Der Strom der Veränderung

KontinuitätWenn ich als Grundschülerin meine Mutter angesehen habe, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich einmal wie sie sein würde: erwachsen. Die Zeit damals verging langsam. Die Sommer waren endlos und warm. Es war für mich unvorstellbar, dass sich jemals etwas verändern würde – vor allem aber, dass ich mich jemals verändern würde.

In meiner Vorstellung würden alle Sommer so endlos und warm bleiben und ich würde immer im Kreis der Erwachsenen sitzen und ihnen gebannt zuhören, während sie über Dinge sprachen, über die ich wegen meiner Unerfahrenheit nicht mitreden konnte.

Umwälzungen

In Wahrheit hat sich in all den Jahren sehr viel für mich verändert. Zwar habe ich auch jetzt noch häufig das Gefühl, zu unerfahren für vieles zu sein, aber verändert habe ich mich trotzdem. Es ist ein kontinuierlicher, beinahe schleichender Prozess – vieles habe ich selbst kaum bemerkt – aber gibt es immer wieder Phasen der Umwälzung, in denen einem bestimmte Veränderungen mit einem Schlag bewusst werden.

Einen dieser Momente hatte ich, als ich vor ein paar Tagen im DM vor dem bunten Regal voller Bodylotions stand (der perfekte Ort für augenöffnende Erkenntisse über das Leben, nicht wahr?). Anlass war,wie so häufig, etwas ganz banales: Ich wollte eine neue Bodylotion kaufen.

Im Studium hätte ich etwas fruchtiges genommen, das möglichst günstig ist. Am Ende entschied ich mich aber für ein Produkt, das weder das eine, noch das andere war. Keines dieser beiden Kriterien war für mich wirklich relevant, als ich nach einem potenziellen Kandidaten griff. Stattdessen schaute ich auf die Inhaltsstoffe und darauf, ob das Produkt tierversuchsfrei war.

Dann ging ich zu den Lebensmitteln und nahm mir ein Superfood-Pulver für knapp 4€ mit, einfach nur um es auszuprobieren. Früher hätte ich niemals 4€ für etwas ausgegeben, wovon ich nicht von vorneherein überzeugt gewesen wäre. Es wäre schlichte Geldverschwendung gewesen. Erst recht, wenn ich es nicht gemocht hätte.

Alltägliche Beispiele wie diese zeigen mir, wie stark sich mein Konsumverhalten und damit auch meine Werte verändert haben. Während ich auf einige Faktoren, wie Nachhaltigkeit oder Tierversuche, mehr achte als früher, bin ich in anderen Aspekten offener und experimentierfreudiger geworden. Natürlich rührt gerade letzteres vor allem daher, dass ich mehr Geld zur Verfügung habe, was die Verschiebung meiner Prioritäten aber nur noch weiter begünstigt.

Same but different?

Selbst in diesem Bewusstsein sage ich oft, dass ich mich nicht viel anders fühle, als während meiner Schulzeit, was nicht gelogen ist. Manchmal fühle ich mich genauso unvorbereitet auf das Leben wie damals und manche Dinge (wie meine Liebe zum Regen und alten Filmen) ändern sich wahrscheinlich nie, doch um diese großen Konstanten herum hat sich doch mehr getan, als man zuerst denkt.

Der Zahn der Zeit lässt sich nicht aufhalten und er geht an niemandem spurlos vorüber. Und damit meine ich nicht nur, dass sich irgendwann unweigerlich die ersten feinen Fältchen in den Augenwinkeln zeigen, sondern auch Dinge wie der Kleidungs-, Ernährungs- oder Einrichtungsstil. Dinge die mit einem mitwachsen, während man bewusst die Entscheidung trifft, sich von manchen Dingen zu trennen und andere neu in sein Leben zu lassen.

