Muss man immer gönnen können?

Spagat

„Dabei sein ist alles.“ so hört sich das an, wenn Menschen sich und anderen einreden wollen, dass es ihnen nichts ausmacht, wenn sie verloren haben. Vermutlich soll dieser beinahe schon mantrahaft anmutende Ausspruch eine Art Placebo-Effekt bewirken, aber zumindest bei mir funktioniert er nicht. Und bei den meisten anderen Menschen vermutlich auch nicht.

Doch wie hört es sich an, wenn einem das Gefühl von Neid vorgeworfen wird – geschweige denn, wenn man es tatsächlich ist?

„Man muss auch gönnen können.“

Beide Sätze werden meist im Zusammenhang mit Personen verwendet, die häufig der Person, die den Satz ausspricht, in irgendwas nachstehen. Wesentlich besser fühlt man sich bei beiden nicht. Wer wie ich ist, regt sich dann nur noch mehr auf und bekommt gesagt, dass man ein schlechter Verlierer ist. Was ich absolut bin.

In letzter Zeit habe ich mich aber vor allem mit der Frage beschäftigt, ob ich wirklich immer anderen was gönnen muss? Als Ergänzung zum Artikel 3 des Rheinischen Grundgesetzes (korrekt ausgesprochen:“ Mer muss och jünne könne„), ist diese Redensart fest in meiner Region verankert. Der Hintergrund dazu klingt eigentlich absolut einleuchtend:

Man soll anderen gegenüber nicht neidisch oder missgünstig sein. Meistens hat davon ohnehin niemand etwas, außer dass man sich selbst noch schlechter fühlt als vorher, wenn man auf dem Glück anderer herumreitet und nicht selten trägt man die daraus resultierende schlechte Laune auch nach außen. Und wozu? Ändern kann man meistens sowieso nichts und wenn anderen etwas gutes widerfährt, haben sie es sich oft mehr als redlich verdient.

Wer hart arbeitet, wird in der Regel dafür belohnt. Wer nichts macht, oder weniger macht, als er eigentlich könnte, braucht sich nicht darüber wundern, wenn das Ergebnis schlechter ist. Manchmal ist auch einfach nur ein Quäntchen Glück dabei, aber am Ende ist der Erfolg im Grunde auf die Leistungen des Individuums zurückzuführen.

Doch selbst mit all diesem gebetsmühlenartig heruntergefaselten Binsenweisheiten, lässt er sich nie ganz abstellen, dieser Neid. Er frisst sich tief in dich hinein und baut sich ein hübsches, kleines Nest in deiner Brust.

Und wenn du glaubst, dass doch eigentlich alles super läuft, steckt dein Kollege den Kopf zur Tür rein und verkündet, dass er sein Projekt perfekt abgeliefert hat. Geile Zahlen, geiles Ergebnis, geile Stimmung. Er hat wirklich allen Grund zur Freude. Du lächelst ihn an und beglückwünschst ihm. Du weißt, dass er viel dafür getan hat, dass dieser kleine Triumph wohl verdient ist. Trotzdem ist da dieses Brodeln in deiner Magengegend. Der Neid streckt seinen Kopf aus dem Nest und fängt gleich an zu zetern:

Warum hast du das nicht auch gekonnt?
Warum muss Kollege XY wieder in einem besser sein?

Und überhaupt? Warum kriegst du ohnehin nie etwas auf die Reihe, du Dödel?

Also nein, ich will niemandem auch nur irgendwas gönnen!

Das ganze ist umso ärgerlicher, wenn man tief im Inneren genau weiß, dass man nicht sein Bestes gegeben hat, aber trotzdem den gleichen Erfolg erwartet. Wer nur 1 mal die Woche 10 Sit-Ups macht und jeden Abend eine Tüte Chips verdrückt, wird nie so einen Body haben, wie der Typ aus der Wohnung nebenan, der verarbeiteten Zucker aus seiner Ernährung verbannt hat und 4 mal die Woche ins Fitness-Studio geht.

Aber manche Faktoren lassen sich auch nicht beeinflussen:  Wenn besagter Kollege schon länger dabei ist und mehr Erfahrung hat, versteht es sich von selbst, dass die Chancen für den großen Coup bei ihm größer sind. Außer man ist ein Wunderkind (dann muss ich dich leider dafür hassen. Sorry, not sorry).

