Die stolze Brillenschlange

Brille

Es war einmal ein kleines Mädchen. Das bekam in der vierten Klasse gesagt, dass es dringend eine Brille braucht. Also bekam es eine rote Brille mit ovalen Gläsern – und merkte dabei erst wie blind es doch gewesen war. Die Brille konnte es allerdings nie wirklich leiden – also tauschte es das Gestell bald gegen Kontaktlinsen. Die trug es viele, viele Jahre bis es irgendwann eine schlimme Hornhautentzündung bekam. Und auf einmal war es vorbei mit der grenzenlosen Sicht.

Die Brille – eine Strafe meiner Gene

Das ist, kurz gefasst, meine Geschichte bis zum Jahr 2014, geschildert aus der Perspektive meiner Augen. Ich bin schon früh zur Brillenschlange geworden. Wie gerne würde ich es darauf zurückführen, dass das daher kommt, dass ich als Kind so viel gelesen habe und ach so gebildet war, aber ich fürchte, dass es reine genetische Veranlagung ist. Meine Mutter ist mittlerweile ziemlich blind, aber in ein paar Jahren werde ich sie sicherlich eingeholt haben.

Mit einer Brille auf der Nase herumzulaufen, war mir schon als Kind ein Graus. Nicht weil ich deswegen gehänselt wurde, sondern weil ich sie unpraktisch fand. Ich mochte es nicht, über den Rand zu schauen und nichts erkennen zu können. Beim Sport rutschte sie ständig und überhaupt passte sie auch nicht zu mir. Sie war nicht Ich. 

Eine neue Freiheit

Als ich dann endlich Kontaktlinsen bekam, war ich überglücklich und trug sie wirklich exzessiv. Sie einzusetzen war über Jahre hinweg das erste, was ich morgens tat und sie rauszunehmen, war das letzte. So kam es nicht selten vor, dass ich die Dinger schon mal über 16 Stunden am Tag auf den Augen hatte. Die Brille trug ich nur im allergrößten Notfall – also eigentlich nie.

Bis ich vor ein paar Jahren eine fiese Hornhautentzündung auf beiden Augen bekam und 2 Wochen nicht arbeiten konnte. Ich durfte nicht lesen, kein Fernsehen gucken oder am Computer arbeiten.

Kontaktlinsen waren nach dieser unangenehmen Episode sowieso erstmal tabu und selbst als ich sie wieder tragen konnte, merkte ich schnell, wie angegriffen meine Augen waren, wie trocken empfindlich. So wich ich zwangsläufig häufiger auf meine Brille zurück als mir lieb war. Es dauerte Monate bis meine Augen sich einigermaßen erholt hatten. Auch heute noch trocknen sie schneller aus als vor der Entzündung.

Meine damalige Brille hatte zwar weder meine Sehstärke, noch fand ich, dass sie mir besonders gut stand, doch es war besser als mir die Linsen nach zwei Stunden Tragen aus den feuerroten Augen zu puhlen. Und obwohl ich in der Zeit anfing, meine Brille öfter zu tragen als meine Kontaktlinsen, sah ich es nicht ein, mir eine neue zu besorgen. Gute Brillen können nämlich schweineteuer sein.

Eine neue Brille ist wie ein neues Leben

Vergangenen Sommer hielt ich es – nach Monaten des Überlegens – nicht mehr aus, stiefelte zum Optiker und ließ mir eine neue Brille anfertigen. Eine schöne Nerdbrille mit großen Gläsern, wie es sich heutzutage gehört. Wenn schon, denn schon. Und was soll ich sagen? Seitdem trage ich fast nur noch Brille. Zum einen rührt diese Tatsache daher, dass ich endlich ein Modell habe, das mit dem ich mich wohl fühle. Zum anderen bin ich mittlerweile zu faul, jeden Tag mit den Kontaktlinsen herum zu hantieren. Eigentlich trage ich sie fast nur noch zum Feiern oder ähnlichen Aktivitäten. Selten habe ich wirklich „Lust“ darauf.

