Von laufenden Nasen und Hühneraugen

FüßeKürzlich bekam ich zum ersten Mal eine Pediküre. Es war das volle Programm: Hornhaut entfernen, Nägel trimmen und überflüssige Nagelhaut entfernen. Bei der Gelegenheit wurde mir auch gleich eröffnet, dass ich kurz davor bin, mir gleich mehrere Hühneraugen einzufangen, eigentlich orthopädische Einlagen in meinen Schuhen bräuchte und außerdem später einen Hallux kriegen werde. Und das, obwohl ich nicht einmal hohe Schuhe trage!

Es war ein wenig schockierend, aber gleichzeitig dachte ich mir auch, dass es eigentlich kein Wunder ist. Um meine Füße habe ich mich nie wirklich gekümmert. Die sind halt einfach da und stecken die meiste Zeit in lustigen, bunten Socken. Wirkliche Pflege habe ich ihnen nie angedeihen lassen, bis auf sporadisches Zehennägelschneiden und das Wegrasieren dieser fiesen Haare auf dem großen Zeh. Also, alles rein kosmetischer Natur.

Dabei haben sie diese Nichtachtung überhaupt nicht verdient. Schließlich müssen sie mich bis mich irgendwann das Zeitliche segnet durch mein Leben tragen. Doch nicht nur mit den Füßen bin ich nachlässig. Zum Arzt gehe ich eigentlich generell nicht, außer es geht wirklich gar nichts mehr, weil ich mich so elendig fühle – und damit bin ich nicht die einzige.

Statt auf Prävention setzen wir auf Schadensbegrenzung, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Irgendwo ist es ja auch verständlich: gerade Arztbesuche sind lästig, teuer und die Sachen, die sie einem erzählen, will man eigentlich gar nicht wissen. Wer hört schon gerne, was mit einem alles nicht in Ordnung ist? Außerdem denkt man nicht darüber nach, sich um etwas zu kümmern, das auf den ersten Blick noch mehr oder weniger  intakt ist. Die Blumen werden meist auch erst dann gegossen, wenn die Erde schon knochentrocken ist.

Ich propagiere keineswegs dafür, dass wir alle jeden Monat zum Arzt rennen, aber dafür, mehr auf den eigenen Körper zu hören. Wenn wir merken, dass wir anfangen uns unwohl zu fühlen, ignorieren wir es in der Regel. Meist aus Pflichtgefühl und/oder weil wir glauben, dass es nur von kurzer Dauer ist und wir schnell wieder topfit sein werden.

Unser Körper ist unser Kapital und doch verzeihen wir ihm viel weniger als wir sollten. Wenn ein Freund oder guter Kollege sich nicht wohl fühlt, schicken wir ihn nach Hause damit er sich ausruht, aber wir selbst gönnen uns diese Ruhe nicht. Ich bin auch mehr als schuldig, was dieses Verhalten angeht: Lieber krümme ich mich stundenlang mit laufender Nase und dickem Kopf über meinem Schreibtisch, in der Hoffnung doch noch irgendwas zustande zu bekommen, als nach Hause zu gehen und mich anständig auszukurieren.

Lieber trägt man die Zahnschmerzen wochenlang mit sich herum, bis sie absolut unerträglich werden, als direkt zum Zahnarzt zu gehen. Lieber zwängt man sich in die viel zu engen Schuhe, weil sie ja so toll aussehen, als die armen Füße atmen zu lassen. Für solche Vernachlässigungen rächt der Körper sich früher oder später – und das zurecht.

Unsere Körper haben mehr als die kosmetische Behandlung von (vermeintlichen) Makeln verdient: mehr Rücksicht und mehr Fürsorge. Und weniger falschen Stolz – egal, ob es nur um laufende Nasen oder drohende Hühneraugen geht.

Das Alleinesein zelebrieren

AlleineseinSich mit seinen Freunden zu treffen, ist ja schön und gut, aber es ist mindestens genau so wichtig, auch mal Zeit mit sich selbst zu verbringen. Denn während man sich seine Freunde und die Zeiten an an denen man sie sieht, aussuchen kann, sieht es mit einem selbst anders aus. Man ist dazu gezwungen 24 Stunden am Tag mit sich selbst auszukommen. Bis einen irgendwann das Zeitliche segnet.