Es gibt keinen Stillstand. Selbst dann nicht, wenn man glaubt „sich selbst“ gefunden zu haben. Dabei glaube ich noch nichtmal, dass dieser Ausdruck „Selbstfindung“ so treffend ist. Wir sind immer wir selbst und wir sind immer da, wo wir gerade sein müssen, nur dass wir uns dessen manchmal mehr und manchmal weniger bewusst sind. Deshalb bevorzuge ich auch in der Regel den Ausdruck „Selbstbewusstsein„.

Wir wissen, wann wir uns für andere verstellen und auch, wann wir uns selber anlügen. Ob wir danach handeln, ist wieder eine Sache. Fakt ist aber, dass wir nie aufhören, uns zu verändern. Wir verändern uns, wenn wir es uns am meisten wünschen und wir verändern uns, wenn wir eigentlich wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.

Als ich mich mit meinen Einkäufen aus dem DM auf den Weg nach Hause machte, war ich zufrieden mit mir. Obwohl ich mich mit Veränderungen in der Regel sehr schwer tue, sind sie nicht immer schlecht. Meistens sind sie ein Zeichen des Wachstums und wenn ich mir so anschaue, wie die letzten Monate für mich gelaufen sind, glaube ich, dass ich ein ganzes Stück gewachsen bin.

Die Angst vor der Unvergänglichkeit

 

TattooAls ich 14 oder 15 war, habe ich mir ein Labret-piercing stechen lassen. Damals war ich am Beginn meiner „unangepassten Phase“ und fand es nicht nur todschick, sondern dachte auch noch einen Schritt weiter: Was, wenn ich das Ding irgendwann nicht mehr will? Dann kann ich es einfach rausnehmen und keinen stört es. So habe ich selbst in dieser pseudo-rebellischen Zeit an die Zukunft gedacht. Wenn das mal kein feuchtes Schulterklopfen wert ist, dann weiß ich auch nicht. Vor ca. anderthalb Jahren war die Zeit meines Piercings dann gezählt – der Job rief.

Manchmal vermisse ich es schon ein wenig, weil es jahrelang ein Teil von mir war, aber das soll jetzt nicht das Thema dieses Beitrags sein. Stattdessen soll es um Tattoos gehen – denn im Gegensatz zu den meisten Piercings sind die wirklich für die Ewigkeit gedacht.

Tattoos haben mich seit meiner Jugend gereizt, doch ich hatte immer Angst vor der Bindung. Was, wenn mir das Motiv später nicht mehr gefällt? Oder die Stelle? Und wer will schon eine Sonne auf den Arm tätowiert bekommen, die im Alter eher wie eine Trockenpflaume aussieht? Ich hatte zahlreiche Ideen, die ich mir gerne hätte stechen lassen, doch neben dem Schmerz und dem Preis hielt mich vor allem die Angst vor der Unvergänglichkeit zurück.

Jeder, der sich in den 90ern ein Arschgeweih hat stechen lassen, läuft immer noch damit rum. Außer er hat ein Cover-Up machen lassen, was ein neues Tattoo bedeutet oder er hat in eine Laserentfernung investiert, was nicht nur scheißeteuer ist, sondern auch scheißewehtut.

Und dann machte es „Klick!“

Meine Einstellung, gefangen zwischen Skepsis und Faszination änderte sich beinahe schlagartig im Herbst letzten Jahres. Damals ließ ich mir einen Teil der Himalaya-Bergkette auf die Innenseite meines rechten Oberarms tätowieren. Es war mehr oder weniger eine spontane Aktion, die Entscheidung schnell getroffen und der Termin nur wenige Wochen später. Es war einer dieser Momente, in denen man einfach weiß: „Jetzt oder nie.“ Ich entschied mich für das „Jetzt“ und bereue es bisher kein Stück. Vielmehr frage ich mich, warum ich so lange gezögert habe.

Ich kann auch nicht sagen, was genau ausschlaggebend für den Sinneswandel war. Ich vermute aber, dass es vor allem daran lag, dass ich mich in der Zeit dafür entschieden hatte, wieder mehr ich selbst zu sein und meiner Intuition zu folgen. Und ich wollte mich nicht mehr jahrelang mit diesem elenden „Was wäre wenn…?“ beschäftigen? Nicht immer nur denken und alle Ideen monate- oder jahrelang durchkauen, sondern manchmal einfach machen.

