Das Glück im Unglück finden

In dem Moment, in dem ich diese Worte schreibe, wäre ich eigentlich gerade am Düsseldorfer Flughafen angekommen, um nach Manchester zu fliegen. Dass dem gerade nicht so ist, liegt daran, dass mein Flug gestrichen wurde. 3 Stunden vor Abflug.

Man kann sich meine Begeisterung, als mich die kurze SMS der Fluggesellschaft erreichte, sicher gut vorstellen. Also packte ich meine 7 Sachen wieder, informierte meine beste Freundin darüber, dass sie die erste Nacht in UK alleine verbringen muss und dackelte nach Hause. Dort führte ich ein nettes Gespräch mit einem Callcenter-Agent der Fluggesellschaft (Achtung: keine Ironie!), veranlasste eine Rückzahlung und buchte einen Alternativflug für morgen Vormittag.

All das passierte in einem Zeitfenster von gerade mal knapp einer Stunde.

Jetzt sitze ich hier auf meinem Sofa und habe wieder meine Schlabberhose angezogen. In der Küche kocht eine Portion Spaghetti mit Lachssoße.

So lästig diese ganze Geschichte auch ist, es bringt nichts, wenn ich mich darüber aufrege. Es ändert schließlich nichts. Stattdessen fallen mir immer mehr positive Dinge ein, die ich aus dieser Erfahrung ziehen kann.

Mir ging es heute den ganzen Tag nicht wirklich gut, war müde und hatte am Nachmittag mit etwas Übelkeit zu kämpfen. Jetzt kann ich mich noch eine Nacht zu Hause auskurieren. Außerdem spare ich mir gerade teures Flughafenfutter. Ich kann in Ruhe zu Hause etwas gutes essen, denn jetzt, wo die Übelkeit weg ist, fühlt es sich so an, als würde sich mein Magen selbst aufessen.

Und nicht ganz unwichtig, wenn man einen Trip macht, dessen Einkäufe hauptsächlich aus Büchern bestehen wird: Ich kann ein paar Klamotten aus meinem Koffer holen. So habe ich mehr Platz für das, was wirklich wichtig ist. Mehr Bücher.

Und last, but not least: mit etwas Glück habe ich Anspruch auf eine zusätzliche Entschädigung, die höher ausfallen wird, als mich der Flug gekostet hat. Insgesamt also alles eigentlich halb so wild.

Es ist nicht immer leicht, das Glück im Unglück zu finden. Gerade im Alltag konzentrieren wir uns häufig gerade auf die Sachen, die schlecht laufen. Wenn die Bahn zu spät kommt, kommen wir zu spät zur Arbeit. Wenn wir vergessen, etwas wichtiges im Supermarkt zu kaufen, müssen wir nochmal hin. Größter Wermutstropfen scheint dabei neben monetären Aspekten natürlich die Zeit zu sein.

Wir verlieren nie gerne Zeit – erst recht nicht, wenn uns gar keine Schuld trifft. Doch manchmal hat diese vermeintlich verlorene Zeit auch etwas gutes. Ich für meinen Teil kann, auch wenn es nach wie vor ein Ärgernis ist, genug gutes in dieser Planänderung sehen, um sie ohne großen Groll hinzunehmen.

Ich freue mich darauf, morgen mittag aus dem Flieger zu steigen und von meiner besten Freundin in Manchester in Empfang genommen werden. Dann reisen wir weiter nach York. Es wird, trotz allem, ein glorreiches Wochenende!

Mehr Bauchgefühl, weniger Zwang

Generell glaube ich nicht an diese ganze FOMO-Geschichte – zumindest nicht, wenn es um mich selbst geht. Ich muss nicht jeden Trend mitmachen oder von dem einen großen, neuen Ding, zum nächsten hasten, nur um am Ende sagen zu können: „Ich war dabei.“ Die Angst, irgendwas zu verpassen (was auch immer das sein mag), ist bei mir relativ gering. Sobald viele Leute auf einen bestimmten Zug aufspringen, vergeht mir meistens ohnehin schon die Lust daran.