Obwohl ich nichts dagegen hätte, eines morgens aufzuwachen und ohne jedes Hilfsmittel alles sehen zu können, habe ich mich an mein Brillenschlangen-Dasein in den letzten Monaten unglaublich schnell gewöhnt. An manchen Tagen glaube ich sogar, dass es mein Gesicht interessanter macht und ihm mehr Struktur gibt – aber auch, dass ich mehr ich selbst bin, wenn ich eine Brille trage, als wenn ich ohne unterwegs bin. Ohne die Brille wäre mein Gesicht nur irgendein Allerweltsgesicht.

Es ist witzig, wie sich die Wahrnehmung im Laufe der Jahre ändern kann. Es ist ein bisschen wie mit einem Gemüse, das man früher auf den Tod nicht ausstehen konnte und auf einmal fängt man an, es doch zu mögen. Die Brille ist quasi so was wie mein Rosenkohl geworden. Ich überlege sogar, mir eine zweite anzuschaffen, damit ich mal was zum wechseln habe.

Heutzutage werden Brille ja sowieso mehr als eine Art modisches Accessoire denn als Notwendigkeit oder Relikt vergeistigter Nerds betrachtet, was ich persönlich aber sehr gut finde, denn dadurch ist die Auswahl an modischen und erschwinglichen Modellen stark gewachsen. Verbrennt eure Brillen also nicht, wie die Frauen ihre BHs während der 68er-Revolution, sondern tragt sie mit Stolz.

Brillenschlangen der Welt, vereinigt euch!

 

Tagträume am Morgen

Tagträume

Ich habe das große Glück, dass meine Wohnung und mein Arbeitsplatz nicht weit voneinander entfernt sind. 10 Minuten zu Fuß zum Bahnhof, dann nochmal 8 Minuten mit der Bahn und 3 Minuten zu Fuß zum Bürogebäude. Wenn alles so ideal läuft, dann brauche ich weniger als eine halbe Stunde von A nach B. Das ist genug räumlicher Abstand zwischen meiner Arbeit und mir, aber nah genug, um nicht zu viel Zeit mit Pendeln zu verschwenden.

Trotzdem habe ich in letzter Zeit immer wieder das Gefühl, dass gerade die Bahnfahrt einfach nicht lang genug sein kann. Das liegt noch nichtmal daran, dass ich keine Lust auf meine Arbeit habe – auch wenn man diese Tage hin und wieder mal hat. Vielmehr ist es so, dass ich in dieser Zeit vollkommen in meiner eigenen Welt versinke.

Meist höre ich auf dem Weg zur Arbeit einen Podcast, oder Musik, bin dann meistens noch nicht bereit für die Interaktion mit anderen Menschen. Ich sitze immer auf demselben Platz und schaue während der Fahrt nach draußen; über die Hintergärten hinweg durch die Fenster der Häuser. Die meisten davon sind Altbauten mit richtig großen Fenstern, sodass man viel von den Wehnungen und Büros sehen kann.

Ich genieße es richtig, das Geschehen zu beobachten und mir vorzustellen, was die Leute hinter den Fenstern machen und wie mein Leben wäre, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Manchmal ist da aber auch eine angenehme Stille in meinem Kopf, die ich so sehr selten erlebe. Alles fließt einfach an mir vorbei  ohne dass ich besonders viel darüber nachdenke. An diesen Morgenden geht die Fahrt besonders schnell.

Noch ehe ich mich versehe, ertönt der Name meiner Station über den Lautsprecher und reißt mich aus meinem Tagtraum. Oft genug frage ich mich dann, was passieren würde, wenn ich einfach sitzen bleiben und weiterfahren würde. Als pflichtbewusster Mensch habe ich das natürlich noch nie gemacht, doch ich muss zugeben, dass die Versuchung hin und wieder sehr groß ist. Sitzen bleiben, weiter träumen und irgendwann wieder ganz entspannt nach Hause fahren.

Doch stattdessen stehe ich auf, verlasse den Zug und gehe zur Arbeit. Und so verbringe ich meinen Tag, immer einen Schritt nach dem nächsten nehmend, damit ich morgens nicht einfach im Bett liegen bleibe und mir die Decke über den Kopf ziehe. Damit ich nicht doch irgendwann einfach mal sitzen bleibe, nur um zu sehen, wo mich meine Reise hin führt. Ein Leben im Autopilot.

