Plötzlich erwachsen?

Alter

Als ich in die erste Klasse kam, kamen mir die Viertklässler so erwachsen vor. Ich wollte unbedingt so sein wie sie. Als ich auf das Gymnasium kam, waren die Abiturienten das absolute Nonplusultra. Danach waren es die Studenten. Mit jeder Stufe, die ich auf meinem Lebensweg erklomm, gab es jemand neues zu dem ich aufgeblickt habe, weil diese Person oder diese Gruppe von Menschen mir so viel erfahrener und erwachsener vorkam.

So bin ich Anderen immer hinterher gelaufen und das in einem Rennen, das ich sowieso nie gewinnen kann. Denn als ich in die vierte Klasse kam, habe ich mich nicht viel erfahrener gefühlt als in der ersten Klasse, weil ich es in dem Moment einfach nur genoss, ein Kind zu sein. Und als ich vor mittlerweile über einem Jahr meine Masterarbeit abgegeben habe, war ich nicht viel besser auf das Leben als „Erwachsener“ vorbereitet als an dem Tag, an dem ich mit der Schule fertig wurde.

Was heißt überhaupt „Erwachsen sein“? Und woher weiß man, dass man dieses Stadium erreicht hat? Erreicht man es überhaupt jemals? Fragen wie diese geistern mir schon seit vielen Jahren im Kopf herum – ganz besonders seit der Zeit kurz vor meinem Uniabschluss. Da hatte ich das Gefühl direkt am Rand einer Klippe zu stehen und die Abgabe meiner Abschlussarbeit würde mich mit brutaler Gewalt in die Welt der Erwachsenen stoßen, die ich nie wirklich verstanden habe.

In eine Welt, in der man Steuern zahlt, sich tagtäglich einem langweiligen Job hingibt und nur auf das Wochenende wartet. Man redet über Politik und Wirtschaft, gründet eine Familie und weiß, wie die Welt funktioniert.

Die Wahrheit über das Erwachsensein

Dabei sieht die Wahrheit ganz anders aus. Zumindest die Wahrheit, die ich für mich gefunden habe: wir alle stolpern eigentlich nur durch’s Leben, in der Hoffnung, dass niemand es bemerkt, wenn wir mal stolpern oder uns mit Schmackes auf die Fresse legen. Dann heißt es schnell aufstehen, die Klamotten abklopfen und so tun als wäre nichts gewesen. Und so geht es einfach immer weiter. Der Punkt, an dem man sich vollkommen sicher in seinem Tun fühlt, kommt einfach nie. Und wenn doch, ist es nur eine Frage der Zeit bis der nächste Stolperstein auftaucht.

Ich habe eine sehr lebhafte Erinnerung daran, wie ich in der Schule mit Leuten geredet habe, die so alt waren, wie ich jetzt (also Mitte bis Ende 20). Wobei man hier eher von einem Versuch sprechen sollte, denn ich hatte immer das Gefühl, dass ich keinen Kontakt zu ihnen aufbauen konnte, weil ich glaubte, irgendwas erwachsenes und intellektuelles sagen zu müssen. Und so geht es mir auch heute manchmal noch mit Leuten, die ich für erfahrener als mich selbst halte (also fast alles über 30).

Es gibt kein Ende

Man kommt einfach nie irgendwo an, weil sich alles ständig verändert. Weil wir uns ständig verändern und immer neue Dinge an uns entdecken, die dafür sorgen, dass wir uns „noch nicht soweit“ fühlen. Ich bin auch noch nicht dazu bereit, mich mit 26 Jahren als erwachsene Frau zu bezeichnen, aber das muss noch lange kein Defizit sein. Warum also der Stress?

Und es ist äußerst beruhigend zu wissen, dass es mir nicht alleine so geht. Denn das ist wohl eine der wenigen wirklich einflussreichen Erkenntnisse, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe: Erwachsen sein ist im Grunde ein Mythos. Wir haben alle keinen wirklichen Plan und DEN EINEN Plan gibt es sowieso nicht. Weil wir alle verschieden sind und uns kontinuierlich verändern.

Deshalb ist es auch egal, wenn ich in 4 Jahren ledig und kinderlos bin. Es ist egal, ob ich mich für Politik oder Hippiekram interessiere. Und vor allem ist es egal, ob ich mich als Erwachsener klassifiziere oder nicht. Mein Leben funktioniert auch so.

Und überhaupt: wenn Erwachsensein so ist, wie viele Leute es sagen – langweilig, routiniert, immer planbar und ernst – dann kann ich jetzt guten Gewissens darauf verzichten. Ich bleibe ich, egal wie alt ich bin und das ist viel besser.

