Fernweh und andere Probleme

Fernweh

Mir fällt die Decke auf den Kopf. Zumindest fühlt es sich gerade so an. Seit Tagen schon bin ich rastlos, kann mich auf nichts konzentrieren. Ich fange eine Aufgabe an, nur um eine Minute den Tab für etwas neues am PC zu öffnen. Nichts mag irgendwie wirklich gelingen. Mein Kopf ist gefühlt überall – nur nicht dort, wo er gerade sein soll. Wenn er nicht angewachsen wäre, wäre er mir wohl schon längst von den Schultern gesprungen und davon gerollt.

Er wäre zum nächsten Flughafen und in den nächstmöglichen Flieger gekullert, denn die Wahrheit ist die: Ich habe ganz böses Fernweh. Für dieses Jahr stehen schon zwei große Reisen an, die ich voller Ungeduld erwarte, doch jetzt gerade kann es mir einfach nicht schnell genug gehen. Am liebsten würde ich jetzt meinen Koffer packen und abhauen.

Und weil die eine Reise im März ist und die andere im November, überlege ich natürlich auch, wie ich die Monate dazwischen überbrücken kann. Im Moment bin ich jedenfalls fest davon überzeugt, dass ich wahnsinnig werde, wenn ich sie hier verbringe. Meine neueste, fixe Idee ist ein langes Wochenende alleine in einer Stadt, in der ich noch nie vorher gewesen bin: Barcelona.

Zum einen ist da der Nervenkitzel, weil ich gerne mal alleine reisen würde, es aber noch nie wirklich getan habe. Zum anderen möchte ich mich mal wieder voll und ganz diesem Kulturrausch hingeben. Selbst wenn es nur für ein paar Tage ist. Hauptsache weg, hauptsache schön.

Woher dieser plötzliche Drang zur Flucht kommt, weiß ich nicht. Normalerweise bin ich auch eher der Homebuddy, was schlicht und ergreifend daher kommt, dass ich mein zu Hause liebe, aber ich kriege den Kopf einfach nicht frei. Ständig ist da oben irgendwas los. Und oft sagt man ja, dass ein Tapetenwechsel zwischendurch auch für frischen Wind im Oberstübchen sorgt. Schaden kann es jedenfalls nicht (auch wenn mein Bankkonto mir dann etwas anderes sagen wird).

Selbstfindung im neuen Jahrtausend

Vielleicht ist es aber auch diese romantische Vorstellung, die man schon mal hat, wenn man von Leuten hört, die eine Reise gemacht haben und die scheinbar von der absoluten Erleuchtung den Kopf gestreichelt bekommen haben. Sie berichten von der Klarheit, die sie plötzlich über sich und das Leben haben, dass sie auf einmal wissen, wer sie sind und weshalb sie auf dieser Welt sind. Sie fangen an Bücher zu schreiben, eröffnen ein eigenes Meditationszentrum, oder packen ihren Koffer direkt wieder um auszuwandern.

Das ist natürlich ein etwas überzeichnetes Klischee, und doch gibt es diese Reisen, die etwas mit uns machen. Die etwas in uns verändern und den Funken überspringen lassen, der so lange nicht zünden wollte. Vielleicht warte auch ich auf diesen Moment der Erleuchtung. Diesen Moment, wenn ich in einem Café in einer fernen Stadt sitze und mir ganz klar, aber trotzdem  ganz unaufdringlich bewusst wird, wo ich im Leben hin will und mit einem Mal ist alles in mir ruhig und friedlich.

Was labert die da für einen Hippie-Schmarrn?“ höre ich manche jetzt schon fragen, aber ganz ehrlich? Das ist mir wurscht. Es wäre für mich eine einfache Lösung für ein, wie mir scheint, eigentlich nicht ganz so einfach zu lösendes Problem. Weil es zu tief sitzt. Weil ich mir im Leben noch nicht die richtigen Fragen gestellt habe, oder mich nicht traue sie zu beantworten.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine Reise löst nicht alle Probleme. Aber sie würde mir zumindest dabei helfen, ein wenig Abstand zu gewinnen und für ein paar Tage aus der Achterbahn in meinem Kopf auszusteigen. Allein das würde mir gerade schon extrem helfen.

Als ich den Glauben an mich selbst verlor

Vorleser

Wer kennt sie nicht? Diese Momente, wenn man im Freundeskreis zusammensitzt und über die verrückten Zeiten sinniert, die man schon gemeinsam erlebt hat.