Es gibt allerdings eine Sache, bei der mich diese Angst davor, etwas zu verpassen, dann doch erwischt: Beim Feiern. Oft heißt es ja, dass ein Abend besondrs dann gut wird, wenn man eigentlich keine Lust hat. Allerdings ist es nochmal ein Unterschied, ob man einfach keine Lust hat, oder sich mental nicht in der Stimmung dazu fühlt, von Alkohol und einem Haufen fremder und befremdlicher Menschen umgeben zu sein.

Obwohl ich eigentlich Lust hätte feiern zu gehen, weil ich dann bestimmte Leute treffe oder zu bestimmten Liedern abspacken möchte, spüre ich an manchen Tagen einen dicken Kloß in meinem Bauch und in meiner Brust, der mir sagt: „Eigentlich solltest du nicht gehen.“ manchmal höre ich auf diesen gut gemeinten Rat, manchmal eben nicht. Ich könnte immerhin etwas verpassen. Und jetzt kommt die Überraschung: Ich verpasse eigentlich nie etwas.

Meistens verbringe ich den Abend dann nämlich damit, ziellos von einem Floor zum nächsten zu wandern. Auch die besten Lieder bringen mich dann nur schwer in Stimmung. Die Menschen sind mirsowieso einfach nur unangenehm, weil sie mir den Raum zum Atmen und, noch wichtiger, zum Tanzen, nehmen. Und wenn ich dann schon gegen 2 Uhr mein Nummernkärtchen abgebe, um meine Jacke zu holen, weiß ich, dass ich mir das alles hätte sparen können.

An solchen Tagen entscheide ich mich aber bewusst dafür, ein Pfund auf mein Bauchgefühl zu scheißen. Ich entscheide mich bewusst dafür, mich der Gefahr auszusetzen, wegen irgendeiner Nichtigkeit zu heulen, weil alles gerade ein bisschen ätzend ist und ich nicht weiß, wohin mit mir. Manchmal glaube ich, dass das Ausgehen mir dabei helfen könnte, das ganze beiseite zu schieben und den Knoten in mir zu lösen, doch in der Regel verstärkt es dieses negative Gefühl in meinem Bauch nur noch mehr. Denn diese Parties laden oft mehr zum Nachdenken und Gedanken umwälzen ein, als man denkt.

Doch wie komme ich aus dieser Schleife raus?

So wenig, wie ich von diesem ganzen FOMO-Gefasel halte, so wenig halte ich auch von Vorsätzen. Weil sie in den meisten Fällen aufgrund ihrer schwammigen Natur meistens nicht funktionieren. Deshalb möchte ich das folgende nicht als einen Vorsatz bezeichnen, sondern vielmehr als ein Vorhaben. Ich habe nicht den Anspruch, dass es immer funktionieren soll. Ich möchte lediglich bewusster auf mein Bauchgefühl achten und auch darauf hören.

Wenn ich fühle, dass es eine schlechte Idee wäre, auszugehen, dann sollte ich es auch sein lassen. Mittlerweile habe ich genug Fallbeispiele gesammelt, die belegen, dass mein Bauchgefühl recht gehabt hätte und ich ich mir einen größeren Gefallen getan hätte, wenn ich zu Hause geblieben und einfach ein gutes Buch gelesen hätte. Ich muss nicht immer dabei sein – erst recht nicht, wenn ich weiß, dass meine Gesellschaft an dem Abend ohnehin nicht die beste wäre. Ich muss mich nicht dazu zwingen, „Spaß“ zu haben, wenn es nicht das ist, was ich gerade brauche.