Deshalb finde ich es umso wichtiger, Routinen und Beschäftigungen zu haben, die nur für einen selbst gedacht sind. So sollte man nicht nur die Zeit mit seinen Liebsten zelebrieren, sondern auch die Zeit, die man mit sich selbst verbringt.

Für mich war das schon immer etwas vollkommen natürliches. Das mag zum einen damit zusammenhängen, dass ich als Einzelkind aufgewachsen bin und schon früh gelernt habe, dass das Alleinesein nichts schlimmes ist. Zum anderen bin ich von Natur aus ein Mensch, der die Zeit, die er ohne andere Menschen verbringen kann, sehr schätzt.

Trotzdem gibt es bei mir nach wie vor größere und kleinere Hemmnisse, die ich erst in jüngerer Zeit begonnen habe abzubauen. Viele Dinge sieht man im Kopf automatisch als Gruppenaktivitäten an, obwohl es objektiv betrachtet, keinen Sinn macht. Warum soll man nur mit Freunden ins Kino oder in ein Restaurant gehen können? Warum ist es bemitleidenswert, wenn man alleine in den Urlaub fliegt? Natürlich ist es schön, Leute um sich zu haben, mit denen man diese Erfahrungen teilen kann, aber es sollte einen nicht davon abhalten diese Dinge zu tun, wenn sich niemand dafür findet.

So habe ich letztes Jahr endlich damit begonnen, alleine ins Kino zu gehen. Zwar nicht immer, aber es kommt oft genug vor, dass ich einen Film sehen möchte, für den sich sonst niemand interessiert. Mittlerweile sehe ich es nicht mehr ein, einen Film zu verpassen, nur weil ich keine Begleitung habe (und während der Film läuft, kann man sich sowieso nicht unterhalten).

Das Gleiche gilt für Lokale und Cafés. Wenn ich dazu Lust habe, mich irgendwo gemütlich hinzusetzen, muss ich nicht zwingend jemanden dabei haben. Sich einfach mit einem Buch in ein Café zu setzen und dort einen Tee zu trinken, kann genau so erfüllend sein, wie sich dort mit einer Freundin zu treffen und zu quatschen. Es ist halt nur anders.

Die Zeit, die man mit sich selbst verbringt, wird viel zu häufig als selbstverständlich, manchmal sogar als Zeitverschwendung angesehen. Man macht ja meistens sowieso nichts besonderes, außer rumzuhängen. Aber selbst das ist für mich manchmal eine Art des Zelebrierens. Besonders wenn das bedeutet, es mir auf dem Sofa gemütlich zu machen und mir meine Lieblingssendung anzusehen. Das ist dann, aus meiner Sicht, keine Zeitverschwendung, sondern eine Art, mir etwas gutes zu tun.

Ich glaube, dass es wichtig für uns Menschen ist, zu lernen, dass wir die Zeit, die wir alleine mit uns verbringen genau so wertschätzen müssen, wie die Zeit, die wir für andere Menschen aufbringen. Denn nur, wenn wir wenigstens hin und wieder mal alleine sind, haben wir wirklich die Muße, um zu reflektieren, um Pläne zu schmieden und uns einfach um uns selbst zu kümmern. Und das vollkommen kompromisslos.

Zwar hat der Kopf dann auch Zeit, um uns mit den Dingen zu belästigen, über die wir eigentlich nicht so gerne nachdenken, die wir lieber verdrängen wollen, aber ewig können wir sie meistens doch nicht vor uns herschieben. Somit steht das Alleinesein auch dafür, dass man mit sich und seiner Umwelt nach und nach ins reine kommt.

Deshalb wünsche ich mir eine Welt, in der das Alleinesein nicht nur belächelt oder sogar bewusst vermieden wird. Es ist eine Form der Selbstheilung, der eigenen Weiterentwicklung und manchmal der einzige Weg, um zu lernen, wie man mit sich selbst klar kommt.

Viele Menschen im Leben kommen und gehen. Ob sie für immer gehen, oder nur temporär, sei dabei mal dahingestellt. Das einzige, was wirklich konstant ist und wovon man sich nicht zurückziehen kann, ist die eigene Gesellschaft.

Also nutze und kultiviere sie so gut du nur kannst.

Sei gut zu dir selbst.