Dabei ist das mit dem Durchkauen eine meiner Spezialitäten. Große und auf den ersten Blick wichtig erscheinende Entscheidungen münden bei mir jedes Mal in ellenlange Diskussion mit mir selbst, in denen das für und wider so lange gegeneinander abgewogen wird, bis ich mich gar nicht entscheide und alles im Sande verlaufen lasse. So ging es mir auch lange  mit dem Tattoo. Ich dachte lange Zeit, ein Tattoo muss bedeutungsschwer und symbolisch sein – immerhin wird es für immer auf der Haut bleiben.

Ganz entspannt bleiben

Mittlerweile sehe ich das etwas entspannter, was wohl überhaupt erst zu diesem ersten Tattoo geführt hat. Auch wenn ich mir ein Motiv später nicht mehr so stechen lassen würde, ist es trotzdem stellvertretend für eine gewisse Phase in meinem Leben – ganz egal, ob es im Moment des Stechens eine tiefsinnige Bedeutung hat, oder nicht. Es ist eine Erinnerung, aber auch Selbstdarstellung und –verschönerung. Es macht meinen Körper noch einzigartiger und bringt mich näher zu mir selbst.

Letztes Wochenende folgte dann das zweite Tattoo: Ein Lavendelstrauch am linken Unterarm. Beinahe bedeutungslos und absolut spontan, denn die Entscheidung dazu habe ich erst am Abend davor gefällt.  Es ist, als wäre meine Hemmschwelle wie eine bröcklige Mauer in sich zusammengefallen. Im Kopf sind beide Arme schon voller Tattoos und von der anfänglichen Angst ist keine Spur mehr.

Vielmehr freue ich darauf, wenn ich in vielen Jahrzehnten alt und runzelig bin und mir mit anderen tätowierten Verrückten das Altenheim teile. Dann zeigen wir uns gegenseitig unsere Trockenpflaumen- und aprikosen und lachen darüber. Über uns, die Tattoos und manchmal auch darüber, wie dumm wir waren, as wir sie uns haben machen lassen. Weil das Leben nicht perfekt ist und wir sind es auch nicht.

Trotzdem sind wir die meiste Zeit irgendwie glücklich damit.

Ich weiß nicht, ob meine Tattoos mir in ein paar Jahren noch gefallen werden, doch ich weiß, dass ich bisher die Dinge, die ich nicht getan habe, immer mehr bereut habe, als die Dinge, die ich getan habe und dass ich im Moment sehr zufrieden mit ihnen bin.

Was sollte ich sonst noch wollen?

 

„Sorry, aber ich bin schon vergeben.“

Kuss

Sorry, aber ich bin schon vergeben.“ Diese Ausrede hat mit Sicherheit jeder schon mal in der einen oder anderen Form benutzt. Auch ich habe sie hin und wieder mal fallen gelassen, doch die Sache ist die: wenn wir sie benutzen, entspricht es nicht immer der Wahrheit. In meinem Fall hat es tatsächlich nie gestimmt.

Oft ist diese Ausrede nämlich einfach nur genau das – und damit eine beliebte Ausflucht von zahlreichen Singles vor ungewollten Verehrern. Es ist wie das berühmt-berüchtigte: „Sorry, Schatz, aber ich habe Migräne.“ in eingeschlafenen Beziehungen. Das kommt nicht zuletzt daher, dass dieser Weg so unglaublich komfortabel ist. Immerhin gibt es für viele Leute keinen vernünftigeren Grund, um die Avancen gegenüber dem neuesten Objekt der Begierde aufzugeben.