Dem materiellen Chaos Herr werden (inkl. Worksheet)

Ausmisten

Dieses Wochenende steht bei mir ganz im Zeichen der Entrümpelung. Ich habe eine Box mit 15 Büchern, DVDs und CDs gepackt, die ich zu Momox schicken werde und weitere Bücher ausgesucht, die ich zum Bücherschrank bringen werde, damit Leute sich die kostenlos mitnehmen können. Ich habe alte Handtücher und Klamotten aussortiert und Zeitschriften weg geschmissen. Und das ist erst der Anfang.

Es ist faszinierend und erschreckend zugleich, wie viel Zeug sich in ein paar Jahren ansammelt und wie wenig man davon tatsächlich braucht. Wobei man, wenn man den Begriff „brauchen“ ganz streng sieht, auch gleich 90% seiner Besitztümer weg schmeißen könnte. Doch an vielen Dingen halten wir nur fest, weil wir emotionale Verbindungen zu ihnen haben. Wir benutzen sie eigentlich gar nicht mehr, doch jedes Mal, wenn wir darüber nachdenken, sie weg zu geben, bekommen wir ein schlechtes Gewissen. Am Ende stehen sie aber doch nur in der Ecke und setzen Staub an.

Meistens handelt es sich dabei um Geschenke oder wir verbinden diese Dinge mit bestimmten Ereignissen in unserem Leben. Natürlich ist es schön, etwas in die Hand zu nehmen und sich an etwas besonderes zu erinnern, doch manchmal sollte man sich auch die folgende Frage stellen:

Ist meine Erinnerung weniger wert, wenn ich dieses Ding weg gebe?

In letzter Zeit habe ich mich auch vermehrt gefragt, ob ich manche Dinge nur behalte, weil sie zur Gewohnheit geworden sind. Sie waren einfach schon immer da, haben sich dadurch nahtlos in das Bild meiner Wohnung eingefügt. Deshalb habe ich sie nie hinterfragt. Und oft ist da dieser trügerische Gedanke, dass ich sie irgendwann nochmal gebrauchen könnte. Das ist in den meisten Fällen ein Irrtum. Viele Dinge haben nach einer gewissen Zeit ihren Zweck bei uns erfüllt. Sie darüber hinaus noch zu behalten, bedeutet nur weiteren Ballast – emotional und räumlich.

Vor allem bei Büchern fiel es mir immer schwer einen Schlussstrich zu ziehen. Ich lese unglaublich gerne und ich liebe es, Bücher zu besitzen – mich einfach tagtäglich mit ihnen zu umgeben. Aber es gibt immer Bücher, die einem weniger gefallen als andere. Warum sollte ich sie noch länger behalten, wenn ich sie nicht mehr lese? Nur um ein volles Bücherregal zu haben? Dabei gibt es mit Sicherheit andere Menschen, die sie mehr wertschätzen würden als ich.

Das gleiche gilt für diese eine Hose, die jede Frau nur deswegen im Kleiderschrank hat, weil sie glaubt, dass sie irgendwann wieder passt. Vielleicht passt sie irgendwann tatsächlich wieder, aber das muss nicht heißen, dass sie deshalb jahrelang im Schrank liegen und einem womöglich noch ein schlechtes Gewissen machen sollte. Wir wissen nur, was im Jetzt passiert und was uns im Jetzt nicht glücklich macht, sollte einfach gehen.

Das 7-Fragen-Worksheet

Im Zuge meiner Aufräum-Wut, die mich die Tage ergriffen hat, habe ich ein kleines Worksheet mit Fragen zusammengestellt, die mir dabei helfen, wenn ich Dinge aussortiere. Sie helfen dabei, jeden Gegenstand, bei dem man sich unsicher ist, besser einordnen zu können. Und obwohl es sich um scheinbar einfache Ja-Nein-Fragen handelt, haben sie zumindest bei mir viele Denkprozesse angeregt, wenn es um die Dinge geht, mit denen ich mich tagtäglich umgeben möchte.

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Die Art, wie ich jetzt an dieses Thema herangehe, ist sehr durch die Methode von Marie Kondo inspiriert, wenn auch nicht ganz so strikt. Sie fragt sich stets: „Does it spark joy?“ („Löst es ein Glücksgefühl aus?„). Daran lehnt sich auch die erste Frage auf dem Worksheet an.

Niemand tickt gleich

Im Grunde ist es aber so: Manche Menschen können nur mit wenig Dingen um sich herum leben, weil alles andere sie ablenkt und wieder andere lieben es, sich mit ein bisschen Schnickschnack zu umgeben. Ich gehöre eindeutig in die letzte Gruppe. Am Ende muss natürlich jeder selbst wissen, womit er sich umgibt. Es gibt meiner Meinung nach keine Methode zur Entrümpelung, die bei allen Menschen gleich funktioniert, weil jeder für sich andere Schwerpunkte im Leben setzt.