Auch wenn mein Bauchgefühl nicht immer Recht hat, ist es oft ein gut gemeinter Schutzmechanismus, den ich nur zu gerne ignoriere. Schließlich will ich mich ja nicht selbst lächerlich machen und wegen irgendeiner sentimentalen Anwandlung einen guten Abend verpassen. Doch oft ist der vermeintlich gute Abend doch nur semi-gut und meine sentimentale Anwandlung nicht wirklich lächerlich.

In diesem Sinne, Ladies & Gentlemen: mehr Bauchgefühl und weniger Zwang.

Vernunft und Verlangen

beinahe ons

Wir waren beide betrunken und ich war einfach da, als du mich fragtest, ob wir zu dir gehen sollen oder zu mir. Dabei wusste ich genau, dass nicht ich es sein musste, die mit dir gehen soll, sondern einfach irgendwer. Nur war ich gerade diejenige, die da war. Die um kurz vor 3 in der Nacht dicht an dicht mit dir in der Kälte stand.

Für einen Moment dachte ich tatsächlich darüber nach, es zu tun. Egal, ob zu dir oder zu mir. Der Gedanke, die Wärme eines anderen Menschen bei und in mir zu spüren, war beruhigend. Wie so oft, wenn ich betrunken und emotionaler bin als mir gut tut. Allerdings war ich in solchen Augenblicken normalerweise alleine. Jetzt warst du da. Die Frage, die schon während unseres gemeinsamen Fußwegs schwer und nebulös in der Luft lag, nun ausgebreitet vor uns auf dem Tisch.

Die Versuchung, einfach mit dir ins Bett zu kriechen, war groß. Ich wollte nicht an das denken, was danach passieren könnte, aber ich tat es. Und alles, was ich „danach“ sah, war kompliziert und anders. Beides Worte, die ich nicht leiden kann. Es fiel mir wirklich schwer, etwas abzulehnen, das ich nie erwartet und mir doch für einen kurzen Traum einmal gewünscht hatte. Doch die Angst vor dem, was danach passieren würde, war zu groß.

Ich wollte nicht noch mehr Scham spüren oder die Blicke der anderen, die mir jedes Mal aufs neue sagen: „Wir wissen es.“ Es hätte in dieser Nacht auch für mich irgendwer gereicht. Und wenn ich losgelassen hätte, hättest du gereicht. Vielleicht sogar mehr als das, aber wer will am Ende schon irgendwer sein?

Also entschied ich mich für die unausgesprochene, dritte Option. Unsere Wege trennten sich. Du gingst zu dir und ich zu mir. Wir sprachen nicht mehr darüber und das ist auch gut so. Auch wenn ich ab und an daran denken muss, was passiert wäre, wenn ich deine Frage anders beantwortet hätte, bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Irgendwie.

Und so siegte einmal mehr die Vernunft über das Verlangen.

Mein Berliner Alter Ego

berlinVon Freitag auf Samstag war ich beruflich in Berlin unterwegs. Am zweiten Tag hatte ich den Nachmittag über ein paar Stunden bis zu meinem Rückflug, die ich für mich nutzen konnte. Also stieg ich in den nächsten Bus und fuhr zur Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum, wo ich fast zwei Stunden andächtig von einem Raum zum nächsten wanderte. Anschließend fuhr ich zurück nach Charlottenburg. Ziel: Schwarzes Café, um noch ein schönes Stück Kuchen zu genießen, bevor ich zum Flughafen musste.

Ich hatte Glück und bekam draußen noch ein kleines Tischchen. Die Sonne schien – es war der perfekte Tag, um dort zu sitzen und die Leute um mich herum zu beobachten. Neben mir unterhielten sich zwei Amerikanerinnen auf englisch über die Hindernisse der deutschen Sprache. Direkt vor mir saß ein schwules Pärchen bei einem Tässchen Kaffee. Alles wirkte irgendwie international und besonders. Ich konnte meinen Blick nur schwer von der jungen Frau nehmen, die rauchend vor dem Café stand und ihren königsblauen Zweiteiler mit einer Selbstverständlichkeit trug, die man Bonn so nicht (oder nur sehr selten) erleben würde. Berlin ist halt doch eine Welt für sich.