Rastlosigkeit – ein Mini-Pseudo-Podcast

Rastlosigkeit

In einem Anflug jugendlichen Leichtsinns habe ich den folgenden Beitrag nicht nur geschrieben, sondern auch als Audio-Datei aufgenommen. Höre ihn dir hier an und/oder lese ihn weiter unten wie gewohnt. Viel Spaß damit!

In letzter Zeit plagt mich eine unglaubliche Rastlosigkeit. Es gibt einfach zu viele Dinge, die ich tun will.

Ich will diesem Blog mehr Zeit widmen. Ich will wieder eine Geschichte, vielleicht sogar ein ganzes Buch schreiben. Ich will meine Fremdsprachenkenntnisse wieder auffrischen. Ich will lernen, wie man eine Mütze strickt. Und so weiter und so fort. Ich will, ich will, ich will.

Lauter große und kleine Projekte, reihen sich in meinem Kopf aneinander. Sie buhlen um meine Aufmerksamkeit und darum, dass ich endlich meinem Schweinehund in den Hintern trete. Es überfordert mich. Es ist einfach zu viel.

Also, mache ich nichts.

Und mit jedem Tag, der ungenutzt verstreicht, fühle ich mich nutzloser. Ich ärgere mich darüber, dass ich mich nicht aufraffen kann und das, was ich an Potenzial habe, jämmerlich verkümmern lasse. So viel machen zu wollen und doch davor zurück zu schrecken, ist auf Dauer anstrengend.

Ich habe mal gehört, dass es helfen soll, wenn man sich immer ein Projekt herauspickt und daran arbeitet. Multi-Tasking soll ja ohnehin nur ein Mythos sein. Eine Aufgabe nach der nächsten anzugehen, wirkt weniger kolossal und unlösbar, als diesen ganzen Berg einfach nur vor sich zu sehen – und zu verzweifeln.

Die Welt da draußen ist voll von Leuten, die anscheinend alles auf einmal machen, besonders im kreativen Bereich. Man ist nicht nur Blogger, sondern auch noch Podcaster, Lifecoach und macht nebenbei eine Ausbildung zum Ernährungsberater. Es ist verrückt. Vor allem, wenn man selbst auch gerne so ein Multitalent wäre, es aber nicht mal schafft, eine Sache anzugehen.

So verbringe ich mittlerweile einen nicht gerade kleinen Teil meiner freien Zeit damit, mich mit unwichtigen Tätigkeiten und Netflix zu beschäftigen.Wobei, eigentlich kann ich es auch ganz direkt sagen. Wir sind ja unter uns: Ich prokrastiniere vom feinsten, schaue mir ganz viele Videos zu den Themen Produktivität und Arbeitsmoral an. Astreine Selbsttäuschung!

Nur wirklich genießen kann ich es nicht, so wie in der Uni damals. Dort hatte ich Deadlines. Irgendwann musste ich mich auf den Hosenboden setzen und lernen. Ich habe die Zeit des herrlichen Nichtstuns so lange genossen, bis ich wusste, dass es langsam Zeit wurde, etwas zu tun. Dann wurde gearbeitet und es hat funktioniert. Jetzt setze ich mir meine Ziele selber und schiebe sie immer weiter auf. Das macht mich unruhig.

Schon vor mindestens 3 Jahren wollte ich im November beim Projekt NaNoWriMo teilnehmen, in der Hoffnung, dass es mich meinem ersten Buch näher bringt. Hat es natürlich nicht, weil ich nicht teilgenommen habe. Mir hat die zündende Idee gefehlt. Jetzt bin ich 26 und habe immer noch nichts in der Richtung geschafft. Vielleicht dieses Jahr?

Ich will nicht irgendwann den Löffel abgeben und mich über all die großen und kleinen Dinge ärgern, die ich nicht gemacht habe, weil ich überfordert war. Oder weil ich mich nicht getraut habe.

Ich werde nicht mehr mit Anfang 20 neben der Uni einen Bestseller veröffentlichen. Der Zug ist schon lange abgefahren, aber es ist definitiv noch nicht  zu spät, um was im Leben zu reißen. Und während es wahrscheinlich unmöglich ist, alles, was man sich irgendwie irgendwann mal vornimmt, auch zu schaffen, so gibt es doch ein paar Dinge, die auf jeden Fall machbar sind.

Und solange ich das Projekt, das mir am meisten am Herzen liegt, nicht zumindest begonnen habe, wird diese Rastlosigkeit auch nicht verschwinden.

