Eine Woche der Exzesse

exzess

Nach einer Woche „La dolce Vita“ in Italien hatte ich mich am vergangenen Montag eigentlich recht motiviert gefühlt, um wieder voll in meine gesunden Tagesroutinen einzusteigen: selbst gekochtes Essen auf der Arbeit, regelmäßiger Sport, mehr Wasser trinken und jeden Morgen Trockenbürsten sind nur ein paar der Punkte, die ich mir vorgenommen hatte. Doch, wie so oft, machte mir das Leben einen Strich durch die Rechnung.

Am Ende der letzten Woche hatte ich nämlich so gut wie keines meiner kleinen Alltagsziele erreicht. Stattdessen bin ich jeden Tag essen gegangen (manchmal sogar mittags und abends), habe kaum Sport gemacht und viel Alkohol getrunken. Gepaart mit der Tatsache, dass meine Periode zum Ende hin kurz bevor stand (Hallo, Milchtüten-Brüste!), kann man sich vielleicht vorstellen, dass ich mich am Sonntag, gelinde gesagt, bescheiden gefühlt habe. Ich war ein gestrandetes Walross an einem kalten, windigen Tag an der Nordsee.

Natürlich habe ich für meine Verfehlungen gute Entschuldigungen parat – für ein paar jedenfalls. Eine gute Freundin hatte ihre letzte Woche in Bonn und die mussten wir natürlich ausnutzen. Dann war da noch eine andere Freundin, die ich einen Monat nicht gesehen hatte und ein Geburtstag, den wir am Samstag derart gebührend gefeiert haben, dass ich die Nachwirkungen bis heute gespürt habe. Man wird nicht jünger, nicht wahr?

Dass meine Prioritäten da nicht gerade bei sportlicher Aktivität oder dem täglichen Abschrubben meines Körpers lagen, liegt wohl auf der Hand. Was mich bei all dem Spaß, den ich in dieser Woche allerdings hatte, am meisten erstaunt, ist die Tatsache, wie sehr mir meine gesunden Routinen gefehlt haben.

Früher dachte ich immer, dass einfach nur rumgammeln und Essen gehen das größte ist. In gewisser Weise denke ich das auch jetzt noch, aber mir fehlte trotzdem ein Ausgleich für meinen Körper. Ich habe mich schlapp gefühlt und ständig vergessen, genug Wasser zu trinken. Zwischendurch war da einfach diese Trägheit in mir, die ich kaum noch loswerden konnte. Ich war ständig müde. Abgesehen davon ist mir wieder bewusst geworden, wie teuer Essengehen und Trinken überhaupt ist.

Für mich war es also in mehrfacher Hinsicht eine Woche der Exzesse. Hin und wieder kann man das mal machen, aber ich habe wirklich gemerkt, dass das für mich kein Lebensstil ist, den ich auf Dauer führen könnte. Da lobe ich mir zwischendurch Tage wie heute. Von der Arbeit nach Hause kommen und dann ein lockeres Workout einlegen, Duschen, Trockenbürsten und was gutes zu Essen kochen. Als nächstes stehen ein schöner Film und ein paar Seiten Lektüre auf dem Plan. Für mich ein absolut perfekter Feierabend, wenn ich mich nicht mit Freunden treffe.

Ich brauche nicht jeden Tag Halli-Galli, auch wenn ein Leben voller Dekadenz für eine Woche ganz nett war. Manchmal reichen auch die eigene Gesellschaft und ein intensiver Blick von Mr. Darcy. Na, welcher Film wird heute Abend geguckt?

 

Wie“La dolce Vita“ meine Seele kurierte

Bergamo

Am Freitagabend stieg ich am Flughafen Köln/Bonn aus dem Flieger. Es war kalt und etwas ungemütlich. Ich konnte zwar noch die warmen Sonnenstrahlen der letzten Tage auf meiner Haut nachspüren, aber sie war bedeckt von einem Pullover und meiner Jeansjacke, um sie vor dem plötzlichen Temperatursturz zu schützen. In Deutschland liegen trotz der noch warmen Temperaturen bereits die ersten Vorboten des Herbstes in der Luft.