Ich selbst habe nach jeder Aufräumaktion das Gefühl, wieder ein bisschen besser atmen zu können und mehr Klarheit zu haben. Bis die nächste Session vor der Tür steht.

 

Keinen Plan für dein Leben? Voll okay!

Unentschlossen

Jeder von uns hatte wahrscheinlich diese eine Person in der Klasse, die scheinbar schon immer wusste, was sie aus ihrem Leben machen will; die gezielt daran arbeitete und dieses Ziel auch erreichte oder nun kurz davor steht. Diese Zielstrebigkeit habe ich immer bewundert, weil sie diese Menschen so erwachsen wirken ließ. Also hätten sie ihr Leben einfach im Griff.

Ich hingegen war schon immer eher das Fähnchen im Wind, das tat, was ihm gerade in den Sinn kam und was ihm halt gerade so gefiel. Einen Plan für mein Leben hatte ich also nie.

Deshalb hatte ich nie etwas, worauf ich hinarbeiten konnte. Als ich mein Abitur  2010 gemacht habe, hatte ich keine Ahnung von nichts – keine Vorstellung davon, was ich mit mir machen sollte. Studieren wollte ich schon, aber was? BWL? Weil es jeder tat und anscheinend eine sichere Bank ist? Dabei habe ich es doch gar nicht so mit Zahlen.

Am Ende entschied ich mich für ein Studium, bei dem die Chancen, in dem Bereich später auch zu arbeiten, schwindend gering waren. Ein Fach bei dem ich mir dafür sicher war, dass ich mich zumindest nicht in jeder Vorlesung bekotzen würde, weil ich es hasste.

Von Asienwissenschaften zum Finanzverlag

Ich studierte Asienwissenschaften. Eines, dieser typischen Fächer, bei dem sämtliche entfernten Verwandten auf jeder Familienfeier entgeistert fragen: „Und was macht man dann damit?“ Ich erzählte ihnen das übliche: Dolmetscherin, Auslandsreferenz, etc. Es war eine einstudierte Antwort, um die lästigen Fragen der Anderen abzuwimmeln. Denn die Sache war die: Ich wusste in etwa, was man generell damit machen kann, aber ich wusste nie, wo ich mich dabei sah. Und das empfand ich als noch lästiger.

So zog ich auch mein Studium recht planlos durch und kam recht bald zu der Erkenntnis, dass ich aller Wahrscheinlichkeit einen Abschluss in einem Gebiet erlangen würde, in dem ich nie arbeiten würde. Mein Fokus im Leben hatte sich einfach geändert. Ich sah mich  beruflich nicht mehr als „Asienwissenschaftlerin“. Ich wusste aber auch nicht, wo ich mich sonst sah.

Meine Nebenjobs waren im hiesigen Studentensekretariat und anschließend im Verkauf/Store-Management im Food-Bereich. Im Prinzip also alles wild durcheinander gewürfelt. Ich hatte halt nie einen Plan und bin nun in einem Finanzverlag gelandet, was ich erst recht niemals gedacht hätte und was mich gleichzeitig mehr erfüllt, als ich jemals gedacht hätte.

Deine Entscheidungen bestimmen nur einen Abschnitt deines Lebens

Was ich mit dieser extrem langen/langweiligen Einleitung sagen will, ist folgendes: Es gibt Leute, die ihr ganzes Leben durchplanen und ein Ziel nach dem nächsten von ihrer Liste streichen. Es gibt aber auch Leute wie mich und vielleicht auch dich, die nie wirkliche Pläne hatten und von einem Blatt zum nächsten springen. Und auch das ist vollkommen okay!

Gerade in der Schule wollen einem alle Erwachsenen einreden, dass die Entscheidung, was man studiert oder welche Ausbildung man macht, entscheidend für das komplette weitere Leben ist. Ich sage: Dem ist nicht so. Zumindest nicht mit dieser Dramatik, wie es einem in diesem Moment erscheint. Auch wenn man glaubt, den Grundstein für sein ganzes Leben mit dieser einen Entscheidung zu legen, so entscheidet sie nur über die Voraussetzungen für einen Lebensabschnitt. Was danach kommt, weiß kein Mensch!

Manche Leute merken nach 20 Jahren im Job, dass ihre eigentliche Berufung eine ganz andere ist. Oder man realisiert, dass dieses Ziel, auf das man Jahre hingearbeitet hat, einem nicht mehr so wichtig ist. Es kann einen jederzeit treffen.