Von welchem Projekt ich rede?

Das Buch.

Jane Austen – aber als Hippie im Petticoat

Nostalgie2Wer in unserer Zeit hier in Deutschland lebt, kann sich eigentlich kaum beschweren. Ich kann es jedenfalls nicht. Ich habe einen tollen Job mit einem gesicherten Einkommen und einer Krankenversicherung. Ich darf wählen, obwohl ich eine Frau bin. Und ich darf (fast immer) anziehen, was ich will.

Freiheiten wie diese, waren vor vielen Jahren nicht selbstverständlich. Noch vor ein paar Jahrzehnten mussten Frauen ihre Männer fragen, ob sie arbeiten gehen dürfen. Saß eine Frau in der Auto-Nation Deutschland dann auch noch hinter dem Steuer, wurde erst recht die Nase gerümpft. Wirklich viel entscheiden, durfte man damals ohnehin nicht. Wenn der Sohn vom Bauer Humpe nebenan aus Sicht der Eltern eine vielversprechende Partie abgab, dann wurde der halt geheiratet.

„Früher“ oder „damals“ war nicht immer alles besser. Ich wage sogar zu behaupten, dass wir, trotz all es Wahnsinns um uns herum, noch eine Menge Glück haben. Dennoch trifft sie viele von uns immer wieder: diese Nostalgie für längst vergangene Zeiten. Und damit meine ich nicht unbedingt die 80er oder 90er, die auf sämtlichen Parties abgefeiert werden. Die Zeiten von denen ich spreche, haben wir in der Regel nicht mal selbst miterlebt.

Wahrscheinlich faszinieren sie uns gerade deshalb. Wie oft hast du dich schon gefragt: „Was wäre, wenn ich zu dieser Zeit gelebt hätte?

Oder bin ich einfach nur komisch? Denn ich für meinen Teil stelle mir diese Frage sehr häufig – und kann mich dabei nie für eine Epoche entscheiden. Mal will ich im Puffärmel-Kleidchen auf feinen Gesellschaften nach dem perfekten Mr. Darcy suchen. Mal will ich den ganzen Wahnsinn der Werbeagenturen auf der New Yorker Madison Avenue der 60er-Jahre miterleben. Oder ich träume davon, eine echte Sommerfrische im Stil der 20er mitzuerleben.

Natürlich sind das alles nur idealisierte Träumereien. Es sind Wunschvorstellungen, die nichts mit der damaligen Realität gemein haben. Denn die war mit Sicherheit für die meisten Menschen um einiges härter, als man es sich heute vorstellt. Die Regency-Ära war kein einziges Happy End, wie ein Jane-Austen-Roman. Und Versailles bestand nicht nur aus rauschenden Festen.

So fernab diese Gedankenspiele auch sein mögen, so glaube ich trotzdem, dass sie mir gut tun. Sie regen meine Fantasie an und bieten mir eine Möglichkeit, den Alltag hinter mir zu lassen. Gleichzeitig verleiten sie mich oft dazu, mich mehr über diese Epochen zu informieren. Um eben nicht nur in meiner Traumwelt festzustecken.

Ich bin froh darüber, dass es heutzutage genug Mittel und Wege gibt, diese Nostalgie auszuleben. In meiner Wohnung findet sich das eine oder andere kleine Flohmarktstück, das eine eigene Geschichte erzählt. In meiner DVD-Sammlung stehen Kostümschinken neben waschechten Hollywood-Klassikern aus den 50ern. Und Oscar Wilde teilt sich mein Bücherregal mit Biographien über Madame de Pompadour.

Viele können damit nichts anfangen. Für die ist Geschichte sowieso dröge und langweilig und dem alten Kram können sie einfach nichts abgewinnen. Für mich ist es eine Art, meinem Leben mehr Würze zu verleihen. Es ist wie die Prise Zimt, die aus einer einfachen, heißen Schokolade, eine richtig leckere, heiße Schokolade macht.

Und so sehr ich unsere heutige Zeit mit all ihren Annehmlichkeiten liebe, so zu 100% habe ich noch nie zu ihr gehört. Dafür hat die Vergangenheit einfach zu viel zu bieten. Da wäre ich gerne mal Jane Austen – aber bitte als Hippie und im Petticoat.