Doch in der vergangenen Woche konnte ich kurz vor dem Abschied des Sommers die Vorzüge eines mediterranen Sommers erleben. Eine Woche in Bergamo liegt hinter mir und sie war genau das, was ich gebraucht hatte. Die Erkundung neuer Städte und einer neuen Kultur. Wandertouren in den Bergen. Hier und da eine neue Herausforderung. Es war genau das, wonach mein Körper und meine ausgehungerte Seele seit Monaten regelrecht gegiert hatten.

Schon als wir vorletzten Freitag um kurz vor 10 in der Früh in Bergamo ankamen, wusste ich, dass es genau das war, was mir gefehlt hatte. Eine Auszeit an einem Ort, der mich nicht jeden Tag an die Arbeit erinnert. Einfach mal komplett abschalten, mich treiben lassen und ohne Reue mit Pizza, Pasta und Aperol Spritz das Leben genießen.

Ein bisschen „La dolce Vita“

Wir (meine Mutter und ich) gingen in diesen Urlaub ohne einen festen Zeitplan. Wir hatten ein paar Dinge, die wir auf jeden Fall machen wollten, wie zum Beispiel für einen Tag nach Mailand fahren und Wandern gehen, doch im Grunde lebten wir einfach in jeden Tag hinein und richteten uns danach, wie wir uns fühlten.

So erkundeten wir am ersten Tag erstmal in Ruhe die Stadt mit ihrem gigantischen Friedhof, den kleinen Straßen und Lokalen. An einem anderen Tag trieben wir uns fast nur in den hiesigen Museen herum. Ab Montag wagten wir uns mit unserem Mietwagen auf die italienischen Straßen mit ihren unzähligen Kreisverkehren und Serpentinen, bei denen wir das eine oder andere Mal regelrecht Blut und Wasser schwitzten. Dafür wurden wir mit Ausblicken und Erlebnissen belohnt, die ich kaum in Worte fassen kann.

Wir entdeckten die vielfältige Natur des Serio-Tals mit seinen majestätischen Wasserfällen, die Wälder und Wiesen bei Lecco am Lago di Como und die Höhen der Berge hinter Cusio, wo ein Blick ins Tal kilometerweit reichte. Wir erlebten die Freundlichkeit der Lombarden und konnten ein bisschen von dem Gefühl erhaschen, das man „La dolce Vita“ nennt, als wir an einem besonders sonnigen Tag die Wanderschuhe auszogen und unsere Füße in den Lago d’Iseo hielten.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ein kleiner Reset zwischendurch

Diese Reise war ein dringend nötiger Reset für mich. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie angespannt ich in der letzten Zeit wirklich gewesen bin. Es ist für mich eine große Erkenntnis, dass ich kein Mensch bin, der nur in einem Lebensraum überleben kann, ohne schlecht gelaunt zu werden oder mich vom Alltagsstress überrollen zu lassen. Ich habe es immer irgendwie gefühlt, habe die Wichtigkeit des Reisens aber trotzdem immer heruntergespielt.

Und mindestens genau so wichtig ist dabei für mich, dass ich mich nicht zwangsläufig 3 Wochen am Stück für ein Retreat auf Bali zurückziehen muss, sondern dass auch eine kurze Woche wie diese zwischendurch ausreicht, um meinen Tank wieder aufzufüllen. Hauptsache weg.

In anderthalb Monaten werde ich wieder im Flieger sitzen. Eine Reise, auf die ich, seit meinem letzten Trip dorthin, schon 5 Jahre warte: Japan. Zweieinhalb Wochen werde ich mit meiner besten Freundin das Land bereisen – von Tokyo über Kyoto nach Hiroshima und wieder zurück. Auch hier werde ich sicher am Ende kurz berichten, was ich erlebt habe.

Bs dahin bereite ich mich mental schon mal auf meine liebste Jahreszeit vor und versuche so viel wie möglich von dieser neu gewonnenen Leichtigkeit zu bewahren.