Und während ich so da saß, konnte ich nicht anders, als mir vorzustellen, was wäre, wenn ich ein Teil dieser Welt wäre. Ein bisschen künstlerisch, ein bisschen alternativ, weltoffen und ein kleiner Paradiesvogel. Ich stellte mir vor, ein großes Atelier mit hohen Decken und knarzendem Parkett zu haben. Meine Haare sind immer ein bisschen unordentlich, aber der rote Lippenstift ist stets perfekt nachgezogen. Im Sommer sitze ich oft draußen in einem der zahlreichen Cafés, rauche eine Zigarette und beobachte die Leute.

Im Herbst und Winter mache ich alleine lange Spaziergänge durch die Stadt. Probleme mit anderen ins Gespräch zu kommen, habe ich keine. Meine Beobachtungen und Gespräche sind die Grundlage für meine gefeierten Kurzgeschichten und Romane. Freitagabends geht es dann in eine kleine, schummerige Jazz- oder Soulbar – ganz ohne Plan, denn man trifft immer Leute, die man kennt.

Und vielleicht würde ich sogar die junge Frau ansprechen, die mir im Bus gegenüber sitzt und die mit ihrem perfekten, französisch angehauchten Garconne-Stil und dem kurzen, Haar, das ihr verwegen in die Stirn fällt, einen femininen James-Dean-Charme versprüht.

Es ist eine kleine, idealisierte Traumwelt, die ich mir in nicht viel mehr als einer halben Stunde aufgebaut habe. Eine Welt in der ich stereotype Künstlerin und legere Verführerin in einem bin. Es ist eine interessante Vorstellung, die ich gerne bis zu einem gewissen Grad ausreizen würde. Denn wer würde nicht manchmal gerne die perfekte Welt seiner Tagträume ausleben? Einfach nur, um wirklich nachempfinden zu können, wie das Leben sonst noch sein könnte?

Wer weiß, das Leben ist noch jung. Vielleicht verwirkliche ich irgendwann tatsächlich einen Teil dieser vielen kleinen Träume und mache mein Leben damit zu einer Symbiose bestehend aus all den Alter Egos, die ich mir schon erträumt habe.

Wir vergessen oft, dass wir unser Leben selbst in der Hand haben. Dass wir immer noch selbst bestimmen, wie wir leben. Manche Träume sind in der Fantasie zwar besser aufgehoben, aber manchmal sind sie auch das perfekte Material um zu experimentieren dem Alltag neues Leben einzuhauchen.

Mir persönlich war mein Berliner Alter Ego trotz aller Klischeehaftigkeit irgendwie sympathisch, weil es so viel unangepasster und freier ist, als das Ich, das ich im Moment lebe. Vielleicht sollte ich mir davon mal eine Scheibe abschneiden.

Auch wenn ich dem Rauchen wohl nie anfangen werde… das war nur eine künstlerische Freiheit meiner Kreativität, die ich selber nicht ganz verstehe.

Eine Woche der Exzesse

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Nach einer Woche „La dolce Vita“ in Italien hatte ich mich am vergangenen Montag eigentlich recht motiviert gefühlt, um wieder voll in meine gesunden Tagesroutinen einzusteigen: selbst gekochtes Essen auf der Arbeit, regelmäßiger Sport, mehr Wasser trinken und jeden Morgen Trockenbürsten sind nur ein paar der Punkte, die ich mir vorgenommen hatte. Doch, wie so oft, machte mir das Leben einen Strich durch die Rechnung.

