anderen das Schöne an der Kunst, egal in welcher Form, dass man die Realität nehmen und sie nach den eigenen Vorstellungen formen kann. Man kann ihr den Anstrich verleihen, den man gerade benötigt und so seine eigene Version dieser Realität erschaffen.

Denn noch wichtiger als die Fakten ist für mich die Atmosphäre – das Gefühl, das eine Geschichte bei einem hinterlässt. Deshalb glaube ich zwar an eine gründliche Recherche, aber nur, um die Atmosphäre zu unterstützen, die ich kreieren will und ihr einen passenden Rahmen zu geben. Es ist meine Art, um neues zu entdecken und so meinen Horizont zu erweitern.

Nobody’s perfect – nobody’s the same

Ich würde es mir nie nehmen lassen, über ein Thema zu schreiben, das mich interessiert, nur weil ich es selber nicht erlebt habe. Was ich schreibe, mag dann nicht zu 100% den Tatsachen entsprechen, aber was heißt das schon? Was ist schon richtig oder falsch, wenn jeder die Welt anders wahrnimmt? Und muss immer alles streng realistisch sein?

Wenn ja, dann würde es wahrscheinlich mehr als die Hälfte aller Filme und Bücher, die wir so sehr lieben, nicht geben. Und das wäre einfach nur traurig. Ich für meinen Teil möchte mir die Freude am Schreiben nicht durch irgendwelche Dogmen dieser Art nehmen lassen. Dafür ist mir das bisschen Kreativität zu kostbar, das ich in mir trage und das muss auch genutzt werden. Selbst wenn das bedeutet, dass ich trotz aller Sorgfalt Fehler machte.

 

Das größte Kompliment

PartyGestern war wieder ausrasten angesagt. In meinem Fall bedeutet das: Tanzen bis in die frühen Morgenstunden ohne mich darum zu kümmern, was andere Leute davon halten könnten. Ich hatte vor ein paar Monaten schon mal darüber geschrieben, dass es mir nicht liegt, einfach nur mit dem Drink in der Hand rumzustehen und ein bisschen mit dem Arsch zu wackeln, weil es „sexy“ aussieht.

Genau so wenig liegt es mir, zu Musik zu tanzen, die mir nicht gefällt. Wenn ich in einer größeren Gruppe unterwegs bin, wechsle ich dann auch schon mal einfach den Floor – unabhängig davon, ob jemand mitkommt oder nicht. Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik! Dementsprechend unbeschwert und ausgelassen habe ich den Abend, bzw. die Nacht, verbracht. Und ehrlich gesagt: Ich hatte lange nicht mehr so viel Spaß beim tanzen wie gestern.

Mein persönliches Highlight ereignete sich aber erst, als die Party für mich eigentlich schon vorbei war: Ich hatte mich gerade am Ausgang angestellt, um meine Zeche zu zahlen, als ein Kerl auf mich zukam. Normalerweise bin ich solchen Momenten eher stutzig bis misstrauisch, weil in der Regel nichts vernünftiges rauskommt, doch ich wurde eines besseren belehrt.

Er legte mir die Hand auf die Schulter und sagte mir wie toll er es fand, dass ich einfach mein Ding durchgezogen habe. Er fand es gut, dass ich: „alleine gekommen bin und alleine wieder gehe“ und trotzdem so viel Spaß hatte. Dass ich mich nicht von irgendwem abschleppen lassen musste, um eine geile Zeit zu haben. Ich musste ihn erstmal dahingehend korrigieren, dass ich nicht alleine gewesen bin, aber irgendwo hatte er schon Recht: selbst wenn ich mit anderen unterwegs bin, feiere ich meistens doch eher für mich.

Diese kurze Unterhaltung, dieses Kompliment, war das größte, was man mir seit langem gemacht hat. Natürlich ist es nett, wenn jemand einem sagt, dass man schöne Augen hat oder gut aussieht, aber meistens gebe ich da trotzdem nicht besonders viel drauf, weil es mir einfach nicht wichtig ist. Selbst an Abenden wie diesen, wo selbst ich mich zumindest ein wenig aufbretzle, denn ich mache das ja nicht, damit die Männerwelt mir Honig ums Maul schmiert, sondern weil ich gerade Lust darauf habe.

Er hat mich auch nicht auf eine Art bewundert, die suggeriert hätte, dass er irgendeine Gegenleistung  verlangt. Er wollte mich nicht anbaggern. Nur ein paar nette, spontane Worte von einem Mensch zum anderen. Es waren die pure Ehrlichkeit und die Tatsache, dass er mir zu meiner Persönlichkeit und meiner Art ein Kompliment gemacht hat, die mich in dem Moment berührt haben. Und das in dem Moment, in dem ich am wenigsten damit gerechnet habe.