Besonders an Tagen, an denen ich mich nicht so fit fühle, sind diese knapp 30 Minuten des Pendelns für mich sehr wichtig. Ich kann mich mental auf das vorbereiten, was an dem Tag auf mich zukommt, ohne dass mich jemand stört oder ich direkt aktiv werden muss. Ich kann jederzeit mit meinen Gedanken abschweifen, wenn ich will. In diesen Minuten ist das auch nichts schlimmes, denn es gibt ja sonst nichts für mich zu tun. Ich kann so viel oder so wenig nachdenken, wie ich will und worüber ich will.

Tagträumen ohne Reue. Ich würde sagen, das ist der Hauptgrund, warum ich meinen Weg zur Arbeit so sehr liebe, warum ich ihn am liebsten wie ein Kaugummi in die Länge ziehen würde. Diese Momente des Leerlaufs sind so wertvoll und so unglaublich wichtig für mich. Doch am Ende geht das Leben immer weiter.

Fernweh und andere Probleme

Fernweh

Mir fällt die Decke auf den Kopf. Zumindest fühlt es sich gerade so an. Seit Tagen schon bin ich rastlos, kann mich auf nichts konzentrieren. Ich fange eine Aufgabe an, nur um eine Minute den Tab für etwas neues am PC zu öffnen. Nichts mag irgendwie wirklich gelingen. Mein Kopf ist gefühlt überall – nur nicht dort, wo er gerade sein soll. Wenn er nicht angewachsen wäre, wäre er mir wohl schon längst von den Schultern gesprungen und davon gerollt.

Er wäre zum nächsten Flughafen und in den nächstmöglichen Flieger gekullert, denn die Wahrheit ist die: Ich habe ganz böses Fernweh. Für dieses Jahr stehen schon zwei große Reisen an, die ich voller Ungeduld erwarte, doch jetzt gerade kann es mir einfach nicht schnell genug gehen. Am liebsten würde ich jetzt meinen Koffer packen und abhauen.

Und weil die eine Reise im März ist und die andere im November, überlege ich natürlich auch, wie ich die Monate dazwischen überbrücken kann. Im Moment bin ich jedenfalls fest davon überzeugt, dass ich wahnsinnig werde, wenn ich sie hier verbringe. Meine neueste, fixe Idee ist ein langes Wochenende alleine in einer Stadt, in der ich noch nie vorher gewesen bin: Barcelona.

Zum einen ist da der Nervenkitzel, weil ich gerne mal alleine reisen würde, es aber noch nie wirklich getan habe. Zum anderen möchte ich mich mal wieder voll und ganz diesem Kulturrausch hingeben. Selbst wenn es nur für ein paar Tage ist. Hauptsache weg, hauptsache schön.

Woher dieser plötzliche Drang zur Flucht kommt, weiß ich nicht. Normalerweise bin ich auch eher der Homebuddy, was schlicht und ergreifend daher kommt, dass ich mein zu Hause liebe, aber ich kriege den Kopf einfach nicht frei. Ständig ist da oben irgendwas los. Und oft sagt man ja, dass ein Tapetenwechsel zwischendurch auch für frischen Wind im Oberstübchen sorgt. Schaden kann es jedenfalls nicht (auch wenn mein Bankkonto mir dann etwas anderes sagen wird).

Selbstfindung im neuen Jahrtausend

Vielleicht ist es aber auch diese romantische Vorstellung, die man schon mal hat, wenn man von Leuten hört, die eine Reise gemacht haben und die scheinbar von der absoluten Erleuchtung den Kopf gestreichelt bekommen haben. Sie berichten von der Klarheit, die sie plötzlich über sich und das Leben haben, dass sie auf einmal wissen, wer sie sind und weshalb sie auf dieser Welt sind. Sie fangen an Bücher zu schreiben, eröffnen ein eigenes Meditationszentrum, oder packen ihren Koffer direkt wieder um auszuwandern.