Am Ende der letzten Woche hatte ich nämlich so gut wie keines meiner kleinen Alltagsziele erreicht. Stattdessen bin ich jeden Tag essen gegangen (manchmal sogar mittags und abends), habe kaum Sport gemacht und viel Alkohol getrunken. Gepaart mit der Tatsache, dass meine Periode zum Ende hin kurz bevor stand (Hallo, Milchtüten-Brüste!), kann man sich vielleicht vorstellen, dass ich mich am Sonntag, gelinde gesagt, bescheiden gefühlt habe. Ich war ein gestrandetes Walross an einem kalten, windigen Tag an der Nordsee.

Natürlich habe ich für meine Verfehlungen gute Entschuldigungen parat – für ein paar jedenfalls. Eine gute Freundin hatte ihre letzte Woche in Bonn und die mussten wir natürlich ausnutzen. Dann war da noch eine andere Freundin, die ich einen Monat nicht gesehen hatte und ein Geburtstag, den wir am Samstag derart gebührend gefeiert haben, dass ich die Nachwirkungen bis heute gespürt habe. Man wird nicht jünger, nicht wahr?

Dass meine Prioritäten da nicht gerade bei sportlicher Aktivität oder dem täglichen Abschrubben meines Körpers lagen, liegt wohl auf der Hand. Was mich bei all dem Spaß, den ich in dieser Woche allerdings hatte, am meisten erstaunt, ist die Tatsache, wie sehr mir meine gesunden Routinen gefehlt haben.

Früher dachte ich immer, dass einfach nur rumgammeln und Essen gehen das größte ist. In gewisser Weise denke ich das auch jetzt noch, aber mir fehlte trotzdem ein Ausgleich für meinen Körper. Ich habe mich schlapp gefühlt und ständig vergessen, genug Wasser zu trinken. Zwischendurch war da einfach diese Trägheit in mir, die ich kaum noch loswerden konnte. Ich war ständig müde. Abgesehen davon ist mir wieder bewusst geworden, wie teuer Essengehen und Trinken überhaupt ist.

Für mich war es also in mehrfacher Hinsicht eine Woche der Exzesse. Hin und wieder kann man das mal machen, aber ich habe wirklich gemerkt, dass das für mich kein Lebensstil ist, den ich auf Dauer führen könnte. Da lobe ich mir zwischendurch Tage wie heute. Von der Arbeit nach Hause kommen und dann ein lockeres Workout einlegen, Duschen, Trockenbürsten und was gutes zu Essen kochen. Als nächstes stehen ein schöner Film und ein paar Seiten Lektüre auf dem Plan. Für mich ein absolut perfekter Feierabend, wenn ich mich nicht mit Freunden treffe.

Ich brauche nicht jeden Tag Halli-Galli, auch wenn ein Leben voller Dekadenz für eine Woche ganz nett war. Manchmal reichen auch die eigene Gesellschaft und ein intensiver Blick von Mr. Darcy. Na, welcher Film wird heute Abend geguckt?

 

Wie“La dolce Vita“ meine Seele kurierte

Bergamo

Am Freitagabend stieg ich am Flughafen Köln/Bonn aus dem Flieger. Es war kalt und etwas ungemütlich. Ich konnte zwar noch die warmen Sonnenstrahlen der letzten Tage auf meiner Haut nachspüren, aber sie war bedeckt von einem Pullover und meiner Jeansjacke, um sie vor dem plötzlichen Temperatursturz zu schützen. In Deutschland liegen trotz der noch warmen Temperaturen bereits die ersten Vorboten des Herbstes in der Luft.

Doch in der vergangenen Woche konnte ich kurz vor dem Abschied des Sommers die Vorzüge eines mediterranen Sommers erleben. Eine Woche in Bergamo liegt hinter mir und sie war genau das, was ich gebraucht hatte. Die Erkundung neuer Städte und einer neuen Kultur. Wandertouren in den Bergen. Hier und da eine neue Herausforderung. Es war genau das, wonach mein Körper und meine ausgehungerte Seele seit Monaten regelrecht gegiert hatten.