Ich habe mich bei ihm bedankt und ihm noch einen wunderbaren restlichen Abend gewünscht. Das Grinsen auf meinem Gesicht während des Heimwegs hätte nicht größer sein können. Das sind die Augenblicke, die für mich beim Feiern größer und besser sind, als am Ende mit irgendeinem Typen in der Kiste zu landen, den ich danach sowieso nie wieder sehen will. Diese flüchtigen, zwischenmenschlichen Momente, die mir zeigen: Ich bin vielleicht ein bisschen bekloppt mit einem Hang zur Schrulligkeit, aber das ist auch gut so. Alles andere wäre einfach nur langweilig.

Das Leben ist zu kurz, um es nach den Vorstellungen anderer zu leben, in der Hoffnung, dass sie einen dafür loben. Viel lieber lebe ich es auf meine Art. Ich will dafür keine „Komplimente“, aber wenn ich sie bekomme und sie so ehrlich und real sind, dann sind sie mir 100 mal so viel wert wie irgendeine halbgare Floskel.

Alles reine Kopfsache

Aufwärts

Wenn wir alle mal ehrlich sind, dann wissen doch nur die wenigsten von uns, was wir hier eigentlich tun. Ja, wir planen bestimmte Dinge im voraus. Wir planen unseren Urlaub, Teile unserer Karriere und andere Ziele, die wir erreichen möchten. Aber wenn man das alles runterbricht, sieht es am Ende so aus: Wir leben von einem Tag zum nächsten und können nur einen Schritt nach dem anderen gehen.

Das fällt uns an manchen Tagen sehr leicht. Alles scheint uns regelrecht zuzufliegen und wir sind beeindruckt von dem, was wir gerade erreichen. Es gibt aber auch Tage, an denen es schwer ist. So schwer, dass wir manchmal einfach nur stehen bleiben wollen, weil wir das Gefühl haben, dass wir nicht weitergehen können. Wir starren dann einfach nur auf unsere Füße. Der Weg scheint scheint immer weiter und weiter zu werden. Und man fragt sich: Wozu überhaupt noch weitergehen? Das wir doch sowieso nichts mehr.

Auch wenn es häufig nichts an de Tief selbst ändert, hilft es mir immer, wenn ich mir diesen Momenten vor Augen führe, dass sie nur temporär sind. Dass alles langfristig gesehen nicht mal halb so schlimm ist, wie meine Gedanken es mir einreden wollen. Und gerade in unseren vermeintlich schwächsten Augenblicken, haben wir mehr Stärke in uns, als wir in uns zugestehen.

Zu dieser Erkenntnis bin ich vor ein paar Tagen gekommen (oder eher gebracht worden). Besonders wenn wir sehr perfektionistisch veranlagt sind, fällt es uns schwer, Lob oder Komplimente anzunehmen, denn wir sehen in erster Linie nur die Dinge, die wir noch besser machen können und vernachlässigen das, was wir schon geschafft haben. Ich bin gerade in den letzten Monaten besser darin geworden, anerzuerkennen, dass das, was ich mache gut ist – auch wenn es (noch) nicht perfekt ist.

Trotzdem gibt es Tage, an denen mir mein „gut“einfach nicht gut genug ist. Ich ärgere mich einfach nur über alles, was ich tue und nicht tue, weil mir alles falsch und schlecht vorkommt. Das sind die Tage, an denen ich stehen bleibe oder mich noch lieber in der Erde einbuddeln würde. Dabei denke ich gar nicht daran, dass das nur meine Sicht der Dinge ist. Ich vergesse, dass die Menschen um mich herum mich trotzdem für das schätzen, was ich tue und für das, was ich bin.

Nach meinem Tief der letzten Tage, fühlt es sich wieder so an, als würde es langsam wieder bergauf gehen. Meine Schritte haben noch lange nicht ihr altes Tempo aufgenommen, sie warten nur darauf, dass mein Kopf ihnen wieder das „Go“ gibt. Denn das sind die Herausforderungen in unserem Leben: reine Kopfsache. Ganz besonders dann, wenn es schwer wird.

Ich weiß, dass ich jetzt am Beginn einer neuen Aufwärtskurve stehe. Wenn ich nach vorne blicke, kann ich sie schon sehen, diese leichte Steigung. Nur noch ein bisschen die Zähne zusammenbeißen, gut zu mir selbst sein und das Leben nehmen, wie es ist. Wir können alles tun, was wir uns vornehmen. Wir müssen uns nur jeden Tag wieder ein bisschen mehr anstrengen – oder es wenigstens versuchen.

Dieses Tief hatte jetzt nicht die Ausmaße des Finanzcrashs von 2008, doch es hat ausgereicht, um für mich alles wieder ins rechte Licht zu rücken. Es hat mich auf die nächsten Schritte vorbereitet und mir die Zeit gegeben, um meine Wanderschuhe neu zu schnüren. Es ist immer leichter, bergab zu gehen, sich seinen Gedanken hinzugeben, wenn sie erstmal Fahrt aufgenommen haben, selbst wenn man weiß, dass sie einem nicht gut tun. Es ist aber nur so lange leicht, bis man im Tal angekommen ist. Es ist schon dunkel und man hat keinen Ort zum schlafen.

Dann heißt es: Einfach mal eine Nacht unter freiem Himmel schlafen, reflektieren und sich ausruhen. Morgen geht es weiter und dann wird es auch wieder bergauf gehen. Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt.