Weißt du noch, als…?“ „Kannst du dich noch an XY erinnern?“ Oft habe ich leider überhaupt keine Ahnung, wovon gesprochen wird und so folge ich in diesen Situationen eher dem Motto „(verwirrt) lächeln und nicken“ als enthusiastisch in die Unterhaltung einzusteigen. Die Wahrheit ist nämlich die: Mein Gedächtnis ist unglaublich schlecht, bzw. komisch vernetzt. Ich kann mich an einen Werbejingle aus den 90ern erinnern, aber nicht an ein Erlebnis mit meinen Freunden im letzten Jahr.

Ein paar Dinge bleiben aber hin und wieder doch hängen. Nicht alle davon sind schön. Einer der prägendsten Momente war der, in dem ich das Vertrauen in mich selbst verloren habe.

Das mag eine sehr dramatische Formulierung sein. Besonders wenn man bedenkt, was passiert ist, erscheint es aus heutiger Sicht lächerlich, doch damals war ich noch ein Kind und als Kind spürt man vieles noch intensiver.

Zurück zum Anfang

Vom Kindergarten bis zum Anfang meiner Gymnasialzeit war ich eine kleine Rampensau. Ich stand gerne im Mittelpunkt, hatte in der Grundschule sogar meinen eigenen Song geschrieben, ihn zum besten gegeben und danach begeistert Autogramme geschrieben. Ich habe gerne Theater gespielt und bei Rollenspielen auf dem Pausenhof war ich sowieso immer voller Enthusiasmus dabei.

In der 6. Klasse (vielleicht war es auch die 7.) ging dann die Neuigkeit herum, dass es einen Vorlesewettbewerb geben wird. Ich habe mich sofort dafür angemeldet und war schon bald stolze Vertreterin meiner Schule beim stadtweiten Entscheid in der hiesigen Buchhandlung. Ich war ziemlich aufgeregt, aber insgesamt doch sehr überzeugt davon, dass ich es schaffen konnte.

Wir sollten zwei Passagen vorlesen. Die erste war eine vorher eingeübte Stelle aus einem Buch unserer Wahl, die zweite war ein Überraschungstext. Für den ersten Teil hatte ich mich für eine Stelle aus Harry Potter entschieden, das erste Buch, wenn ich mich recht erinnere und als ich fertig war, war ich recht selbstbewusst, was meine Leistung anging. Ich wurde sogar von einem Reporter der Rheinischen Post (der arme Kerl) interviewed – weil er wohl glaubte, dass ich gewinnen würde.

An den zweiten Teil kann ich mich, ehrlich gesagt, nicht mehr erinnern, aber das ist auch nicht wichtig. Viel wichtiger ist die Enttäuschung, die in mir hochschäumte, als bei der Siegerehrung nicht mein Name, sondern der eines anderen Kindes fiel. Ich hatte versagt. Es war egal, dass meine Eltern sofort sagten, dass sie trotzdem stolz auf mich seien und ich das gut gemacht habe, oder dass zwei alte Damen auf mich zukamen und mir auch versicherten, dass ich besser gewesen war.

Ich hatte trotzdem versagt, denn die Leute deren Meinung in diesem Moment am wichtigsten für mich war – nämlich die Juroren- hatte ich nicht überzeugen können. Irgendwas musste ich falsch gemacht haben. Meine Leistung war nicht gut genug gewesen. ICH war nicht gut genug gewesen.

Ein Abend mit Folgen

Aus heutiger Sicht erscheint es fast schon lächerlich. Würde mir das heute passieren, würde ich mich natürlich ärgern, aber das Leben geht schließlich weiter und ich würde mich auf jeden Fall über das positive Feedback der anderen Leute freuen, doch damals ging in mir tatsächlich etwas kaputt.

Es war mit das erste Mal, dass ich wirklich etwas wollte und daran scheiterte. Statt daraus Kraft zu schöpfen und mir zu sagen, dass ich in Zukunft besser werden will, zog ich mich nach und nach in mein Schneckenhaus zurück. Rückblickend betrachtet, wäre es wohl zu viel zu sagen, dass das der einzige Grund ist, warum ich mich im Unterricht kaum noch freiwillig gemeldet habe, aber es war auf jeden Fall nicht unschuldig daran. Ich kann mich nämlich noch sehr gut an das Gefühl erinnern, das ich damals empfunden habe.