Schon als wir vorletzten Freitag um kurz vor 10 in der Früh in Bergamo ankamen, wusste ich, dass es genau das war, was mir gefehlt hatte. Eine Auszeit an einem Ort, der mich nicht jeden Tag an die Arbeit erinnert. Einfach mal komplett abschalten, mich treiben lassen und ohne Reue mit Pizza, Pasta und Aperol Spritz das Leben genießen.

Ein bisschen „La dolce Vita“

Wir (meine Mutter und ich) gingen in diesen Urlaub ohne einen festen Zeitplan. Wir hatten ein paar Dinge, die wir auf jeden Fall machen wollten, wie zum Beispiel für einen Tag nach Mailand fahren und Wandern gehen, doch im Grunde lebten wir einfach in jeden Tag hinein und richteten uns danach, wie wir uns fühlten.

So erkundeten wir am ersten Tag erstmal in Ruhe die Stadt mit ihrem gigantischen Friedhof, den kleinen Straßen und Lokalen. An einem anderen Tag trieben wir uns fast nur in den hiesigen Museen herum. Ab Montag wagten wir uns mit unserem Mietwagen auf die italienischen Straßen mit ihren unzähligen Kreisverkehren und Serpentinen, bei denen wir das eine oder andere Mal regelrecht Blut und Wasser schwitzten. Dafür wurden wir mit Ausblicken und Erlebnissen belohnt, die ich kaum in Worte fassen kann.

Wir entdeckten die vielfältige Natur des Serio-Tals mit seinen majestätischen Wasserfällen, die Wälder und Wiesen bei Lecco am Lago di Como und die Höhen der Berge hinter Cusio, wo ein Blick ins Tal kilometerweit reichte. Wir erlebten die Freundlichkeit der Lombarden und konnten ein bisschen von dem Gefühl erhaschen, das man „La dolce Vita“ nennt, als wir an einem besonders sonnigen Tag die Wanderschuhe auszogen und unsere Füße in den Lago d’Iseo hielten.

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Ein kleiner Reset zwischendurch

Diese Reise war ein dringend nötiger Reset für mich. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie angespannt ich in der letzten Zeit wirklich gewesen bin. Es ist für mich eine große Erkenntnis, dass ich kein Mensch bin, der nur in einem Lebensraum überleben kann, ohne schlecht gelaunt zu werden oder mich vom Alltagsstress überrollen zu lassen. Ich habe es immer irgendwie gefühlt, habe die Wichtigkeit des Reisens aber trotzdem immer heruntergespielt.

Und mindestens genau so wichtig ist dabei für mich, dass ich mich nicht zwangsläufig 3 Wochen am Stück für ein Retreat auf Bali zurückziehen muss, sondern dass auch eine kurze Woche wie diese zwischendurch ausreicht, um meinen Tank wieder aufzufüllen. Hauptsache weg.

In anderthalb Monaten werde ich wieder im Flieger sitzen. Eine Reise, auf die ich, seit meinem letzten Trip dorthin, schon 5 Jahre warte: Japan. Zweieinhalb Wochen werde ich mit meiner besten Freundin das Land bereisen – von Tokyo über Kyoto nach Hiroshima und wieder zurück. Auch hier werde ich sicher am Ende kurz berichten, was ich erlebt habe.

Bs dahin bereite ich mich mental schon mal auf meine liebste Jahreszeit vor und versuche so viel wie möglich von dieser neu gewonnenen Leichtigkeit zu bewahren.