Und du so?

Nostalgischer Träumer oder eher ein Kind der Moderne?

Erinnerungen an eine Frau

Abschied

Als meine Oma am 28.01.2014 starb, war es das erste Mal, dass ich wirklich mit dem Tod konfrontiert wurde. Wenige Tage später ihr Bild neben einer Urne mit ihren Überresten zu sehen, war surreal. Die Rede, die der Sprecher hielt, war ein makaberer Witz. Es hätte auch ein vorgelesenes Xing-Profil sein können.

In letzter Zeit musste ich öfter an sie denken. Daran, wie sie war, bevor sie starb. Bevor der Krebs sich mit aller Kraft seinen Weg durch ihren Körper gebahnt hat.

Wenn ich mich an die Zeit vor alledem zurückerinnere, dann komme ich nicht umhin zu lächeln. Sie war die stilvollste Dame, die ich kannte. Die Haare immer perfekt in Form gebracht, die Nägel akkurat gepflegt.

Ich erinnere mich an Weihnachten. Wenn wir mittags alle zusammen in ihrem Wohnzimmer saßen und sie wieder ein Festmahl für uns alle gemacht hatte. Dabei stöhnten wir schon vor Erschöpfung auf, weil wir genau wussten, dass es am Abend bei Opa weitergehen würde. Sie waren schon lange nicht mehr miteinander verheiratet.

Ich erinnere mich besonders an jenes Weihnachten, als ich zum ersten Mal ihren selbst aufgebrühten Kaffee getrunken habe. 4-5 Tassen waren es bestimmt. Seitdem habe ich nie wieder Kaffee getrunken. Mein Papa wird sich noch gut daran erinnern.

Zwetschgenknödel. Die hat sie ein Mal gemacht und ich habe sie nie vergessen.

All die Filme, die ich mit ihr zusammen im Kino gesehen habe… „Casanova“, „Stolz und Vorurteil“.  Ich glaube nicht, dass „Per Anhalter durch die Galaxie“ oder „Star Wars: Episode 1“ besonders gut gefallen haben, aber sie hat tapfer durchgehalten.

Die Karten für viele der Vorstellungen habe ich noch immer.

Sie war eine tolle Frau. Anders kann man es einfach nicht sagen.

Umso mehr schmerzt mich die Erinnerung an die Zeit nach der Diagnose bis zu ihrem Tod. Und hin und wieder sind da diese Schuldgefühle: Ich hätte sie öfter besuchen sollen, mehr für sie da sein sollen. Aber ich hatte Angst. Ich wollte nicht das Bild von ihr verlieren, das ich all die Jahre in mir getragen hatte.

Ich wollte den Verfall nicht sehen.

Doch jedes Mal, wenn ich sie in dieser Zeit sah, war ein weiterer Teil der Frau, die ich so geschätzt hatte, verschwunden.

Es ist ein eigentümliches Gefühl zu sehen, was der Krebs aus Menschen, die vorher eigenständig und gesund waren, machen kann.

Wie er ihren Verstand nach und nach in eine dunkle, schwere Wolke hüllt und sie körperlich und geistig vollkommen abhängig von Pflegern und Verwandten macht.

Diese Macht, die er über den Menschen hat, ist so unglaublich wie erschreckend.

Jetzt, mit ein paar Jahren Abstand, denke ich immer weniger an die schweren Zeiten und mehr an die schönen Momente, die wir hatten. An den Kaffee-Duft. An ihr Essen. Das Jazz-Konzert, das wir mal besucht haben. An ihre kleine Wohnung. Und die erste Fahrt mit meinem eigenen Auto dorthin.

Knapp 2 Jahre und und nur wenige Tage später, am 02.02.2016, erlag auch meine andere Oma dem Kampf gegen den Krebs. In ihrer Traueranzeige stehen einleitend folgende Worte:

„Du bist nicht mehr da, wo Du warst. Aber Du bist überall da, wo wir sind.“

Dem ist, meiner Meinung nach, nichts mehr hinzuzufügen.

Jeder ist mal ein Nichtsnutz.

Blattwerk
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Auch wenn man sich im allgemeinen nicht über das Leben beklagen kann, abgesehen von den üblichen Erste-Welt-Problemen, gibt es immer wieder diese Tage an denen nichts wirklich zu klappen scheint. Tage, die einem das Gefühl geben, dass man vom Pech verfolgt wird und an denen man mit einem Mal alles in Frage stellt, was man bisher gemacht hat.