Sich flexibel dem Leben und seinen Möglichkeiten anpassen

Deshalb sollte man sich auch nicht so stressen, wenn man z.B. in der Schule noch nicht weiß, in welchem Beruf man sich für den Rest seines Lebens sieht. Nichts ist für die Ewigkeit. Nichts ist in Stein gemeißelt. Das mag einerseits beunruhigend klingen, weil das eine ständige Instabilität bedeutet; ich würde es aber eher Flexibilität nennen. Hätte mir mein Studium nicht gefallen, hätte ich mich jederzeit umorientieren können. Und auch wenn mich mein aktueller Beruf irgendwann nicht mehr erfüllt, kann ich kündigen und ein neues Kapitel beginnen.

Keinen Plan zu haben, hat mich offener für Möglichkeiten gemacht, die ich andernfalls nicht erwogen hätte. Ich habe meine Fähigkeiten in Gebieten ausgeschöpft, die ich vorher nicht bedacht hätte und neue Kompetenzen entwickelt. Dafür bin ich dankbar.

Generell bin ich natürlich dafür, dass man jegliche Pläne und Träume, die man hat, auch verfolgt. Das Leben ist zu kurz für die ständige Was-wäre-wenn-Fragerei. Aber es ist auch zu kurz, um sich unnötig zu stressen, wenn man nunmal keinen konkreten Plan hat. Am Ende kommt meistens alles zusammen, denn das Glück findet sich auf so vielen unterschiedlichen Wegen. Und jeder geht seinen eigenen Weg auf seine eigene Weise.

Wenn du keinen Plan hast, sei offen für das Leben und die Möglichkeiten, die es dir bietet. Nutze sie und schaue, wo sie dich hinführen. Wenn du schon einen Plan hast, dann verfolge ihn, aber sei achtsam dabei und setze keine Scheuklappen auf, die dir den Blick für neue Chancen nehmen.

 

Rastlosigkeit – ein Mini-Pseudo-Podcast

Rastlosigkeit

In einem Anflug jugendlichen Leichtsinns habe ich den folgenden Beitrag nicht nur geschrieben, sondern auch als Audio-Datei aufgenommen. Höre ihn dir hier an und/oder lese ihn weiter unten wie gewohnt. Viel Spaß damit!

In letzter Zeit plagt mich eine unglaubliche Rastlosigkeit. Es gibt einfach zu viele Dinge, die ich tun will.

Ich will diesem Blog mehr Zeit widmen. Ich will wieder eine Geschichte, vielleicht sogar ein ganzes Buch schreiben. Ich will meine Fremdsprachenkenntnisse wieder auffrischen. Ich will lernen, wie man eine Mütze strickt. Und so weiter und so fort. Ich will, ich will, ich will.

Lauter große und kleine Projekte, reihen sich in meinem Kopf aneinander. Sie buhlen um meine Aufmerksamkeit und darum, dass ich endlich meinem Schweinehund in den Hintern trete. Es überfordert mich. Es ist einfach zu viel.

Also, mache ich nichts.

Und mit jedem Tag, der ungenutzt verstreicht, fühle ich mich nutzloser. Ich ärgere mich darüber, dass ich mich nicht aufraffen kann und das, was ich an Potenzial habe, jämmerlich verkümmern lasse. So viel machen zu wollen und doch davor zurück zu schrecken, ist auf Dauer anstrengend.

Ich habe mal gehört, dass es helfen soll, wenn man sich immer ein Projekt herauspickt und daran arbeitet. Multi-Tasking soll ja ohnehin nur ein Mythos sein. Eine Aufgabe nach der nächsten anzugehen, wirkt weniger kolossal und unlösbar, als diesen ganzen Berg einfach nur vor sich zu sehen – und zu verzweifeln.

Die Welt da draußen ist voll von Leuten, die anscheinend alles auf einmal machen, besonders im kreativen Bereich. Man ist nicht nur Blogger, sondern auch noch Podcaster, Lifecoach und macht nebenbei eine Ausbildung zum Ernährungsberater. Es ist verrückt. Vor allem, wenn man selbst auch gerne so ein Multitalent wäre, es aber nicht mal schafft, eine Sache anzugehen.

So verbringe ich mittlerweile einen nicht gerade kleinen Teil meiner freien Zeit damit, mich mit unwichtigen Tätigkeiten und Netflix zu beschäftigen.Wobei, eigentlich kann ich es auch ganz direkt sagen. Wir sind ja unter uns: Ich prokrastiniere vom feinsten, schaue mir ganz viele Videos zu den Themen Produktivität und Arbeitsmoral an. Astreine Selbsttäuschung!