Das ist natürlich ein etwas überzeichnetes Klischee, und doch gibt es diese Reisen, die etwas mit uns machen. Die etwas in uns verändern und den Funken überspringen lassen, der so lange nicht zünden wollte. Vielleicht warte auch ich auf diesen Moment der Erleuchtung. Diesen Moment, wenn ich in einem Café in einer fernen Stadt sitze und mir ganz klar, aber trotzdem  ganz unaufdringlich bewusst wird, wo ich im Leben hin will und mit einem Mal ist alles in mir ruhig und friedlich.

Was labert die da für einen Hippie-Schmarrn?“ höre ich manche jetzt schon fragen, aber ganz ehrlich? Das ist mir wurscht. Es wäre für mich eine einfache Lösung für ein, wie mir scheint, eigentlich nicht ganz so einfach zu lösendes Problem. Weil es zu tief sitzt. Weil ich mir im Leben noch nicht die richtigen Fragen gestellt habe, oder mich nicht traue sie zu beantworten.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine Reise löst nicht alle Probleme. Aber sie würde mir zumindest dabei helfen, ein wenig Abstand zu gewinnen und für ein paar Tage aus der Achterbahn in meinem Kopf auszusteigen. Allein das würde mir gerade schon extrem helfen.

Als ich den Glauben an mich selbst verlor

Vorleser

Wer kennt sie nicht? Diese Momente, wenn man im Freundeskreis zusammensitzt und über die verrückten Zeiten sinniert, die man schon gemeinsam erlebt hat.

Weißt du noch, als…?“ „Kannst du dich noch an XY erinnern?“ Oft habe ich leider überhaupt keine Ahnung, wovon gesprochen wird und so folge ich in diesen Situationen eher dem Motto „(verwirrt) lächeln und nicken“ als enthusiastisch in die Unterhaltung einzusteigen. Die Wahrheit ist nämlich die: Mein Gedächtnis ist unglaublich schlecht, bzw. komisch vernetzt. Ich kann mich an einen Werbejingle aus den 90ern erinnern, aber nicht an ein Erlebnis mit meinen Freunden im letzten Jahr.

Ein paar Dinge bleiben aber hin und wieder doch hängen. Nicht alle davon sind schön. Einer der prägendsten Momente war der, in dem ich das Vertrauen in mich selbst verloren habe.

Das mag eine sehr dramatische Formulierung sein. Besonders wenn man bedenkt, was passiert ist, erscheint es aus heutiger Sicht lächerlich, doch damals war ich noch ein Kind und als Kind spürt man vieles noch intensiver.

Zurück zum Anfang

Vom Kindergarten bis zum Anfang meiner Gymnasialzeit war ich eine kleine Rampensau. Ich stand gerne im Mittelpunkt, hatte in der Grundschule sogar meinen eigenen Song geschrieben, ihn zum besten gegeben und danach begeistert Autogramme geschrieben. Ich habe gerne Theater gespielt und bei Rollenspielen auf dem Pausenhof war ich sowieso immer voller Enthusiasmus dabei.

In der 6. Klasse (vielleicht war es auch die 7.) ging dann die Neuigkeit herum, dass es einen Vorlesewettbewerb geben wird. Ich habe mich sofort dafür angemeldet und war schon bald stolze Vertreterin meiner Schule beim stadtweiten Entscheid in der hiesigen Buchhandlung. Ich war ziemlich aufgeregt, aber insgesamt doch sehr überzeugt davon, dass ich es schaffen konnte.

Wir sollten zwei Passagen vorlesen. Die erste war eine vorher eingeübte Stelle aus einem Buch unserer Wahl, die zweite war ein Überraschungstext. Für den ersten Teil hatte ich mich für eine Stelle aus Harry Potter entschieden, das erste Buch, wenn ich mich recht erinnere und als ich fertig war, war ich recht selbstbewusst, was meine Leistung anging. Ich wurde sogar von einem Reporter der Rheinischen Post (der arme Kerl) interviewed – weil er wohl glaubte, dass ich gewinnen würde.

An den zweiten Teil kann ich mich, ehrlich gesagt, nicht mehr erinnern, aber das ist auch nicht wichtig. Viel wichtiger ist die Enttäuschung, die in mir hochschäumte, als bei der Siegerehrung nicht mein Name, sondern der eines anderen Kindes fiel. Ich hatte versagt. Es war egal, dass meine Eltern sofort sagten, dass sie trotzdem stolz auf mich seien und ich das gut gemacht habe, oder dass zwei alte Damen auf mich zukamen und mir auch versicherten, dass ich besser gewesen war.