Die Enttäuschung über mich selbst und Scham, weil ich geglaubt hatte, in etwas gut zu sein, ja sogar besser als viele andere und dann doch zu versagen… Was hatte ich mir nur eingebildet? Das wollte ich nicht mehr spüren. Deshalb glaube ich, dass dieses Ereignis einen großen Teil zu meiner weiteren Entwicklung beigetragen hat.

Zu meiner Tendenz, mich eher klein zu machen als große Sprünge zu wagen oder es anzuerkennen, wenn ich doch etwas gut gemacht habe. Zu meiner Angst davor, Dinge zu tun, die mir eigentlich wichtig sind, weil ich es nicht verbocken will. Oder zu meiner Neigung, mich aus Gesprächen herauszuhalten, wenn ich glaube, dass ich nichts sinnvolles beitragen kann.

Das Nachspiel

Ein paar Tage nach diesem Abend erschien die Rheinische Post mit dem Artikel über den Vorlesewettbewerb. Fast der komplette Artikel war nur über mich. Der Sieger ist nur in einem Satz am Schluss erwähnt worden und meine Oma war so stolz auf mich, dass sie den Artikel gleich ausgeschnitten und aufgehoben hat. Alleine, wenn ich daran denke, kommen mir, ehrlich gesagt, die Tränen.

Es war kein schönes Erlebnis und auch die Lehren, die ich daraus gezogen habe, waren im ersten Moment vielleicht nicht die besten. Doch mittlerweile kann ich auch die guten Seiten daran sehen: dass ich überhaupt so weit gekommen bin, die bedingungslose Liebe meiner Eltern, der Stolz meiner Oma, das Lob der Menschen, die mich nichtmal kannten…

Im Leben läuft nicht alles nach Plan und auch wenn wir nicht immer perfekt reagieren, weil wir es manchmal einfach nicht besser wissen, oder bestimmte Gefühle zu stark sind, haben sie doch einen Sinn. Oft bringen uns die Momente, die wir persönlich als besonders hart empfinden, am meisten über uns und unsere Mitmenschen bei. Und ich bin froh darüber, dass ich langsam wieder an Stärke zunehme.

Und um das ganze einigermaßen passend mit J.K.Rowlings Worten abzuschließen: „Happiness can be found, even in the darkest of times, if one only remembers to turn on the light.

 

Immer wieder Sonntags

cozy Sonntag

Der Sonntag ist wieder da – der Tag der Woche, dem ich immer wieder aufs neue mit der größten Ambivalenz gegenüber stehe. Auf der einen Seite ist er Teil des lang ersehnten Wochenendes. Man kann lange schlafen, den ganzen Tag entspannt auf der Couch verbringen und Serien gucken und es sich gut gehen lassen. Manchmal ist er aber auch einfach nur als Erholung vom Samstag bitter nötig. Wie auch immer man den Sonntag nutzt, missen will ihn vermutlich keiner.

Und doch ist da immer dieser eine Wermutstropfen: Es ist der Tag vor dem Montag.

Für einen Mensch wie mich, dem es schwer fällt, im Jetzt zu leben und der stattdessen viel Zeit in der Vergangenheit und der Zukunft verbringt, ist das ein Fluch. Und für mich geht das meistens schon Freitags los: Es mag ein wenig verrückt sein, aber ich denke schon am Freitagabend, dass das Wochenende eigentlich fast vorbei ist, weil ich eigentlich nur den Samstag habe, den ich wirklich unbeschwert verbringen kann (und das eigentlich auch nur mit Einschränkung, weil ich hin und wieder an den Sonntag denke).

Wo ist mein Wochenende?

Am Sonntag bin ich gedanklich schon wieder in der neuen Woche, bei den To-Do’s auf der Arbeit und all den anderen Dingen, die ich ab Montag machen muss. Die Zeit an diesem Tag scheint förmlich zu rennen ohne dass ich sie voll ausschöpfen kann und ehe ich mich versehe, ist es schon wieder Zeit, um ins Bett zu gehen, denn am Montag muss man ja wieder früh aufstehen. Gedanklich habe ich also eigentlich nur einen Tag Wochenende. Dieser Teufelskreis zerschießt mir das ganze Wochenende.

„Sunday Mood“ ist bei mir die meiste Zeit für’n Arsch.