 

Mein Körper – mein Zuhause

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Als Jugendliche trug ich nicht gerne kurze Hosen oder Röcke. Schwimmen gehen war mir ein Graus und enge Oberteile waren sowieso der Horror. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich den Sommer nie leiden konnte, denn meist bedeutet er all diese Dinge. Da ist nicht viel mit Kuschelpullovern, in denen man sich verstecken kann, oder mit langen Hosen, die die unliebsame Orangenhaut an den Beinen verstecken.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann genau ich damit angefangen habe, meinen Körper zu verstecken. Ich erinnere mich aber an das Gefühl, das ich hatte, wenn ich andere Mädchen angesehen habe: Nicht genug. Mein Bauch ist nicht flach genug, meine Oberschenkel sind nicht glatt genug. Meine Wangen sind nicht schmal genug. Ich habe immer irgendetwas an mir gefunden, das mich gestört hat – was an sich nichtmal das Dramatische ist.

Denn Selbstliebe bedeutet in meinen Augen nicht, dass ich alles an mir bedingungslos lieben muss. Die Cellulite an meinen Beinen finde ich nicht schön, aber der Fehler liegt nicht darin, dass ich sie nicht schön finde, sondern darin, dass sie über Jahre hinweg bestimmt hat, ob ich zum Beispiel kurze Hosen anziehen darf oder nicht. Sie ist noch nichtmal besonders schlimm. Trotzdem habe ich mich dafür geschämt. Also, habe ich auch im Hochsommer lange Hosen getragen, nur damit ich nicht zeigen muss, dass ich auch nur ein Mensch bin. Ein Mensch, der nicht mit Photoshop bearbeitet wurde und taufrisch einem Fitness-Magazin entsprungen ist.

Ich brauche keinen „perfekten“ Körper

Da Gefühl nicht genug zu sein (oder an manchen Stellen zu viel) sorgte lange Zeit dafür, dass ich überhaupt kein Gefühl für meinen Körper hatte. Die Tatsache, dass er trotz seiner Mäkel begehrenswert sein kann, kam mir dabei nie in den Sinn. Ich habe nur seine Unzulänglichkeiten gesehen.

Erst in jüngerer Vergangenheit habe ich damit angefangen, mich mit ihnen zu arrangieren und es ärgert mich, dass ich es so lange hinausgezögert habe. Denn mal ehrlich: Wer will mir im Hochsommer verbieten, kurze Hosen zu tragen? Wen interessiert das überhaupt? Niemand. Und wer achtet auf das kleine Bäuchlein? Genau, auch niemand. Und wenn doch, warum sollte mich das beeinflussen?

Es ist traurig, dass ich erst jetzt lerne, so zu denken und noch trauriger, dass manche Menschen es nie lernen, weil sie sich einfach nicht trauen loszulassen. Aber ich bin es mittlerweile einfach Leid, mir Dinge zu verbieten,  nur weil ich hin und wieder gerne das Leben genieße und man das auch sehen kann (ganz zu schweigen von den Tagen an denen man sich aufgrund der Freuden des weiblichen Zyklus besonders unattraktiv und aufgeschwemmt fühlt).

Diese neu aufkeimende Akzeptanz für meinen eigenen Körper soll jetzt auf keinen Fall bedeuten, dass ich nur noch in Hotpants und knallengen Croptops durch die Gegend laufen werde – aus dem Alter bin ich sowieso langsam raus. Ich bin nur nicht mehr dazu bereit, mich für Dinge zu schämen, für die ich mich eigentlich nicht schämen muss.

Das Leben ist dafür nicht nur zu kurz („Ich bin zu alt für diesen Scheiß.„), sondern auch zu schade. Vielleicht kann man wirklich sagen, dass mit dem Alter eine gewisse Weisheit kommt. Ich würde es jetzt eher als ein gewisses Maß an Gleichgültigkeit bezeichnen, weil ich einfach keinen Bock mehr habe, mir mehr Gedanken über solche Nichtigkeiten zu machen, als tatsächlich nötig ist.

Niemand erwartet von uns mehr Perfektion als wir selbst. Und jetzt ist es Zeit, ein bisschen locker zu lassen. In meinem Körper bin ich zu Hause und jetzt soll er sich auch wie eines anfühlen.