Nur wirklich genießen kann ich es nicht, so wie in der Uni damals. Dort hatte ich Deadlines. Irgendwann musste ich mich auf den Hosenboden setzen und lernen. Ich habe die Zeit des herrlichen Nichtstuns so lange genossen, bis ich wusste, dass es langsam Zeit wurde, etwas zu tun. Dann wurde gearbeitet und es hat funktioniert. Jetzt setze ich mir meine Ziele selber und schiebe sie immer weiter auf. Das macht mich unruhig.

Schon vor mindestens 3 Jahren wollte ich im November beim Projekt NaNoWriMo teilnehmen, in der Hoffnung, dass es mich meinem ersten Buch näher bringt. Hat es natürlich nicht, weil ich nicht teilgenommen habe. Mir hat die zündende Idee gefehlt. Jetzt bin ich 26 und habe immer noch nichts in der Richtung geschafft. Vielleicht dieses Jahr?

Ich will nicht irgendwann den Löffel abgeben und mich über all die großen und kleinen Dinge ärgern, die ich nicht gemacht habe, weil ich überfordert war. Oder weil ich mich nicht getraut habe.

Ich werde nicht mehr mit Anfang 20 neben der Uni einen Bestseller veröffentlichen. Der Zug ist schon lange abgefahren, aber es ist definitiv noch nicht  zu spät, um was im Leben zu reißen. Und während es wahrscheinlich unmöglich ist, alles, was man sich irgendwie irgendwann mal vornimmt, auch zu schaffen, so gibt es doch ein paar Dinge, die auf jeden Fall machbar sind.

Und solange ich das Projekt, das mir am meisten am Herzen liegt, nicht zumindest begonnen habe, wird diese Rastlosigkeit auch nicht verschwinden.

Von welchem Projekt ich rede?

Das Buch.

Jeder ist mal ein Nichtsnutz.

Blattwerk
Photo by Thomas Millot on Unsplash

Auch wenn man sich im allgemeinen nicht über das Leben beklagen kann, abgesehen von den üblichen Erste-Welt-Problemen, gibt es immer wieder diese Tage an denen nichts wirklich zu klappen scheint. Tage, die einem das Gefühl geben, dass man vom Pech verfolgt wird und an denen man mit einem Mal alles in Frage stellt, was man bisher gemacht hat.

Gestern war für mich einer dieser Tage. Ich bin eigentlich davon überzeugt, dass ich ganz gut darin bin, Dinge zu planen und zu organisieren. Zwar mehr für andere als für mich selbst, das eigene Leben endet ja doch immer irgendwo im Chaos, aber selbst mit der besten Planung können Dinge schief gehen. So auch gestern.

Wahrscheinlich kam es mir auch einfach nur schlimm vor und für die meisten ist es kein großes Ding:

Das kann jedem Mal passieren.“

Da steckt man manchmal nicht drin. Muss man halt das beste draus machen.

Ist doch kein Ding. Mach dir nichts draus.

Das ist zumindest die Art der aufmunternden Antworten, die man bei solchen Geschichten zu hören bekommt. Und eigentlich muss ich ihnen recht geben. Bei aller Sorgfalt passieren immer wieder unvorhergesehene Dinge und dann muss man das Beste daraus machen. Ist einfach so.

Wäre da nur nicht dieser kleine Teil in meinem Kopf, der sofort anfängt aufzulisten, was ich falsch gemacht habe, oder hätte anders machen können, um es zu vermeiden. Obwohl der Zug schon abgefahren. Das Kind ist in den Brunnen gefallen und hat sich beide Arme gebrochen. Und beide Beine. So fühlt es sich jedenfalls an.

Und das ist dann auch meistens der Anfang vom Ende, denn was darauf folgt, ist selten gut: Ich fange dann nicht nur an, meine Handlungen in dieser speziellen Situation zu hinterfragen, sondern im Prinzip auch sämtliche anderen Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.

Fazit: Eigentlich bin ich ja sowieso unwürdig und kann nix. 

Zu dieser Erkenntnis komme ich in der Regel nach erschreckend kurzer Zeit. Dabei ist am Ende alles nur halb so schlimm. Der Druck, den wir uns selbst machen, ist in den meisten Fällen um einiges größer als der, der uns von anderen auferlegt wird. Klar, wir wollen perfekt sein, gelobt werden und im Leben voran kommen. Zu oft vergessen wir aber, dass auch Fehler machen zum Vorwärts kommen gehören.

Wenn ich rückblickend etwas aus dem gestrigen Tag gelernt habe, dann nicht, dass ich ein vollkommen inkompetenter Vollhorst bin, sondern was ich anders machen kann, wenn mich wieder eine solche Situation oder Aufgabe erwartet. Es war eine dieser kleinen Lektionen, die im ersten Moment weh tun und unangenehm sind, mit denen wir aber immer rechnen müssen. Und in der Regel sind sie auch noch lehrreicher als die Momente, in denen alles glatt laufen zu scheint.