Die Feiertage mit den kurzen Arbeitswochen haben einen natürlich sehr verwöhnt, aber es war schon ein schönes Gefühl diese Woche nur 4 Tage arbeiten zu gehen – obwohl mir diese Woche skurrilerweise genau so lang vorkam, wie eine normale Arbeitswoche. Nur konnte ich das lange Wochenende auch nur beschränkt genießen, weil ich direkt daran denken musste, dass das nächste wieder nur 2 Tage hat und dann auch die Arbeitswochen wieder 5 Tage haben werden.

Lange Rede, kurzer Sinn

Ich habe (bzw. mein Kopf hat) ein riesiges Problem damit, nicht ständig abzuschweifen und einfach nur den Moment oder den Tag zu leben, der gerade ist. Ich kann nicht einfach nur sein. Und dabei gibt es auch noch folgende kleine Gemeinheit: Selbst wenn ich schon heute an die Dinge denke,die ich morgen zu tun habe, kann ich sie noch nicht beeinflussen. Ich kann noch nichts tun. Ich erreiche also absolut gar nichts, wenn ich mir jetzt schon den Kopf zerbreche, außer dass ich mir selber den Tag versaue.

Ich bewundere wirklich Menschen, die diese Denkmaschine einfach mal für die einzigen freien Tage der Woche abstellen können. Die nicht schon im Voraus anfangen, die To-Do-Liste der kommenden Woche im Kopf durchzugrübeln, sondern die Zeit voll ausnutzen, die sie in diesem Moment haben.

Deshalb, obwohl ich eigentlich kein großer Freund von Neujahresvorsätzen bin, möchte ich mir für 2018 gerne vornehmen, mehr im Jetzt zu leben. Ich möchte mich weniger von Dingen beeinflussen lassen, die ich nicht mehr oder noch nicht beeinflussen kann und die deshalb im Grunde nur stören.

Für Tipps, wie man das anstellt, bin ich sehr dankbar, also immer her damit!

 

Ungelebte Leben

Luxus

Man könnte sagen, dass ich zu viel Zeit zum Nachdenken habe, oder aber dass ich einfach zu viel Fernsehen gucke. Ich selbst bin davon überzeugt, dass es eine mehr oder weniger gesunde Mischung aus beidem ist. Die Sache ist aber die: Wenn man mit den Hunden Gassi geht und einem keine Sau entgegen kommt, hat man verdammt viel Zeit zum Nachdenken. Das sind meistens die Minuten des Tages, in denen meine Fantasie regelrecht Amok läuft.

Denn wenn ich so die Straßen der Nachbarschaft meiner Heimatstadt durchstreife, vorbei an Einfamilienhäusern und kaum befahrenen Bahngleisen, dann komme ich immer wieder zu der Erkenntnis, wie unwahrscheinlich es doch ist, dass ich genau zu dem Zeitpunkt und an dem Ort das Licht der Welt erblickt habe, wie ich es nunmal getan habe. Ich hätte auch genau so gut ein Zimmermädchen auf der Titanic sein können. Aber dann wäre mein Leben vermutlich ein sehr kurzes gewesen.

Was wäre wenn…

Das ist natürlich ein totales Hirngespinst, aber wenn ich überlege, wie groß die Welt ist und wie viele Epochen die Menschheit schon durchlebt hat, dann kann ich einfach nicht anders, als mir vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn alles anders gekommen wäre. Was, wenn ich in eine Arbeiterfamilie im späten Preußen geboren worden wäre? Oder in eine amerikanische Kleinstadt in den 1950er Jahren? Die Liste könnte man ewig fortführen.

Besonders heute Mittag ist meine Fantasie in dieser Hinsicht mit mir durchgegangen. Ich habe mir mein Leben als einen Episodenfilm vorgestellt und jede Episode spielte in einem anderen Setting. Die Variabeln wurden dabei ständig ausgetauscht: Mal war meine Familie die gleiche, die ich jetzt habe, mal eine ganz andere. Mal war ich eine Frau, mal ein Mann. Ich war reich und ich war arm.  Ich folgte jeder noch so absurden Spur, einfach um zu sehen, was passiert – ohne direkt zu bewerten, was dabei herumkam (realistisch kann ja jeder).