Wenn jemand vergeben ist, macht es keinen Sinn, der Person weiter nachzulaufen (meistens jedenfalls). In dem Fall sind auch keine weiteren Erklärungen nötig. Deshalb war es für mich immer eine bevorzugte Ausrede, wenn ich angesprochen wurde und einfach keine Lust hatte. Ich musste keine Fragen beantworten wie: „Ja, aber warum denn nicht?“ oder „Willst du es nicht mal versuchen?

Dabei denke ich mir sowieso nur: „Ich habe doch gerade gesagt, dass ich einfach kein Interesse habe. Was ist daran so schwer zu verstehen?“ Warum müssen wir uns immer rechtfertigen, wenn wir jemanden abweisen, einfach nur weil er oder sie uns nicht sympathisch ist? Oder weil wir nicht in der Stimmung zum flirten sind? Muss es immer einen triftigen Grund geben?

Die „Partner-Lüge“

Um solchen sinn- und fruchtlosen Diskussionen zu entgehen, flüchten Singles rund um den Globus sich regelmäßig in die kleine große „Partner-Lüge“.  Ich persönlich finde es nicht verwerflich, wenn man sich damit unnötige Gespräche vom Leib halten kann. Mich macht es eher stutzig, dass man überhaupt zu solchen Mitteln greifen muss, um ernst genommen zu werden, wenn man irgendeinen Fremden im Club abweist.

Natürlich lässt sich nie ausschließen, dass einem so etwas (oder jemand) entgeht, aber die Gefahr besteht doch immer. Selbst wenn wir uns auf eine Person einlassen, schließen wir damit die Türen zu anderen Personen. Und wenn man mal ganz pragmatisch ist: potenzielle Partner gibt es wie Sand am Meer. Wenn der eine nicht passt, dann gibt es immer irgendwo eine Alternative. Deshalb mache ich mir als Single auch keine Gedanken um so was, sondern genieße vielmehr die Zeit, die ich für mich habe (eines der Privilegien, die ich in einer Beziehung nur schwer aufgeben kann).

Was ist schon normal?

In diesem Zusammenhang fällt mir gleichzeitig noch etwas auf, was das Thema dieses Beitrags betrifft: eben weil die Partner-Lüge so eine beliebte Ausrede ist, zeigt sich darin einmal mehr, was von der Gesellschaft als „normal“ gewertet wird: Menschen sind entweder in einer Beziehung oder wollen zumindest in einer sein. Die Möglichkeit, dass jemand gerade ernsthaft kein Interesse hat oder sogar sein Singleleben genießt, wird häufig nicht akzeptiert.

Meistens kann man sich dann so Sprüche anhören wie: „Der Richtige/Die Richtige kommt schon noch.“ das mag schon sein, aber könnt ihr bitte diesen mitleidigen Ton in der Stimme abschalten oder daran ersticken? Kein Interesse zu haben ist weder traurig, noch zwangsweise ein Zeichen des Trotzes, weil man niemanden abkriegt. Das ist einfach nur Bullshit.

Aber warum ist das überhaupt so? Sicher, wir Menschen waren schon immer evolutionsbedingt Herdentiere. Denn mal ehrlich: wenn so ein Baby das Licht der Welt erblickt, ist es alleine alles andere als überlebensfähig – und das trifft traurigerweise auch auf viele Erwachsene zu. Die Evolution zwingt uns dazu, dass wir uns in Lebensgemeinschaften zusammenfinden wollen. Ausnahmen gibt es zwar, werden aber  nur mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Wie, das ist nicht normal?

Und ja, es mag sein, dass sich mit dem passenden Partner auch die Bereitschaft zu einem Zwei-Mann-Rudel einstellt, aber das bedeutet bis dahin nicht, dass man auf die Flirtversuche von Hinz und Kunz eingehen muss, die einen überhaupt nicht interessieren.

Es ist nicht gerade die ehrliche Art, aber um diesem Rattenschwanz an Problemen und Fragen zu entgehen ist das für mich nur noch ein Grund mehr, um mich für die faule Ausrede zu entscheiden, statt einfach nur zu sagen: „Sorry, aber ich habe kein Interesse.