Ich hatte trotzdem versagt, denn die Leute deren Meinung in diesem Moment am wichtigsten für mich war – nämlich die Juroren- hatte ich nicht überzeugen können. Irgendwas musste ich falsch gemacht haben. Meine Leistung war nicht gut genug gewesen. ICH war nicht gut genug gewesen.

Ein Abend mit Folgen

Aus heutiger Sicht erscheint es fast schon lächerlich. Würde mir das heute passieren, würde ich mich natürlich ärgern, aber das Leben geht schließlich weiter und ich würde mich auf jeden Fall über das positive Feedback der anderen Leute freuen, doch damals ging in mir tatsächlich etwas kaputt.

Es war mit das erste Mal, dass ich wirklich etwas wollte und daran scheiterte. Statt daraus Kraft zu schöpfen und mir zu sagen, dass ich in Zukunft besser werden will, zog ich mich nach und nach in mein Schneckenhaus zurück. Rückblickend betrachtet, wäre es wohl zu viel zu sagen, dass das der einzige Grund ist, warum ich mich im Unterricht kaum noch freiwillig gemeldet habe, aber es war auf jeden Fall nicht unschuldig daran. Ich kann mich nämlich noch sehr gut an das Gefühl erinnern, das ich damals empfunden habe.

Die Enttäuschung über mich selbst und Scham, weil ich geglaubt hatte, in etwas gut zu sein, ja sogar besser als viele andere und dann doch zu versagen… Was hatte ich mir nur eingebildet? Das wollte ich nicht mehr spüren. Deshalb glaube ich, dass dieses Ereignis einen großen Teil zu meiner weiteren Entwicklung beigetragen hat.

Zu meiner Tendenz, mich eher klein zu machen als große Sprünge zu wagen oder es anzuerkennen, wenn ich doch etwas gut gemacht habe. Zu meiner Angst davor, Dinge zu tun, die mir eigentlich wichtig sind, weil ich es nicht verbocken will. Oder zu meiner Neigung, mich aus Gesprächen herauszuhalten, wenn ich glaube, dass ich nichts sinnvolles beitragen kann.

Das Nachspiel

Ein paar Tage nach diesem Abend erschien die Rheinische Post mit dem Artikel über den Vorlesewettbewerb. Fast der komplette Artikel war nur über mich. Der Sieger ist nur in einem Satz am Schluss erwähnt worden und meine Oma war so stolz auf mich, dass sie den Artikel gleich ausgeschnitten und aufgehoben hat. Alleine, wenn ich daran denke, kommen mir, ehrlich gesagt, die Tränen.

Es war kein schönes Erlebnis und auch die Lehren, die ich daraus gezogen habe, waren im ersten Moment vielleicht nicht die besten. Doch mittlerweile kann ich auch die guten Seiten daran sehen: dass ich überhaupt so weit gekommen bin, die bedingungslose Liebe meiner Eltern, der Stolz meiner Oma, das Lob der Menschen, die mich nichtmal kannten…

Im Leben läuft nicht alles nach Plan und auch wenn wir nicht immer perfekt reagieren, weil wir es manchmal einfach nicht besser wissen, oder bestimmte Gefühle zu stark sind, haben sie doch einen Sinn. Oft bringen uns die Momente, die wir persönlich als besonders hart empfinden, am meisten über uns und unsere Mitmenschen bei. Und ich bin froh darüber, dass ich langsam wieder an Stärke zunehme.

Und um das ganze einigermaßen passend mit J.K.Rowlings Worten abzuschließen: „Happiness can be found, even in the darkest of times, if one only remembers to turn on the light.

