Kleine Sünden…

Sünde

Vor rund anderthalb Wochen hatte ich einen kleinen Pickel am Kinn. Er war wirklich winzig und eigentlich kaum der Rede wert, doch ich wäre nicht ich, wenn ich ihn einfach in Ruhe gelassen hätte, frei nach dem Motto: „Der geht schon von selbst wieder weg.“ Nein, ich musste mit meinen kleinen Giftgriffeln natürlich „nachhelfen“.

Ich dachte, dass ich danach erstmal eine kleine Wunde in Kauf nehmen muss, die sich nach ein paar Tagen wieder erledigt hat. Stattdessen ereignete sich folgendes: binnen weniger Tage breitete sich die anfangs kleine Wunde über mein halbes Kinn aus. Ein wirklich unschöner Anblick. Es sah aus, als hätte ich mich übel auf die Fresse gelegt und eine Schürfwunde davon getragen.

Nach ein paar Tagen des Eincremens dachte ich, dass es langsam wieder besser werden würde, doch dann kam das letzte Wochenende und weitere Wunden und kleine Pusteln gesellten sich dazu. Gestern sah ich dann vollends aus wie eine Statistin für „Les Misérables“. Und damit meine ich nicht feine-hübsche-Cosette-Les-Misérables, sondern Fantine-nachdem-sie-ihre-letzten-Tage-endgültig-hinter-sich-hat-Les-Misérables. So wie die feinen Herrschaften in dem Film, die mit irgendwelchem Schmand im Gesicht  resigniert in die Kamera starren, während sie leise vor sich hin singen. (Natürlich ist das alles jetzt üüüüüüberhaupt nicht übertrieben oder dramatisiert!)

Das Ganze sieht also nicht nur unschön aus, sondern es tut auch noch weh. Heute dann der Gang zum Arzt. Diagnose: bakterielle Infektion. Und warum? weil ich die Finger nicht von diesem ollen Pickelchen lassen konnte und den ganzen Schmock damit auf meinem Gesicht verteilt habe. Ich hatte mir ja im Vorfeld schon fast eine spektakulärere Diagnose erhofft, damit man eine bessere Story zum Erzählen hat. Am Ende sollte ich aber lieber froh darüber sein, mit so etwas simple davongekommen zu sein.

Die Moral von der Geschichte lautet natürlich, dass kleine Sünden sofort bestraft werden. Besonders dann, wenn man eigentlich genau weiß, dass man etwas nicht tun sollte. Ein Beispiel: wenn man mit einer Tüte Chips auf dem Sofa sitzt. Man weiß genau, dass man nicht die ganze Tüte essen sollte. Am Ende tut man es doch und hat ein schlechtes Gewissen (abgesehen davon, dass die Chips sich sofort auf die Hüften setzen).

Wir alle haben so kleine Eigenarten, von denen wir genau wissen, dass sie uns nicht gut tun. Wir sollten es eigentlich sein lassen und trotzdem siegt jedes Mal das kleine garstige Stimmchen in unserem Kopf, das uns einreden will, dass es schon nicht so schlimm sein wird. Dabei ist es eigentlich immer SO schlimm – und in diesem Fall sogar noch schlimmer. Du hattest ein Mini-Pickelchen und kriegst ein Gesicht wie eine syphillis-geschwängerte Straßendirne aus dem viktorianischen England (oder um die Anekdote vom Anfang aufzugreifen: wie eine syphillisgeschwängerte Straßendirne aus einem klassischen, französischen Drama – kommt auf das selbe raus).

Und das Traurige an der Geschichte? Ich weiß jetzt schon, dass ich trotz allem beim nächsten Pickelchen nicht die Disziplin haben werde, um die Finger davon zu lassen. Aber wenigstens habe ich direkt die richtige Creme im Haus, wenn es wieder hart auf hart kommt.

Ein unentspannter Sommer

running

Was sind das nur für ein paar verrückte Wochen gewesen? Und damit meine ich nichtmal zwingend das deutsche Wetter, das beschlossen hat, uns einen Hochsommer zu bescheren,  der mich dazu gezwungen hat, mir jeden Tag die Beine zu rasieren und mein klimaanlagenloses Büro im 6. Stock regelecht zu verabscheuen. Ich meine den kleinen „Struggle“ (ich habe mir sagen lassen, dass die coolen Kids heutzutage sich so ausdrücken), den ich gerade mein Leben nenne.