Aber abgesehen von diesen nicht beeinflussbaren Faktoren, glaube ich, als überzeugter und passionierter Neider, dass folgendes Problem oftmals eng mit dem Neid zusammenhängt:

Die Unfähigkeit dazu, sich seine wahren Prioritäten einzugestehen.

Was ich damit meine, ist folgendes:

Wenn jemand ein Ziel vor Augen hat, das er unbedingt erreichen will, hat das für ihn die Prio 1. Er überlegt, was er tun kann, um dieses Ziel zu erreichen, stellt einen Schlachtplan auf und befolgt ihn konsequent. Er muss es deshalb nicht zwangsläufig erreichen, aber wer sich vernünftig ernährt und Sport treibt, hat nun mal größere Chancen auf einen durchtrainierten Körper als unser Chips-Freund von oben.

Ich hätte auch gerne einen flachen Bauch und keine Dellen an den Oberschenkeln. Ja, ich mache Sport, aber ich liebe einfach Süßigkeiten und Knabberzeug. Von daher versteht es sich von selbst, dass ich (noch) nicht wie ein Victoria’s-Secret-Model aussehe. In dem Moment, in dem ich in die Tüte Gummibärchen greife, ist meine Priorität nicht bei dem Körper, den ich irgendwie gerne hätte, sondern bei der Befriedigung eines niederen Bedürfnisses. Es ist nicht nett, sich das selbst so zu sagen, aber es ist so. Und das heißt für mich, dass der Bikini-Körper nicht die Prio 1 bei mir hat.

Ich muss anderen wohl was gönnen können, mir selbst aber auch! Also, her mit er Tafel Schokolade.

(Natürlich bin ich trotzdem neidisch, wenn ich schlanke Mädels ohne Schwabbelfett an den Beinen sehe.)

Tief im Inneren glaube ich, dass ich tatsächlich nicht immer anderen alles gönnen muss. Das könnte ich auch nicht. Aber ich kann diesen Neid benutzen, um zu sehen, was ich in Wahrheit will und wie sehr ich es will.

Wenn ich unbedingt auch mal in die Büros meiner Kollegen schlendern und ihnen mit einem breiten Grinsen von der geilen Aktion erzählen will, die ich gebracht habe, werde ich die entsprechenden Schritte ergreifen. Andernfalls muss ich erkennen, dass meine Prioritäten einfach anders liegen, zum Beispiel beim Feierabend und Netflix gucken.

Neid ist vollkommen natürlich. Er liegt in der Natur des Menschen. Wichtig ist nur, was wir aus ihm machen. Ob wir ihn nutzen, um uns und unsere Gewohnheiten in Frage zu stellen, oder ob wir uns ihm hingeben und nichts tun.

Beides ist meiner Meinung nach je nach Fall vollkommen legitim.

 

Ich bin ein verdammt verwöhntes Einzelkind

cash

Ich bin ein verwöhntes Einzelkind. Es hat mir nie an irgendwas gemangelt und es war selten, dass ich nicht das bekommen habe, was ich wollte. Jeden Monat gab es ein schönes Taschengeld und das habe ich gehütet und gespart, um mir die Sachen zu kaufen, die ich unbedingt haben wollte. In meinem Zimmer standen sage und schreibe 3 Sparschweine und ich weiß nicht einmal mehr, wofür die überhaupt gut waren.

Zumindest habe ich immer brav Geld beiseite gelegt und mir schon während meiner Schulzeit ein gutes Polster angespart. Dann kam die Uni. Ich hatte Glück. Während viele meiner Kommilitonen auf Bafög zurückgreifen mussten oder mindestens einen Job nebenher brauchten, bezahlten meine Eltern alles.

Ich muss zugeben, dass es mir zusehends peinlicher wurde, wenn ich sah, wie andere sich den Arsch aufreißen mussten, um über die Runden zu kommen, während ich in meiner schönen WG-Wohnung saß, hin und wieder in der Uni aufschlug und ansonsten faulenzte. Ich gönnte mir immer wieder was von dem Geld, das ich jeden Monat überwiesen bekam, setzte mir aber auch feste Budgets, die ich auch (meistens) einhielt. Irgendwann fing ich an, meine Ausgaben und Einnahmen minutiös festzuhalten.