 

Immer wieder Sonntags

cozy Sonntag

Der Sonntag ist wieder da – der Tag der Woche, dem ich immer wieder aufs neue mit der größten Ambivalenz gegenüber stehe. Auf der einen Seite ist er Teil des lang ersehnten Wochenendes. Man kann lange schlafen, den ganzen Tag entspannt auf der Couch verbringen und Serien gucken und es sich gut gehen lassen. Manchmal ist er aber auch einfach nur als Erholung vom Samstag bitter nötig. Wie auch immer man den Sonntag nutzt, missen will ihn vermutlich keiner.

Und doch ist da immer dieser eine Wermutstropfen: Es ist der Tag vor dem Montag.

Für einen Mensch wie mich, dem es schwer fällt, im Jetzt zu leben und der stattdessen viel Zeit in der Vergangenheit und der Zukunft verbringt, ist das ein Fluch. Und für mich geht das meistens schon Freitags los: Es mag ein wenig verrückt sein, aber ich denke schon am Freitagabend, dass das Wochenende eigentlich fast vorbei ist, weil ich eigentlich nur den Samstag habe, den ich wirklich unbeschwert verbringen kann (und das eigentlich auch nur mit Einschränkung, weil ich hin und wieder an den Sonntag denke).

Wo ist mein Wochenende?

Am Sonntag bin ich gedanklich schon wieder in der neuen Woche, bei den To-Do’s auf der Arbeit und all den anderen Dingen, die ich ab Montag machen muss. Die Zeit an diesem Tag scheint förmlich zu rennen ohne dass ich sie voll ausschöpfen kann und ehe ich mich versehe, ist es schon wieder Zeit, um ins Bett zu gehen, denn am Montag muss man ja wieder früh aufstehen. Gedanklich habe ich also eigentlich nur einen Tag Wochenende. Dieser Teufelskreis zerschießt mir das ganze Wochenende.

„Sunday Mood“ ist bei mir die meiste Zeit für’n Arsch.

Die Feiertage mit den kurzen Arbeitswochen haben einen natürlich sehr verwöhnt, aber es war schon ein schönes Gefühl diese Woche nur 4 Tage arbeiten zu gehen – obwohl mir diese Woche skurrilerweise genau so lang vorkam, wie eine normale Arbeitswoche. Nur konnte ich das lange Wochenende auch nur beschränkt genießen, weil ich direkt daran denken musste, dass das nächste wieder nur 2 Tage hat und dann auch die Arbeitswochen wieder 5 Tage haben werden.

Lange Rede, kurzer Sinn

Ich habe (bzw. mein Kopf hat) ein riesiges Problem damit, nicht ständig abzuschweifen und einfach nur den Moment oder den Tag zu leben, der gerade ist. Ich kann nicht einfach nur sein. Und dabei gibt es auch noch folgende kleine Gemeinheit: Selbst wenn ich schon heute an die Dinge denke,die ich morgen zu tun habe, kann ich sie noch nicht beeinflussen. Ich kann noch nichts tun. Ich erreiche also absolut gar nichts, wenn ich mir jetzt schon den Kopf zerbreche, außer dass ich mir selber den Tag versaue.

Ich bewundere wirklich Menschen, die diese Denkmaschine einfach mal für die einzigen freien Tage der Woche abstellen können. Die nicht schon im Voraus anfangen, die To-Do-Liste der kommenden Woche im Kopf durchzugrübeln, sondern die Zeit voll ausnutzen, die sie in diesem Moment haben.

Deshalb, obwohl ich eigentlich kein großer Freund von Neujahresvorsätzen bin, möchte ich mir für 2018 gerne vornehmen, mehr im Jetzt zu leben. Ich möchte mich weniger von Dingen beeinflussen lassen, die ich nicht mehr oder noch nicht beeinflussen kann und die deshalb im Grunde nur stören.

Für Tipps, wie man das anstellt, bin ich sehr dankbar, also immer her damit!

 

Ungelebte Leben

Luxus

Man könnte sagen, dass ich zu viel Zeit zum Nachdenken habe, oder aber dass ich einfach zu viel Fernsehen gucke. Ich selbst bin davon überzeugt, dass es eine mehr oder weniger gesunde Mischung aus beidem ist. Die Sache ist aber die: Wenn man mit den Hunden Gassi geht und einem keine Sau entgegen kommt, hat man verdammt viel Zeit zum Nachdenken. Das sind meistens die Minuten des Tages, in denen meine Fantasie regelrecht Amok läuft.