Ein ganz anderer Mensch

Niemand kann abstreiten, dass unsere Umgebung und die Zeit, in die wir geboren wurden, unseren Charakter und unser Leben prägen. Was für ein Mensch wäre ich geworden, wenn all das anders gewesen wäre? Wie hätte das meine Biographie beeinflusst? Nehmen wir an, ich wäre wirklich in einer kleinen Stadt in den 50ern aufgewachsen – wäre ich dann die Mutter eines Kindes und die Frau eines Mannes, der mir zwar Sicherheit, aber keine Liebe gibt? Oder wäre ich die störrische Tochter, die sich gegen jegliche Konventionen auflehnt und sich damit zum Gespött der ganzen Familie macht?

Wenn es nach mir geht, wäre ich natürlich letzteres geworden, aber was es wirklich gewesen wäre, weiß keiner. Ich weiß jedenfalls nicht, wie ich reagiert hätte, wenn mein Vater zum Beispiel mit meinem künftigen Verlobten zur Tür hereingeschneit wäre und mich vor vollendete Tatsachen gestellt hätte. Ich weiß nicht, ob ich nach einem anfänglichen Wutanfall doch nachgegeben oder meine Sachen gepackt und meine Familie verlassen hätte.

So viel kann ich aber mit ziemlicher Sicherheit sagen: Ich wäre ein sehr schwerer Fall für jede Bräuteschule des Landes gewesen. Am Ende war es aber, ganz plump gesagt, eine Laune meiner Eltern, die mich dorthin gebracht hat, wo ich jetzt bin und damit habe ich eine recht komfortable Variante all der Leben, die ich hätte leben können, erwischt.

Wenn man mal versucht, dieses Szenario einigermaßen realistisch zu betrachten, ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass ich in Nordkorea hätte auf die Welt kommen können, verschwindend gering. Diese Variante wäre zwar zweifellos sehr interessant, aber ob ich dabei wirklich glücklich wäre, sei mal kommentarlos in den Raum gestellt. Abgesehen davon würde wohl jeder Wissenschaftler allein über die Tatsache, dass ich überhaupt darüber nachdenke, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch was soll ich tun? Ich wüsste gerne, wie sie gewesen wären – diese ungelebten Leben.

Es wäre ja auch viel zu einfach, einfach nur das Leben zu nutzen und auszuschöpfen, das einem gegeben wurde, nicht wahr?

Diese Tage zwischen den Jahren

Lustig
Dieses Bild wurde nicht nur wegen der für Silvester symbolischen Wunderkerze ausgewählt, sondern weil die Autorin die Vorstellung besonders witzig findet, dass da tatsächlich jemand unter Wasser ist und eben jene Wunderkerze in die Höhe hält – #IchBinKunstkenner #nicht #mussmannichtverstehen

Die Zeit vor dem Jahreswechsel lädt in der Regel sehr zur Reflektion ein. Vor allem, wenn Weihnachten (endlich) hinter uns liegt und wir ein wenig Zeit zum Entschleunigen haben, lassen wir das vergangene Jahr nochmal Revue passieren und stellen uns mental auf das neue Jahr ein. Das ist an sich eine wirklich schöne Sache. Ich finde es gut, wenn Leute sich wirklich bewusst Zeit dafür nehmen, um zu überlegen, was sie in den letzten Monaten erreicht haben und was sie noch erreichen möchten. Denn selten hat man so viel Zeit, wie in diesen paar Tagen.

Nur meistens kommt es anders und zweitens als man denkt. In dem Moment, in dem ich diesen Beitrag schreibe, sitze ich schniefend und hustend auf meinem Sofa, eingewickelt in eine Decke und mit mehr Tee intus als meine Erbsenblase vertragen kann. Ich habe meinen Nachbarn die halbe Nacht die Ohren vollgehustet und auch ein erholsamer Schlaf will sich diese Woche einfach nicht einstellen.

Das letzte, woran mein in Watte gepackter Kopf gerade denkt, ist mir ernsthafte Gedanken über das vergangene oder das nächste Jahr zu machen. Aktuell will er nur auf dem Sofa herumkrebsen und die letzten 3 Folgen „Mrs. Maisel“ gucken. Ich vermute, man kann sich so ungefähr vorstellen, in was für einer mentalen Verfassung ich mich gerade befinde.

