Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft

GesellschaftAls Kind hatte ich nie einen besonderen Berufswunsch. Ich wollte nie Tierärztin werden oder Kindergärtnerin oder von mir aus auch Feuerwehrfrau, um die Klischees mal zu durchbrechen. Ich habe in der Grundschule wahnsinnig gerne Geschichten geschrieben, die rückblickend betrachtet mehr als makaber für mein zartes Alter waren, und ich habe gerne gemalt. Auch später war ich eher der Typ Person, den man gemeinhin als „kreativ“ bezeichnet.

Für beides hatte ich eine gewisse Leidenschaft, das Schreibe und das Zeichnen, doch als ich das Gefühl bekam, dass meine Zeichnungen einfach nicht gut genug waren, hörte ich damit auf. Das Schreiben begleitete mich aber ständig weiter – manchmal mehr, manchmal weniger intensiv. Hätte ich jemals einen wirklichen Berufswunsch gehabt, wäre es vermutlich Schriftstellerin gewesen.

Nach dem Abitur 2010 kam die Frage, was ich mit mir anfangen will. Die Entscheidungen, die du in der Zeit während des Abiturs und kurz danach triffst, kommen dir zu dem Zeitpunkt noch unglaublich wichtig vor. Du glaubst, dass du mit dem nächsten Schritt dein ganzes Leben bestimmst, doch dem ist nicht so. Nichts ist in Stein gemeißelt. Ich für meinen Teil hatte keinen konkreten Plan, keine Ambition. Ich wusste nur, dass ich Japan gerne mag, dass es das ist, was mich schon lange interessiert. Also bin ich nach Bonn gezogen und studierte Asienwissenschaften.

Wer immer eine Geisteswissenschaft studiert, kennt vermutlich die leidliche Frage: „Und was macht man dann damit?“ Würde ich für jedes Mal, wenn ich diese Frage höre 1€ bekommen, müsste ich nicht mehr arbeiten gehen. Und weil ich selber keine Ahnung hatte, erzählte ich allen, ich würde später „die Auslandskorrespondenz für deutsche Konzerne übernehmen“ oder „in eine japanische Firma in Deutschland gehen“. Das erzählte ich allen, die es hören wollten und versuchte es selbst auch zu glauben. Ich hatte ein Fach gewählt, von dem alle Welt zu glauben schien, dass man damit keinen „vernünftigen“ Job kriegen kann. Und ich gelangte selbst zu der Überzeugung, dass ich damit nur ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden kann, wenn ich in die wirtschaftliche Richtung gehe.

Doch was ist ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft?

Ist es nicht eigentlich ein Irrglaube, dass man nur nützlich ist, wenn man Arzt, Manager, oder Ingenieur wird? Kann man nicht auch nützlich sein, indem man Bücher schreibt, die Menschen berühren und sie wenigstens für ein paar Stunden aus ihrem tristen Alltag reißen? Oder wenn man Bilder malt, die sich Menschen in ihre Wohnungen hängen und Freude daran haben? Wer hat beschlossen, dass etwas kreatives weniger wichtig ist?

Je länger ich versucht habe auf dem Pfad der Vernunft zu wandeln und einen Kompromiss zu finden, desto mehr frage ich mich warum ich überhaupt Kompromisse eingehen muss.Warum nicht einfach machen, was ich will? Ist es das Risiko nicht wert?

Etwas zu tun, nur um sich der Illusion hinzugeben, dass man etwas realistisches macht – etwas, das von der Gesellschaft allgemein als erfolgreich und erstrebenswert angesehen wird, ist die größte Zeitverschwendung. Und doch hält es einen oft genug davon zurück, das zu tun, wofür man sich wirklich interessiert. Und selbst wenn diese Interessen sich ändern, scheiß drauf. Dann nimmt man halt eine neue Abzweigung und lässt alles weitere auf sich zukommen.

Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist nicht zwingend derjenige, der von 9 bis 5 im Büro sitzt und die Dinge tut, von denen er glaubt, dass er sie tun muss. Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist derjenige, der voll in dem aufgeht, was er tut und andere damit ansteckt – sie inspiriert.

Ich will endlich ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden, aber auf meine Art.

4 Antworten auf „Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft

  1. Der Wunsch nach Akzeptanz der Gesellschaft ist schon seltsam. Ich kenne das. Leider sind Menschen ja Gruppentiere. Nach dem Abitur bin ich den komplett anderen Weg gegangen. Alle meine Freunde gingen arbeiten oder studieren. Die einen fanden neue Gruppen: Bankangestellte, Arztpraxen, Kommilitonen und ich stand ohne eine Idee da, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen soll. Ich wollte nicht „arbeiten“. Das klingt erst nach nem faulen Harzt 4 Spruch. Aber ich wollte nicht arbeiten! Das Wort Arbeit verknüpfe ich mit „Geld verdienen“. Aber geht es mir ums Geld? Macht mich ein Mercedes vor der Haustür glücklich? Mich alleine macht ein Mercedes nicht lange Glücklich. Ohne die Gesellschaft sind Statussymbole wertlos. Und von so einer Gesellschaft möchte ich akzeptiert werden? Einer Gesellschaft die Geld und Macht über alles stellt. Eine Gesellschaft die Tiere schlachtet, die Welt verpestet, Kriege führt und Menschen tötet um Geld zu machen. Christliche Werte? Nächstenliebe? Naturliebe? Nein, der Gesellschaft ist es wichtig, dass du das neue iPhone 7XY hast. Es ist eher anders rum. Ich akzeptiere diese Gesellschaft nicht. Wir werden gedrillt zu arbeiten. Unser ganzes Leben lang. Um Geld zu verdienen. Um eine Wohnung zu bezahlen. In der wir nicht sind. Wir arbeiten ja.
    Doch bietet die Welt so viel mehr. Es gibt so viele Wunder, so schöne Länder, so tolle Menschen und Leidenschaften die einen Menschen glücklich machen. Geh deiner Leidenschaft nach und du findest Glück. Es gibt so viele Wörter zu schreiben und so viele Geschichten zu erzählen.

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    1. Wow, das ist wirklich mal ein interessanter Ansatz. Unsere Gesellschaft hat echt viele Fehler. Daran gibt es nichts zu rütteln. Umso wichtiger finde ich es, dass man sein eigenes Ding macht und das scheinst du zu machen. Finde ich sehr gut! „Geh deiner Leidenschaft nach und du findest Glück.“ Besser hätte ich es nicht sagen können. Danke! 🙂

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