 

Mein Körper – mein Zuhause

körper2

Als Jugendliche trug ich nicht gerne kurze Hosen oder Röcke. Schwimmen gehen war mir ein Graus und enge Oberteile waren sowieso der Horror. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich den Sommer nie leiden konnte, denn meist bedeutet er all diese Dinge. Da ist nicht viel mit Kuschelpullovern, in denen man sich verstecken kann, oder mit langen Hosen, die die unliebsame Orangenhaut an den Beinen verstecken.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann genau ich damit angefangen habe, meinen Körper zu verstecken. Ich erinnere mich aber an das Gefühl, das ich hatte, wenn ich andere Mädchen angesehen habe: Nicht genug. Mein Bauch ist nicht flach genug, meine Oberschenkel sind nicht glatt genug. Meine Wangen sind nicht schmal genug. Ich habe immer irgendetwas an mir gefunden, das mich gestört hat – was an sich nichtmal das Dramatische ist.

Denn Selbstliebe bedeutet in meinen Augen nicht, dass ich alles an mir bedingungslos lieben muss. Die Cellulite an meinen Beinen finde ich nicht schön, aber der Fehler liegt nicht darin, dass ich sie nicht schön finde, sondern darin, dass sie über Jahre hinweg bestimmt hat, ob ich zum Beispiel kurze Hosen anziehen darf oder nicht. Sie ist noch nichtmal besonders schlimm. Trotzdem habe ich mich dafür geschämt. Also, habe ich auch im Hochsommer lange Hosen getragen, nur damit ich nicht zeigen muss, dass ich auch nur ein Mensch bin. Ein Mensch, der nicht mit Photoshop bearbeitet wurde und taufrisch einem Fitness-Magazin entsprungen ist.

Ich brauche keinen „perfekten“ Körper

Da Gefühl nicht genug zu sein (oder an manchen Stellen zu viel) sorgte lange Zeit dafür, dass ich überhaupt kein Gefühl für meinen Körper hatte. Die Tatsache, dass er trotz seiner Mäkel begehrenswert sein kann, kam mir dabei nie in den Sinn. Ich habe nur seine Unzulänglichkeiten gesehen.

Erst in jüngerer Vergangenheit habe ich damit angefangen, mich mit ihnen zu arrangieren und es ärgert mich, dass ich es so lange hinausgezögert habe. Denn mal ehrlich: Wer will mir im Hochsommer verbieten, kurze Hosen zu tragen? Wen interessiert das überhaupt? Niemand. Und wer achtet auf das kleine Bäuchlein? Genau, auch niemand. Und wenn doch, warum sollte mich das beeinflussen?

Es ist traurig, dass ich erst jetzt lerne, so zu denken und noch trauriger, dass manche Menschen es nie lernen, weil sie sich einfach nicht trauen loszulassen. Aber ich bin es mittlerweile einfach Leid, mir Dinge zu verbieten,  nur weil ich hin und wieder gerne das Leben genieße und man das auch sehen kann (ganz zu schweigen von den Tagen an denen man sich aufgrund der Freuden des weiblichen Zyklus besonders unattraktiv und aufgeschwemmt fühlt).

Diese neu aufkeimende Akzeptanz für meinen eigenen Körper soll jetzt auf keinen Fall bedeuten, dass ich nur noch in Hotpants und knallengen Croptops durch die Gegend laufen werde – aus dem Alter bin ich sowieso langsam raus. Ich bin nur nicht mehr dazu bereit, mich für Dinge zu schämen, für die ich mich eigentlich nicht schämen muss.

Das Leben ist dafür nicht nur zu kurz („Ich bin zu alt für diesen Scheiß.„), sondern auch zu schade. Vielleicht kann man wirklich sagen, dass mit dem Alter eine gewisse Weisheit kommt. Ich würde es jetzt eher als ein gewisses Maß an Gleichgültigkeit bezeichnen, weil ich einfach keinen Bock mehr habe, mir mehr Gedanken über solche Nichtigkeiten zu machen, als tatsächlich nötig ist.

Niemand erwartet von uns mehr Perfektion als wir selbst. Und jetzt ist es Zeit, ein bisschen locker zu lassen. In meinem Körper bin ich zu Hause und jetzt soll er sich auch wie eines anfühlen.