Denn wenn ich so die Straßen der Nachbarschaft meiner Heimatstadt durchstreife, vorbei an Einfamilienhäusern und kaum befahrenen Bahngleisen, dann komme ich immer wieder zu der Erkenntnis, wie unwahrscheinlich es doch ist, dass ich genau zu dem Zeitpunkt und an dem Ort das Licht der Welt erblickt habe, wie ich es nunmal getan habe. Ich hätte auch genau so gut ein Zimmermädchen auf der Titanic sein können. Aber dann wäre mein Leben vermutlich ein sehr kurzes gewesen.

Was wäre wenn…

Das ist natürlich ein totales Hirngespinst, aber wenn ich überlege, wie groß die Welt ist und wie viele Epochen die Menschheit schon durchlebt hat, dann kann ich einfach nicht anders, als mir vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn alles anders gekommen wäre. Was, wenn ich in eine Arbeiterfamilie im späten Preußen geboren worden wäre? Oder in eine amerikanische Kleinstadt in den 1950er Jahren? Die Liste könnte man ewig fortführen.

Besonders heute Mittag ist meine Fantasie in dieser Hinsicht mit mir durchgegangen. Ich habe mir mein Leben als einen Episodenfilm vorgestellt und jede Episode spielte in einem anderen Setting. Die Variabeln wurden dabei ständig ausgetauscht: Mal war meine Familie die gleiche, die ich jetzt habe, mal eine ganz andere. Mal war ich eine Frau, mal ein Mann. Ich war reich und ich war arm.  Ich folgte jeder noch so absurden Spur, einfach um zu sehen, was passiert – ohne direkt zu bewerten, was dabei herumkam (realistisch kann ja jeder).

Ein ganz anderer Mensch

Niemand kann abstreiten, dass unsere Umgebung und die Zeit, in die wir geboren wurden, unseren Charakter und unser Leben prägen. Was für ein Mensch wäre ich geworden, wenn all das anders gewesen wäre? Wie hätte das meine Biographie beeinflusst? Nehmen wir an, ich wäre wirklich in einer kleinen Stadt in den 50ern aufgewachsen – wäre ich dann die Mutter eines Kindes und die Frau eines Mannes, der mir zwar Sicherheit, aber keine Liebe gibt? Oder wäre ich die störrische Tochter, die sich gegen jegliche Konventionen auflehnt und sich damit zum Gespött der ganzen Familie macht?

Wenn es nach mir geht, wäre ich natürlich letzteres geworden, aber was es wirklich gewesen wäre, weiß keiner. Ich weiß jedenfalls nicht, wie ich reagiert hätte, wenn mein Vater zum Beispiel mit meinem künftigen Verlobten zur Tür hereingeschneit wäre und mich vor vollendete Tatsachen gestellt hätte. Ich weiß nicht, ob ich nach einem anfänglichen Wutanfall doch nachgegeben oder meine Sachen gepackt und meine Familie verlassen hätte.

So viel kann ich aber mit ziemlicher Sicherheit sagen: Ich wäre ein sehr schwerer Fall für jede Bräuteschule des Landes gewesen. Am Ende war es aber, ganz plump gesagt, eine Laune meiner Eltern, die mich dorthin gebracht hat, wo ich jetzt bin und damit habe ich eine recht komfortable Variante all der Leben, die ich hätte leben können, erwischt.

Wenn man mal versucht, dieses Szenario einigermaßen realistisch zu betrachten, ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass ich in Nordkorea hätte auf die Welt kommen können, verschwindend gering. Diese Variante wäre zwar zweifellos sehr interessant, aber ob ich dabei wirklich glücklich wäre, sei mal kommentarlos in den Raum gestellt. Abgesehen davon würde wohl jeder Wissenschaftler allein über die Tatsache, dass ich überhaupt darüber nachdenke, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch was soll ich tun? Ich wüsste gerne, wie sie gewesen wären – diese ungelebten Leben.

Es wäre ja auch viel zu einfach, einfach nur das Leben zu nutzen und auszuschöpfen, das einem gegeben wurde, nicht wahr?