Wenn man etwas Zeit hatte, um einen Rückschlag zu verarbeiten, so klein er am Ende auch sein mag, ist es natürlich immer leicht so hochtrabend daher zu reden wie jetzt. Gestern hätte ich mich am liebsten in einem Loch verkrochen und wäre nicht wieder raus gekommen. Ich war zu enttäuscht von mir selbst, um klar zu denken

Also beschloss ich, sie mit ein wenig Retail Therapy und einem guten Essen in einem kleinen, gemütlichen Café von mir weg zu schieben.  Das gelang mir auch so halb. Doch als ich später am Abend am Flughafen Tegel ankam und mein Flieger mit über einer Stunde Verspätung die Stadt verließ, war ich mir sicher, dass dieser Tag nun vollkommen verkorkst war.

Um kurz vor Mitternacht öffnete ich die Tür zu meiner kleinen 33m²-Wohnung. Ich war wieder zu Hause. Faszinierend, wie schnell einen diese Tatsache wieder beruhigen kann.

Fest steht: Der gestrige Tag wird nicht gerade als der beste oder erfolgreichste Tag in die Annalen meiner persönlichen Geschichte eingehen. Er wird aber auch nicht der schlimmste sein. Bei weitem nicht. Ob ich das jetzt beruhigend finde oder nicht, sei jetzt mal dahin gestellt, aber er war eine wertvolle Lektion, denn kein Mensch ist wirklich immer zu Hundert Prozent perfekt.

Und das sollten wir auch nicht von uns erwarten.

Muss man immer gönnen können?

Spagat

„Dabei sein ist alles.“ so hört sich das an, wenn Menschen sich und anderen einreden wollen, dass es ihnen nichts ausmacht, wenn sie verloren haben. Vermutlich soll dieser beinahe schon mantrahaft anmutende Ausspruch eine Art Placebo-Effekt bewirken, aber zumindest bei mir funktioniert er nicht. Und bei den meisten anderen Menschen vermutlich auch nicht.

Doch wie hört es sich an, wenn einem das Gefühl von Neid vorgeworfen wird – geschweige denn, wenn man es tatsächlich ist?

„Man muss auch gönnen können.“

Beide Sätze werden meist im Zusammenhang mit Personen verwendet, die häufig der Person, die den Satz ausspricht, in irgendwas nachstehen. Wesentlich besser fühlt man sich bei beiden nicht. Wer wie ich ist, regt sich dann nur noch mehr auf und bekommt gesagt, dass man ein schlechter Verlierer ist. Was ich absolut bin.

In letzter Zeit habe ich mich aber vor allem mit der Frage beschäftigt, ob ich wirklich immer anderen was gönnen muss? Als Ergänzung zum Artikel 3 des Rheinischen Grundgesetzes (korrekt ausgesprochen:“ Mer muss och jünne könne„), ist diese Redensart fest in meiner Region verankert. Der Hintergrund dazu klingt eigentlich absolut einleuchtend:

Man soll anderen gegenüber nicht neidisch oder missgünstig sein. Meistens hat davon ohnehin niemand etwas, außer dass man sich selbst noch schlechter fühlt als vorher, wenn man auf dem Glück anderer herumreitet und nicht selten trägt man die daraus resultierende schlechte Laune auch nach außen. Und wozu? Ändern kann man meistens sowieso nichts und wenn anderen etwas gutes widerfährt, haben sie es sich oft mehr als redlich verdient.

Wer hart arbeitet, wird in der Regel dafür belohnt. Wer nichts macht, oder weniger macht, als er eigentlich könnte, braucht sich nicht darüber wundern, wenn das Ergebnis schlechter ist. Manchmal ist auch einfach nur ein Quäntchen Glück dabei, aber am Ende ist der Erfolg im Grunde auf die Leistungen des Individuums zurückzuführen.

Doch selbst mit all diesem gebetsmühlenartig heruntergefaselten Binsenweisheiten, lässt er sich nie ganz abstellen, dieser Neid. Er frisst sich tief in dich hinein und baut sich ein hübsches, kleines Nest in deiner Brust.

Und wenn du glaubst, dass doch eigentlich alles super läuft, steckt dein Kollege den Kopf zur Tür rein und verkündet, dass er sein Projekt perfekt abgeliefert hat. Geile Zahlen, geiles Ergebnis, geile Stimmung. Er hat wirklich allen Grund zur Freude. Du lächelst ihn an und beglückwünschst ihm. Du weißt, dass er viel dafür getan hat, dass dieser kleine Triumph wohl verdient ist. Trotzdem ist da dieses Brodeln in deiner Magengegend. Der Neid streckt seinen Kopf aus dem Nest und fängt gleich an zu zetern:

Warum hast du das nicht auch gekonnt?
Warum muss Kollege XY wieder in einem besser sein?

