Die Ängste eines Anfängers

Blatt

Jedes Mal, wenn ich diese weiße Seite sehe, habe ich Angst. Ich habe Angst davor, dass mir nichts einfällt. Angst davor, dass das, was mir einfällt, nicht gut genug ist. Dabei ist das, was ich hier schreibe eigentlich nur für mich gedacht. Ich muss es niemandem zeigen. Ich muss es ja nichtmal selbst lesen, wenn ich es nicht will.

Trotzdem ist der Anspruch hoch. Am besten muss alles sofort perfekt sein. Dabei weiß ich ganz genau, dass Perfektion ein Luftschloss ist, dem man sich zwar annähern kann, das man aber nie wirklich erreicht. Erst recht nicht, wenn man gar nicht erst anfängt zu laufen.

Obwohl ich ein langsamer Leser bin, lese ich gerne und so viel, wi bei meinem Tempo irgendwie möglich. Ich habe Bücher gelesen, die mir nicht gefallen haben, Bücher, die ich gut fand, aber die trotzdem schnell wieder in Vergessenheit geraten sind und Bücher, die nachhaltig in mein Gedächtnis gebrannt haben.

Ich habe sie aufgesogen. Die Emotionen, die Ästhetik, die Worte – jede einzelne Seite. Jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, selbst zu schreiben, will ich, dass meine Texte bei anderen genau diese Wirkung hervorruft. Ich will eine Geschichte schreiben, die einen wach hält, wenn man eigentlich schon längst schlafen sollte. Dieser Moment, wenn man das Licht eigentlich schon ausgemacht hat, es dann aber doch wieder einschaltet, um „nur noch ein paar Seiten“ zu lesen.

Die eigenen Ansprüche sind die höchsten Mauern

Doch dafür muss ich zunächst meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden, die im Moment höher sind als die von allen anderen. Die Perfektion, die ich aus dem Stand zu erreichen versuche, ist dabei unerreichbar. Erst recht nicht, wenn ich noch am Anfang meines Weges stehe. Am liebsten würde ich mit Anlauf auf die Pforte meines Luftschlosses zustürmen und das Schloss gewaltsam aufbrechen.

Ich wäre gerne das „Wunderkind“ gewesen, das mit Anfang 20 ein Erstlingswerk veröffentlicht, das von Kritikern wie Lesern gleichermaßen geliebt wird. Es wäre mein Weg gewesen, um etwas besonderes zu sein. Mein Ziel war hohe Literatur für die Massen, doch die Zweifel waren bisher immer stärker als der Wille.

Bis heute fehlten mir stets der Mut, die Ideen und das Handwerk, das ich nur erlange, wenn ich mich hinsetze und mich meiner Angst stelle. Auch wenn mir diese Worte gerade leicht von der Hand gehen, weil ich einfach nur das schreibe, was mir gerade durch den Kopf geht, ist es nicht das, was ich eigentlich schreiben will. Das „Blatt“ füllt sich, aber für mich bleibt es dennoch leer.

Imitation oder Originalität?

Einer meiner größten Albträume liegt wohl darin, dass die Geschichten, die ich hoffentlich später schreiben werde, lediglich als minderwertige Kopien der Werke wahrgenommen werden, die ich bewundere. Mir ist bewusst, dass ich das Rad nicht neu erfinden kann und dass im Grunde alles, was ich mir überlegen könnte, wahrscheinlich schon durch die Hände eines anderen seinen Weg in die Realität gefunden hat.

Mein Problem liegt eher, dass ich automatisch versuche, den Stil der Bücher zu imitieren, die ich liebe, weil ich mich an ihnen messe. Liegt es daran, dass ich meiner eigenen Stimme nicht vertraue? Daran, dass ich nicht glaube, mit meiner eigenen Art etwas von Bedeutung schaffen zu können? Oder daran, dass ich so verzweifelt versuche, die Gefühle zu reproduzieren, die diese Bücher in mir ausgelöst haben?

All das sind wahrscheinlich Fragen, die sich jeder Schreiberling an irgendeinem Punkt seiner Reise in der einen oder anderen Form stellt. Zweifeln ist normal. Es gehört zum Prozess dazu. Mittlerweile habe ich einen ersten Versuch gestartet, um etwas eigenes zu erschaffen. Ich weiß noch nicht, wohin es führt, aber es ist ein notwendiger, wenn auch einschüchternder Schritt, den ich machen muss.

Ich werde aus diesem Nichts, dieser leeren Seite, etwas formen. Selbst wenn ich am Ende noch nicht zufrieden sein werde. Meine Zweifel sollen nicht länger die Fesseln sein, die mich von den Dingen abhalten, die ich tun muss, um glücklich zu sein.

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