Einer der Urheber des Ganzen ist ein kleines Gerät, das ich seit beinahe 3 Monaten mit mir herumtrage und das ich Ende nächster Woche endlich wieder ablegen kann. Ich rede von einem Schrittzähler. Ein paar Mitarbeiter kamen nämlich auf die glorreiche Idee, bei der „Virgin Pulse Challenge“ anzutreten, die am 23. Mai gestartet ist. Und ich Depp hatte die noch viel glorreichere Idee, dort mit einzusteigen.

Eine „gute“ Idee, oder nicht?

Das Prinzip dieser Challenge ist denkbar einfach: man findet sich in Teams zu je 7 Personen zusammen und sammelt 100 Tage lang Schritte. Der Gewinner kriegt irgendwas, was er nicht braucht – und natürlich Ruhm und Ehre. Dabei tritt man gegen Teams aus der eigenen Firma und der ganzen Welt an.

Ich dachte ja, dass es ein guter Weg wäre, um mich zu mehr Bewegung zu motivieren. Damit lag ich auch gar nicht mal so falsch. Ich bin seltener mit dem Bus gefahren, als sonst. Ich habe öfter die Treppen genommen und auch so regelmäßig Sport gemacht. All das ist durchaus positiv, doch das Gefühl des Zwangs, immer mehr Schritte zu machen, machte mich recht schnell zu einem unentspannten Menschen.

Ich habe angefangen, meine Tage um den Sport herum zu bauen, damit ich auch bloß auf die Schrittzahl komme, die ich brauchte. Ich wollte ja meinen, geschweige denn den Gruppenschnitt, nicht runterziehen. Zwischenzeitlich habe ich sogar überlegt, mir extra für die Challenge ein Fahrrad zu kaufen – was ich nicht getan habe.

From Hero to Zero?

Also, stand ich an manchen Tagen ganz früh auf, um noch vor der Arbeit zu trainieren, oder habe die Matte spät Abends ausgerollt. Wenn ich mal einen Tag einfach Pause gemacht habe, hatte ich direkt ein schlechtes Gewissen. Ich habe Sport gemacht, anstatt zu schreiben oder etwas anderes zu tun, auf das ich theoretisch Lust gehabt hätte. Von Motivation konnte da irgendwann keine Rede mehr sein. Es war reiner Zwang. Hauptsache, irgendwas gemacht.

Abgesehen davon, hatte ich irgendwann das Gefühl, dass es egal war, ob ich etwas tat oder nicht, weil der Impact gleich Null zu sein schien. Und so schrumpfte mein Schrittedurchschnitt von Anfangs knapp 17.000 Schritten auf aktuell knapp über 15.000 Schritte. Dabei weiß ich noch nichtmal genau, was ich anders mache, als am Anfang. Wahrscheinlich ist das einfach nur die Strafe dafür, dass ich mental aktuell die Power von einem Schluck Wasser in der Kurve habe und mich in der Hinsicht ein wenig gehen lasse.

Ich muss ja zugeben, dass mein Körper lange nicht mehr so sommertauglich gewesen ist, wie in dieser Saison, aber der Preis, den ich rein gefühlsmäßig dafür zahlen musste, ist mir zu hoch, um mir den Stress nächstes Jahr nochmal zu machen. Ich werde nie die Panik vergessen, die aufkam, als ich auf einer 5 stündigen Autofahrt kurz Pause an der Autobahntanke machte, wieder weiterfuhr und plötzlich feststellte, dass dieser dämliche Schrittzähler weg war. Ich war drauf dran, wieder umzudrehen und nach diesem Ding zu suchen. Zum Glück sah ich es gerade noch rechtzeitig zwischen meine Füßen auf dem Boden liegen.

Nein, dieser Sommer war wahrlich nicht gerade der entspannendste in meinem Leben. Er hat mir allerdings gezeigt, dass körperliche Ertüchtigung nichts ist, was ich einer „lustigen Challenge“ verbinden sollte, da es zu viele negative Gedanken in mir auslöst. Zu viel selbst auferlegter Zwang, zu wenig Gehör für die Bedürfnisse meines Körpers.