Und trotzdem schleichen sich hin und wieder Erinnerungen an die letzten Monate ein. Die guten und die schlechten Momente – wobei ich sagen muss, dass 2017 ein vergleichsweise gutes Jahr war. Es ist wenigstens niemand gestorben, was das Schicksal jedoch nicht davon abhielt, uns um die Weihnachtszeit mehrmals ins Krankenhaus zu schicken. Insgesamt hat sich aber vieles besser entwickelt, als ich Ende 2016 gedacht hätte und die „schlechten“ Momente, sind hauptsächlich Kleinigkeiten, an denen ich mich in den nächsten Monaten aufhängen kann, die im großen und ganzen aber eigentlich nichtig sind.

Wenn ich aber an 2018 denke, dann bin ich ungewohnt optimistisch. Auf der einen Seite habe ich immer den Glauben, dass gerade Jahreszahlen mehr Glück bringen, als ungerade, weil sie schöner aussehen. In der Praxis ist es aber wohl eher umgekehrt, wenn ich mir die letzten Jahre so anschaue… (Man erinnere sich an meinen herzlichen Abschied vom Jahr 2016).

Auf der anderen Seite sind für 2018 schon so viele schöne Sachen geplant, auf die ich mich freuen kann: Dazu gehören große Sachen wie zwei Reisen (USA und Japan), aber auch kleine Sachen wie eine 30-Tage-Yoga-Challenge oder Filme auf die ich mich freue. Zum Teil richtig banales Zeug, aber es sind ja oft gerade die kleinen Dinge, die uns über Wasser halten und die das Leben lebenswert machen.

Außerdem möchte ich mir wieder mehr konkrete Projekte für meine Freizeit vornehmen. Dieses Jahr stand für mich vor allem im Zeichen der Anpassung – Anpassung an einen neuen Lebensstil mit einem Vollzeitjob. Da war am Ende eines Tages meistens eher Gammeln statt Produktivität angesagt. Jetzt möchte ich wieder mehr tun. Ich möchte alte Sprachkenntnisse wieder auffrischen und vielleicht sogar ein Projekt beginnen, vor dem ich Angst habe, das für mich aber sehr wichtig ist.

Natürlich fällt es einem immer besonders leicht, hochtrabende Pläne zu schmieden, bevor das Jahr angefangen hat und es ans Eingemachte geht. Die berühmt-berüchtigten Jahresvorsätze hält man meistens sowieso nicht ein, aber darum geht es mir aktuell nicht. Im Moment möchte ich einfach nur ein bisschen spinnen und mir vorstellen, was passieren könnte, wenn ich diese Dinge wirklich umsetze. Ich möchte Möglichkeiten für mein Leben schaffen und Türen hinter mir schließen, die ich nicht mehr brauche.

Das ist in meinem Rotznasenzustand nicht gerade einfach, aber irgendwie glaube ich auch, dass dieser leicht realitätsferne Zustand meine Fantasie nur noch mehr beflügelt. Ganz ohne Kleber schnüffeln oder „Brownies“ naschen… In diesem Sinne verabschiede ich mich erstmal wieder und wünsche allen einen guten Jahreswechsel und ein erfolgreiches und gesundes Jahr 2018.

Rock on, Bitches!

Die Stadt der Liebe? Is‘ klar…

Paris

Dieser Beitrag ist eigentlich schon ein paar Monate alt. Ich weiß nicht, warum ich ihn damals nicht veröffentlicht habe – deshalb tue ich es jetzt. Der Hintergrund ist ein Kurztrip nach Paris mit meiner besten Freundin im vergangenen Sommer.

Enjoy, people!

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Kürzlich habe ich ein langes Wochenende in Paris verbracht. Ich bin schon über 5 Jahre nicht mehr dort gewesen und obwohl ich die Stadt sehr schön finde, und auch immer wieder mal hinfahren würde, sind mir dieses Mal einige Dinge aufgefallen, die ich bei meinem ersten Besuch damals wohl verdrängt habe. Oder es gab sie damals einfach noch nicht, wer weiß…