Gestern war für mich einer dieser Tage. Ich bin eigentlich davon überzeugt, dass ich ganz gut darin bin, Dinge zu planen und zu organisieren. Zwar mehr für andere als für mich selbst, das eigene Leben endet ja doch immer irgendwo im Chaos, aber selbst mit der besten Planung können Dinge schief gehen. So auch gestern.

Wahrscheinlich kam es mir auch einfach nur schlimm vor und für die meisten ist es kein großes Ding:

Das kann jedem Mal passieren.“

Da steckt man manchmal nicht drin. Muss man halt das beste draus machen.

Ist doch kein Ding. Mach dir nichts draus.

Das ist zumindest die Art der aufmunternden Antworten, die man bei solchen Geschichten zu hören bekommt. Und eigentlich muss ich ihnen recht geben. Bei aller Sorgfalt passieren immer wieder unvorhergesehene Dinge und dann muss man das Beste daraus machen. Ist einfach so.

Wäre da nur nicht dieser kleine Teil in meinem Kopf, der sofort anfängt aufzulisten, was ich falsch gemacht habe, oder hätte anders machen können, um es zu vermeiden. Obwohl der Zug schon abgefahren. Das Kind ist in den Brunnen gefallen und hat sich beide Arme gebrochen. Und beide Beine. So fühlt es sich jedenfalls an.

Und das ist dann auch meistens der Anfang vom Ende, denn was darauf folgt, ist selten gut: Ich fange dann nicht nur an, meine Handlungen in dieser speziellen Situation zu hinterfragen, sondern im Prinzip auch sämtliche anderen Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.

Fazit: Eigentlich bin ich ja sowieso unwürdig und kann nix. 

Zu dieser Erkenntnis komme ich in der Regel nach erschreckend kurzer Zeit. Dabei ist am Ende alles nur halb so schlimm. Der Druck, den wir uns selbst machen, ist in den meisten Fällen um einiges größer als der, der uns von anderen auferlegt wird. Klar, wir wollen perfekt sein, gelobt werden und im Leben voran kommen. Zu oft vergessen wir aber, dass auch Fehler machen zum Vorwärts kommen gehören.

Wenn ich rückblickend etwas aus dem gestrigen Tag gelernt habe, dann nicht, dass ich ein vollkommen inkompetenter Vollhorst bin, sondern was ich anders machen kann, wenn mich wieder eine solche Situation oder Aufgabe erwartet. Es war eine dieser kleinen Lektionen, die im ersten Moment weh tun und unangenehm sind, mit denen wir aber immer rechnen müssen. Und in der Regel sind sie auch noch lehrreicher als die Momente, in denen alles glatt laufen zu scheint.

Wenn man etwas Zeit hatte, um einen Rückschlag zu verarbeiten, so klein er am Ende auch sein mag, ist es natürlich immer leicht so hochtrabend daher zu reden wie jetzt. Gestern hätte ich mich am liebsten in einem Loch verkrochen und wäre nicht wieder raus gekommen. Ich war zu enttäuscht von mir selbst, um klar zu denken

Also beschloss ich, sie mit ein wenig Retail Therapy und einem guten Essen in einem kleinen, gemütlichen Café von mir weg zu schieben.  Das gelang mir auch so halb. Doch als ich später am Abend am Flughafen Tegel ankam und mein Flieger mit über einer Stunde Verspätung die Stadt verließ, war ich mir sicher, dass dieser Tag nun vollkommen verkorkst war.

Um kurz vor Mitternacht öffnete ich die Tür zu meiner kleinen 33m²-Wohnung. Ich war wieder zu Hause. Faszinierend, wie schnell einen diese Tatsache wieder beruhigen kann.

Fest steht: Der gestrige Tag wird nicht gerade als der beste oder erfolgreichste Tag in die Annalen meiner persönlichen Geschichte eingehen. Er wird aber auch nicht der schlimmste sein. Bei weitem nicht. Ob ich das jetzt beruhigend finde oder nicht, sei jetzt mal dahin gestellt, aber er war eine wertvolle Lektion, denn kein Mensch ist wirklich immer zu Hundert Prozent perfekt.

Und das sollten wir auch nicht von uns erwarten.