Als ich mir zum Ende des Bachelors hin einen Job suchte, war das nicht weil ich ihn unbedingt brauchte, sondern weil ich endlich ein Stück Unabhängigkeit gewinnen wollte. Ich wollte etwas für meinen Lebenslauf tun und dafür sorgen, dass meine Eltern mehr Geld für sich einbehalten konnten. Es war mir unangenehm, dass ich mit 22 Jahren noch nie gearbeitet hatte (abgesehen von den obligatorischen Autowäschen für meinem Stiefvater, nachdem ich in der Zeit vor Telefon-Flats für eine horrende Telefonrechnung gesorgt hatte).

Auch während des Masters arbeitete ich und so wurde der Anteil meines selbstverdienten Geldes allmählich größer als der, der mir von meinen Eltern zugschustert wurde. Jetzt, wo ich endlich voll im Berufsleben angekommen bin, bin ich natürlich vollkommen unabhängig, was meine Finanzen angeht.

Und doch musste ich nie erfahren, was es heißt, wirklich hart arbeiten zu müssen. Ich war nie stinkreich, aber ich konnte mir immer Dinge leisten, die für andere vermutlich nicht im Rahmend es möglichen waren. Hier mal ein paar neue Klamotten, da eine neue DVD… Shoppen war und ist für mich ein Hobby.

Es ist ein Luxus, wenn man nicht jeden Cent zweimal herumdrehen muss, bevor man ihn ausgibt. Und es ist erst recht purer Luxus, wenn man mit 25 Jahren „mal eben so“ einen Neuwagen geschenkt bekommt. Ich war und bin verdammt verwöhnt und ich weiß das auch. Ich bin bin ungemein dankbar dafür.

Auch wenn ich mich noch immer oft genug dafür schäme, wie viel Glück ich in der Hinsicht immer hatte. Denn es macht einen manchmal blind für die Probleme anderer – weil man sie in der Form einfach nie hatte. Es macht einen irgendwie ignorant und ein Stück weit naiv. Es sorgt dafür, dass ich nicht gerne über Geld rede. Noch weniger als ohnehin schicklich ist.

Manchmal verstecke ich neue Dinge, die ich mir gekauft habe auch eine gewisse Zeit vor Leuten, die ich kenne, damit sie nicht sehen, dass ich schon wieder shoppen war.

Seit Anfang des Jahres schreibe ich meine Ausgaben nicht mehr auf. Hätte ich es die letzten Monate getan, wäre ich vermutlich vom Glauben abgefallen. Es ist nicht so, dass ich die Kontrolle über mein Geld verloren habe. Dazu achte ich nach wie vor zu sehr darauf.

Es sitzt gerade einfach nur etwas locker, frei nach dem Motto: „Gönnung muss sein.“

Aber wie viel kann oder sollte sich ein Mensch gönnen bevor es unverschämt und ungerecht wird? Der Satz „Ich gönne mir das jetzt mal.“ wäre bei mir absolut fehl am Platz, wenn ich mir außer der Reihe etwas kaufe. Und die Tatsache, dass ich den Gürtel nie wirklich enger schnallen musste, beängstigt mich ein wenig.

Was, wenn es wirklich mal sein muss? Werde ich dann wieder 3 Sparschweine haben müssen, um meine Finanzen zu verwalten? Und die Sparschweine in einen Safe stecken müssen, dessen Code ich nicht kenne damit ich bloß nichts ausgebe?

Geld ist zurecht ein Thema, das mit Vorsicht zu genießen ist. Besonders, wenn man so ein verdammt verwöhntes Einzelkind wie ich ist.

Fragt nicht nach dem Sinn dieses Beitrags. Es ist nur ein Thema, das mir schon lange durch den Kopf gespukt ist. Vermutlich musste ich nur meine Gedanken ein wenig ordnen und wieder klar kommen.

Bald folgen auch wieder gehaltvollere Beiträge. Versprochen.

Aber wenn wir schon mal beim Thema sind: Welche Beziehung habt ihr zum lieben Geld?