  1. Paris ist schweineteuer. Gut, solange man Urlaub innerhalb Westeuropas macht, kann man nur schwer damit rechnen, eine vernünfte Mahlzeit für unter 10€ zu bekommen. Zumindest wenn man was vernünftiges haben will. Aber nicht nur das Essen summiert sich ganz schnell: Besonders wenn man die kulturellen Vorzüge der Stadt genießen will, muss man tief in die Tasche greifen. Währen in London fast alle Museen kostenlos sind, muss man für den überfüllten (aber dennoch sehenswerten) Louvre 16€ bezahlen, sobald man das Pech hat Ü25 zu sein. Zum Glück sind wenigstens die Metrotickets recht erschwinglich.
  2. Touristen, überall Touristen. Auch damit sollte man rechnen, wenn man im Sommer irgendein Land besucht. Besonders oft gesichtet wurden Horden chinesischer Touristen, die bunten Schirmchen hinterher liefen. Wirkliche Romantik kann da weiß Gott nicht aufkommen. Ganz besonders nicht an solchen Hotspots wie Notre Dame, in Montmartre oder in Versailles.
  3. Und sind sie alle dumm? Als wir uns auf den Weg 20170729_114938nach Versailles machten, mussten wir an einer Metro-Station in die Bahn umsteigen, die bis nach Versailles fuhr. Da die meisten Touristen anscheinend zu dumm sind, um den Weg über die Straße zur Station zu finden, sind eigens Leute rekrutiert worden, um besagten Touristen per Fingerzeig den Weg zu deuten. Das gleiche Vergnügen erwartete einen nach der Ankunft am Bahnhof von Versailles. Wie soll man auch sonst den Weg zum riesigen Schloss finden??
  4. Man(n) hat gerne was zu gucken. Es soll ja schon mal vorkommen, dass Männer Interesse am anderen Geschlecht haben und das auch mehr oder weniger offen zeigen, aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal von so vielen Männern so offen angestarrt wurde – und ich merke sowas eigentlich nie. Sehr subtil, meine Herren! Vielleicht hatte ich aber auch einfach nur was zwischen den Zähnen…
  5. Bloß nicht vor 19 Uhr Essen gehen! Anscheinend gehören die Franzosen zu den Völkchen, die gerne sehr spät zu Abend essen. Wen vor 19 Uhr der Hunger umtreibt, wird die meisten Restaurants geschlossen vorfinden. Bis dahin gibt es nur Wein und Zigaretten.
  6. Keine japanischen Restaurants besuchen, die nicht von Japanern betrieben werden. Nachdem wir uns 4 Stunden durch den Louvre geschleppt hatten, hing uns der Magen bis in die Kniekehlen. Und so stürmten wir dankbar einen Laden, der verheißungsvoll und in japanischen Lettern „Ramen“ versprach. Es stellte sich heraus, dass der junge Mann, der dort arbeitete nicht nur kein Japaner, sondern Chinese war, was an sich kein Verbrechen ist. Wirklich kriminell wurde es erst dann, als eine Truppe seiner Landsmänner nach uns reinmarschiert kam, eigene Beilagen mitbrachte UND auch noch vor uns bedient wurde. Jep, danach waren wir auch mehr als bedient.

Wer schon ein paar Mal in Paris war, wird über diese Erkenntnisse vermutlich den Kopf schütteln und sie als Allerweltswissen abstempeln. Für uns war es nach all den Jahren doch wieder ein kleiner Kulturschock. Da springt man für dreieinhalb Stunden in die Bahn und befindet sich in einer vollkommen neuen Welt.

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Dabei war nicht alles schlecht, im Gegenteil! Wir lernten einen charmanten Kellner kennen, der mehrere Jahre in Deutschland gelebt hat und der tatsächlich all seinen Mut zusammennahm, um Deutsch mit uns zu sprechen. Wir hatten ein fantastisches Boeuf à la Bordelaise. Von unserem charmanten Apartment aus hatten wir jeden Tag einen fantastischen Blick auf Sacre Coeur. Keiner von uns wurde ausgeraubt. Wir haben viel Zeit damit verbracht, die Stadt zu Fuß zu erkunden und über Gott und die Welt zu reden.

Wenn man die richtigen Ecken zur richtigen Zeit besucht, ist Paris eine wunderschöne Stadt. Und wenn man es mal schafft, den Menschenmassen für einen Moment zu entkommen, dann fühlt es sich sogar so an, als wäre man mitten in „Midnight in Paris“ gelandet – wo die kleinen, engen Gassen eine Faszination ausüben, der man sich nicht entziehen kann und wo hin und wieder ein leises Chanson erklingt.

Plötzlich erwachsen?