Und überhaupt? Warum kriegst du ohnehin nie etwas auf die Reihe, du Dödel?

Also nein, ich will niemandem auch nur irgendwas gönnen!

Das ganze ist umso ärgerlicher, wenn man tief im Inneren genau weiß, dass man nicht sein Bestes gegeben hat, aber trotzdem den gleichen Erfolg erwartet. Wer nur 1 mal die Woche 10 Sit-Ups macht und jeden Abend eine Tüte Chips verdrückt, wird nie so einen Body haben, wie der Typ aus der Wohnung nebenan, der verarbeiteten Zucker aus seiner Ernährung verbannt hat und 4 mal die Woche ins Fitness-Studio geht.

Aber manche Faktoren lassen sich auch nicht beeinflussen:  Wenn besagter Kollege schon länger dabei ist und mehr Erfahrung hat, versteht es sich von selbst, dass die Chancen für den großen Coup bei ihm größer sind. Außer man ist ein Wunderkind (dann muss ich dich leider dafür hassen. Sorry, not sorry).

Aber abgesehen von diesen nicht beeinflussbaren Faktoren, glaube ich, als überzeugter und passionierter Neider, dass folgendes Problem oftmals eng mit dem Neid zusammenhängt:

Die Unfähigkeit dazu, sich seine wahren Prioritäten einzugestehen.

Was ich damit meine, ist folgendes:

Wenn jemand ein Ziel vor Augen hat, das er unbedingt erreichen will, hat das für ihn die Prio 1. Er überlegt, was er tun kann, um dieses Ziel zu erreichen, stellt einen Schlachtplan auf und befolgt ihn konsequent. Er muss es deshalb nicht zwangsläufig erreichen, aber wer sich vernünftig ernährt und Sport treibt, hat nun mal größere Chancen auf einen durchtrainierten Körper als unser Chips-Freund von oben.

Ich hätte auch gerne einen flachen Bauch und keine Dellen an den Oberschenkeln. Ja, ich mache Sport, aber ich liebe einfach Süßigkeiten und Knabberzeug. Von daher versteht es sich von selbst, dass ich (noch) nicht wie ein Victoria’s-Secret-Model aussehe. In dem Moment, in dem ich in die Tüte Gummibärchen greife, ist meine Priorität nicht bei dem Körper, den ich irgendwie gerne hätte, sondern bei der Befriedigung eines niederen Bedürfnisses. Es ist nicht nett, sich das selbst so zu sagen, aber es ist so. Und das heißt für mich, dass der Bikini-Körper nicht die Prio 1 bei mir hat.

Ich muss anderen wohl was gönnen können, mir selbst aber auch! Also, her mit er Tafel Schokolade.

(Natürlich bin ich trotzdem neidisch, wenn ich schlanke Mädels ohne Schwabbelfett an den Beinen sehe.)

Tief im Inneren glaube ich, dass ich tatsächlich nicht immer anderen alles gönnen muss. Das könnte ich auch nicht. Aber ich kann diesen Neid benutzen, um zu sehen, was ich in Wahrheit will und wie sehr ich es will.

Wenn ich unbedingt auch mal in die Büros meiner Kollegen schlendern und ihnen mit einem breiten Grinsen von der geilen Aktion erzählen will, die ich gebracht habe, werde ich die entsprechenden Schritte ergreifen. Andernfalls muss ich erkennen, dass meine Prioritäten einfach anders liegen, zum Beispiel beim Feierabend und Netflix gucken.

Neid ist vollkommen natürlich. Er liegt in der Natur des Menschen. Wichtig ist nur, was wir aus ihm machen. Ob wir ihn nutzen, um uns und unsere Gewohnheiten in Frage zu stellen, oder ob wir uns ihm hingeben und nichts tun.

Beides ist meiner Meinung nach je nach Fall vollkommen legitim.

 

Ich bin ein verdammt verwöhntes Einzelkind

cash

Ich bin ein verwöhntes Einzelkind. Es hat mir nie an irgendwas gemangelt und es war selten, dass ich nicht das bekommen habe, was ich wollte. Jeden Monat gab es ein schönes Taschengeld und das habe ich gehütet und gespart, um mir die Sachen zu kaufen, die ich unbedingt haben wollte. In meinem Zimmer standen sage und schreibe 3 Sparschweine und ich weiß nicht einmal mehr, wofür die überhaupt gut waren.