Ein Angriff auf das Gewohnheitstier

London

Spontaneität ist nicht gerade eine meiner Stärken. Ich bin sehr verwurzelt in meinen Routinen und fühle mich dort sehr wohl. Vieles, was diesen gewohnten Rahmen sprengt, erfordert meist stundenlanges Überlegen. Dabei wiege ich pro und kontra meist derart umfangreich ab, dass sich die Entscheidung wieder erledigt hat, weil es einfach zu spät ist.

Diesem Dilemma begegne ich im Alltag relativ häufig. Egal, ob es darum geht, in einer Sitzung auf der Arbeit etwas vor allen Anwesenden zu sagen, oder darum, anstelle von Spaghetti-Eis was anderes zu probieren. Um hier ja keinen zu spannenden Cliffhanger zu erzeugen: meistens bleibe ich bei meinen Mustern. Das heißt, ich sage in der Sitzung natürlich nichts und was anderes als Spaghetti-Eis kommt mir nicht auf den Tisch. Denn mal ehrlich: Was ist bitteschön besser als der gefrorene Kern aus Sahne?

Eine Entscheidung gegen die Gewohnheit

Doch auch als erprobtes Gewohnheitstierchen habe ich mir in letzter Zeit vermehrt die folgende Frage gestellt: Was ist eigentlich das Schlimmste, was mir passieren kann, wenn ich mal etwas anders mache? Und vor allem spontan anders mache?

Die Antwort darauf war so beruhigend wie erüchternd. Denn meistens sieht es doch so aus: Ich werde davon weder sterben, noch sonst irgendwem Schaden zufügen. Ich gebe mir selbst nur die Chance etwas zu erleben, das potenziell besser sein kann als mein normales Leben – aber auch schlechter. Mehr ist es nicht. Und trotzde fällt es mir so schwer, einfach mal dem Impuls des Moments zu folgen…

Um aus dieser Gewohnheitskiste auszubrechen, habe ich deshalb etwas ganz verrücktes getan („verrückt“ ist übrigens ein sehr dehnbarer Begriff, wie man an meinen Standards sieht): Ich habe ein Wochenende in London gebucht. Ganz für mich allein. Und ich habe nur 2 Tage gebraucht, um diese Entscheidung zu treffen! Das hat doch einen feuchten Schulterklopfer verdient, oder?

Damit habe ich gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen, um mich mit sanftem Druck aus meiner Komfortzone zu schieben. Denn die Sache ist die: London ist natürlich keine billige Stadt, aber im Moment kann ich es mir leisten. Also, wozu der falsche Geiz? Erlebnisse sind schließlich die beste Form der Geldanlage (sorry, Aktien).  Nun aber zu den Gewohnheiten, denen ich mit dieser Aktion ein Schnippchen schlagen will:

1. Ich verbringe mein Wochenende mal komplett anders als sonst. Obwohl London mir sehr vertraut ist, habe ich dort natürlich ganz andere Möglichkeiten. Statt zu Hause oder bei meinen Eltern einfach nur herumzuhängen, werde ich unterwegs sein und Ecken der Stadt erkunden, die ich noch nicht gesehen habe und mich mit neuen Eindrücken umgeben.

2. Ich werde alleine sein. Damit habe ich an sich kein Problem, doch es gibt immer noch Dinge, die ich nicht gerne alleine mache, allen voran auswärts essen. Dabei ist es eigentlich nichts wofür man sich schämen muss. Dieses Wochenende wird für mich also eine gute Probe sein, mich noch wohler in meiner eigenen Gesellschaft zu fühlen und mich davon nicht einschränken zu lassen. Und auch so werde ich alles alleine regeln müssen. Das ist in einer Stadt, die man schon kennt, vielleicht nicht die größte Herausforderung, aber doch zumindest eine gute Übung.

3. Ich folge meinem Bauchgefühl. Meist ist es doch so,  dass wir unsere Tage sehr ähnlich verbringen. Wir nehmen uns zwar ständig besondere Ausflüge vor, machen aber nur die wenigsten davon, weil wir es uns selbst wieder ausreden. Doch gerade, wenn diese Impulse spontan aufkommen, sind sie ein Zeichen dafür, dass uns etwas gerade besonders gut tun würde oder uns schlicht fehlt. In meinem Fall heißt das, zumindest für 2 Tage den Alltag zu verlassen und mir Zeit für mich zu nehmen, die ich nicht mit Netflix & Co. verbringe.

Der Moment, als ich die Flugtickets gebucht habe, war für mich unerwartet aufregend. Einfach, weil ich normalerweise nicht als der Mensch bekannt ist, der spontan irgendwo hin fliegt oder etwas ungewöhnliches macht. Doch das muss nicht bedeuten, dass ich mich dieser Rolle immer fügen muss. Ich will mehr reisen und mehr Erfahrungen sammeln, auch wenn das heißt, dass ich meine geliebten Gewohnheiten zeitweilig hinter mir lassen muss.