Alter

Als ich in die erste Klasse kam, kamen mir die Viertklässler so erwachsen vor. Ich wollte unbedingt so sein wie sie. Als ich auf das Gymnasium kam, waren die Abiturienten das absolute Nonplusultra. Danach waren es die Studenten. Mit jeder Stufe, die ich auf meinem Lebensweg erklomm, gab es jemand neues zu dem ich aufgeblickt habe, weil diese Person oder diese Gruppe von Menschen mir so viel erfahrener und erwachsener vorkam.

So bin ich Anderen immer hinterher gelaufen und das in einem Rennen, das ich sowieso nie gewinnen kann. Denn als ich in die vierte Klasse kam, habe ich mich nicht viel erfahrener gefühlt als in der ersten Klasse, weil ich es in dem Moment einfach nur genoss, ein Kind zu sein. Und als ich vor mittlerweile über einem Jahr meine Masterarbeit abgegeben habe, war ich nicht viel besser auf das Leben als „Erwachsener“ vorbereitet als an dem Tag, an dem ich mit der Schule fertig wurde.

Was heißt überhaupt „Erwachsen sein“? Und woher weiß man, dass man dieses Stadium erreicht hat? Erreicht man es überhaupt jemals? Fragen wie diese geistern mir schon seit vielen Jahren im Kopf herum – ganz besonders seit der Zeit kurz vor meinem Uniabschluss. Da hatte ich das Gefühl direkt am Rand einer Klippe zu stehen und die Abgabe meiner Abschlussarbeit würde mich mit brutaler Gewalt in die Welt der Erwachsenen stoßen, die ich nie wirklich verstanden habe.

In eine Welt, in der man Steuern zahlt, sich tagtäglich einem langweiligen Job hingibt und nur auf das Wochenende wartet. Man redet über Politik und Wirtschaft, gründet eine Familie und weiß, wie die Welt funktioniert.

Die Wahrheit über das Erwachsensein

Dabei sieht die Wahrheit ganz anders aus. Zumindest die Wahrheit, die ich für mich gefunden habe: wir alle stolpern eigentlich nur durch’s Leben, in der Hoffnung, dass niemand es bemerkt, wenn wir mal stolpern oder uns mit Schmackes auf die Fresse legen. Dann heißt es schnell aufstehen, die Klamotten abklopfen und so tun als wäre nichts gewesen. Und so geht es einfach immer weiter. Der Punkt, an dem man sich vollkommen sicher in seinem Tun fühlt, kommt einfach nie. Und wenn doch, ist es nur eine Frage der Zeit bis der nächste Stolperstein auftaucht.

Ich habe eine sehr lebhafte Erinnerung daran, wie ich in der Schule mit Leuten geredet habe, die so alt waren, wie ich jetzt (also Mitte bis Ende 20). Wobei man hier eher von einem Versuch sprechen sollte, denn ich hatte immer das Gefühl, dass ich keinen Kontakt zu ihnen aufbauen konnte, weil ich glaubte, irgendwas erwachsenes und intellektuelles sagen zu müssen. Und so geht es mir auch heute manchmal noch mit Leuten, die ich für erfahrener als mich selbst halte (also fast alles über 30).

Es gibt kein Ende

Man kommt einfach nie irgendwo an, weil sich alles ständig verändert. Weil wir uns ständig verändern und immer neue Dinge an uns entdecken, die dafür sorgen, dass wir uns „noch nicht soweit“ fühlen. Ich bin auch noch nicht dazu bereit, mich mit 26 Jahren als erwachsene Frau zu bezeichnen, aber das muss noch lange kein Defizit sein. Warum also der Stress?

Und es ist äußerst beruhigend zu wissen, dass es mir nicht alleine so geht. Denn das ist wohl eine der wenigen wirklich einflussreichen Erkenntnisse, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe: Erwachsen sein ist im Grunde ein Mythos. Wir haben alle keinen wirklichen Plan und DEN EINEN Plan gibt es sowieso nicht. Weil wir alle verschieden sind und uns kontinuierlich verändern.

Deshalb ist es auch egal, wenn ich in 4 Jahren ledig und kinderlos bin. Es ist egal, ob ich mich für Politik oder Hippiekram interessiere. Und vor allem ist es egal, ob ich mich als Erwachsener klassifiziere oder nicht. Mein Leben funktioniert auch so.

Und überhaupt: wenn Erwachsensein so ist, wie viele Leute es sagen – langweilig, routiniert, immer planbar und ernst – dann kann ich jetzt guten Gewissens darauf verzichten. Ich bleibe ich, egal wie alt ich bin und das ist viel besser.