Von laufenden Nasen und Hühneraugen

FüßeKürzlich bekam ich zum ersten Mal eine Pediküre. Es war das volle Programm: Hornhaut entfernen, Nägel trimmen und überflüssige Nagelhaut entfernen. Bei der Gelegenheit wurde mir auch gleich eröffnet, dass ich kurz davor bin, mir gleich mehrere Hühneraugen einzufangen, eigentlich orthopädische Einlagen in meinen Schuhen bräuchte und außerdem später einen Hallux kriegen werde. Und das, obwohl ich nicht einmal hohe Schuhe trage!

Es war ein wenig schockierend, aber gleichzeitig dachte ich mir auch, dass es eigentlich kein Wunder ist. Um meine Füße habe ich mich nie wirklich gekümmert. Die sind halt einfach da und stecken die meiste Zeit in lustigen, bunten Socken. Wirkliche Pflege habe ich ihnen nie angedeihen lassen, bis auf sporadisches Zehennägelschneiden und das Wegrasieren dieser fiesen Haare auf dem großen Zeh. Also, alles rein kosmetischer Natur.

Dabei haben sie diese Nichtachtung überhaupt nicht verdient. Schließlich müssen sie mich bis mich irgendwann das Zeitliche segnet durch mein Leben tragen. Doch nicht nur mit den Füßen bin ich nachlässig. Zum Arzt gehe ich eigentlich generell nicht, außer es geht wirklich gar nichts mehr, weil ich mich so elendig fühle – und damit bin ich nicht die einzige.

Statt auf Prävention setzen wir auf Schadensbegrenzung, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Irgendwo ist es ja auch verständlich: gerade Arztbesuche sind lästig, teuer und die Sachen, die sie einem erzählen, will man eigentlich gar nicht wissen. Wer hört schon gerne, was mit einem alles nicht in Ordnung ist? Außerdem denkt man nicht darüber nach, sich um etwas zu kümmern, das auf den ersten Blick noch mehr oder weniger  intakt ist. Die Blumen werden meist auch erst dann gegossen, wenn die Erde schon knochentrocken ist.

Ich propagiere keineswegs dafür, dass wir alle jeden Monat zum Arzt rennen, aber dafür, mehr auf den eigenen Körper zu hören. Wenn wir merken, dass wir anfangen uns unwohl zu fühlen, ignorieren wir es in der Regel. Meist aus Pflichtgefühl und/oder weil wir glauben, dass es nur von kurzer Dauer ist und wir schnell wieder topfit sein werden.

Unser Körper ist unser Kapital und doch verzeihen wir ihm viel weniger als wir sollten. Wenn ein Freund oder guter Kollege sich nicht wohl fühlt, schicken wir ihn nach Hause damit er sich ausruht, aber wir selbst gönnen uns diese Ruhe nicht. Ich bin auch mehr als schuldig, was dieses Verhalten angeht: Lieber krümme ich mich stundenlang mit laufender Nase und dickem Kopf über meinem Schreibtisch, in der Hoffnung doch noch irgendwas zustande zu bekommen, als nach Hause zu gehen und mich anständig auszukurieren.

Lieber trägt man die Zahnschmerzen wochenlang mit sich herum, bis sie absolut unerträglich werden, als direkt zum Zahnarzt zu gehen. Lieber zwängt man sich in die viel zu engen Schuhe, weil sie ja so toll aussehen, als die armen Füße atmen zu lassen. Für solche Vernachlässigungen rächt der Körper sich früher oder später – und das zurecht.

Unsere Körper haben mehr als die kosmetische Behandlung von (vermeintlichen) Makeln verdient: mehr Rücksicht und mehr Fürsorge. Und weniger falschen Stolz – egal, ob es nur um laufende Nasen oder drohende Hühneraugen geht.

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