Zumindest habe ich immer brav Geld beiseite gelegt und mir schon während meiner Schulzeit ein gutes Polster angespart. Dann kam die Uni. Ich hatte Glück. Während viele meiner Kommilitonen auf Bafög zurückgreifen mussten oder mindestens einen Job nebenher brauchten, bezahlten meine Eltern alles.

Ich muss zugeben, dass es mir zusehends peinlicher wurde, wenn ich sah, wie andere sich den Arsch aufreißen mussten, um über die Runden zu kommen, während ich in meiner schönen WG-Wohnung saß, hin und wieder in der Uni aufschlug und ansonsten faulenzte. Ich gönnte mir immer wieder was von dem Geld, das ich jeden Monat überwiesen bekam, setzte mir aber auch feste Budgets, die ich auch (meistens) einhielt. Irgendwann fing ich an, meine Ausgaben und Einnahmen minutiös festzuhalten.

Als ich mir zum Ende des Bachelors hin einen Job suchte, war das nicht weil ich ihn unbedingt brauchte, sondern weil ich endlich ein Stück Unabhängigkeit gewinnen wollte. Ich wollte etwas für meinen Lebenslauf tun und dafür sorgen, dass meine Eltern mehr Geld für sich einbehalten konnten. Es war mir unangenehm, dass ich mit 22 Jahren noch nie gearbeitet hatte (abgesehen von den obligatorischen Autowäschen für meinem Stiefvater, nachdem ich in der Zeit vor Telefon-Flats für eine horrende Telefonrechnung gesorgt hatte).

Auch während des Masters arbeitete ich und so wurde der Anteil meines selbstverdienten Geldes allmählich größer als der, der mir von meinen Eltern zugschustert wurde. Jetzt, wo ich endlich voll im Berufsleben angekommen bin, bin ich natürlich vollkommen unabhängig, was meine Finanzen angeht.

Und doch musste ich nie erfahren, was es heißt, wirklich hart arbeiten zu müssen. Ich war nie stinkreich, aber ich konnte mir immer Dinge leisten, die für andere vermutlich nicht im Rahmend es möglichen waren. Hier mal ein paar neue Klamotten, da eine neue DVD… Shoppen war und ist für mich ein Hobby.

Es ist ein Luxus, wenn man nicht jeden Cent zweimal herumdrehen muss, bevor man ihn ausgibt. Und es ist erst recht purer Luxus, wenn man mit 25 Jahren „mal eben so“ einen Neuwagen geschenkt bekommt. Ich war und bin verdammt verwöhnt und ich weiß das auch. Ich bin bin ungemein dankbar dafür.

Auch wenn ich mich noch immer oft genug dafür schäme, wie viel Glück ich in der Hinsicht immer hatte. Denn es macht einen manchmal blind für die Probleme anderer – weil man sie in der Form einfach nie hatte. Es macht einen irgendwie ignorant und ein Stück weit naiv. Es sorgt dafür, dass ich nicht gerne über Geld rede. Noch weniger als ohnehin schicklich ist.

Manchmal verstecke ich neue Dinge, die ich mir gekauft habe auch eine gewisse Zeit vor Leuten, die ich kenne, damit sie nicht sehen, dass ich schon wieder shoppen war.

Seit Anfang des Jahres schreibe ich meine Ausgaben nicht mehr auf. Hätte ich es die letzten Monate getan, wäre ich vermutlich vom Glauben abgefallen. Es ist nicht so, dass ich die Kontrolle über mein Geld verloren habe. Dazu achte ich nach wie vor zu sehr darauf.

Es sitzt gerade einfach nur etwas locker, frei nach dem Motto: „Gönnung muss sein.“

Aber wie viel kann oder sollte sich ein Mensch gönnen bevor es unverschämt und ungerecht wird? Der Satz „Ich gönne mir das jetzt mal.“ wäre bei mir absolut fehl am Platz, wenn ich mir außer der Reihe etwas kaufe. Und die Tatsache, dass ich den Gürtel nie wirklich enger schnallen musste, beängstigt mich ein wenig.

Was, wenn es wirklich mal sein muss? Werde ich dann wieder 3 Sparschweine haben müssen, um meine Finanzen zu verwalten? Und die Sparschweine in einen Safe stecken müssen, dessen Code ich nicht kenne damit ich bloß nichts ausgebe?

Geld ist zurecht ein Thema, das mit Vorsicht zu genießen ist. Besonders, wenn man so ein verdammt verwöhntes Einzelkind wie ich ist.

Fragt nicht nach dem Sinn dieses Beitrags. Es ist nur ein Thema, das mir schon lange durch den Kopf gespukt ist. Vermutlich musste ich nur meine Gedanken ein wenig ordnen und wieder klar kommen.

Bald folgen auch wieder gehaltvollere Beiträge. Versprochen.

Aber wenn wir schon mal beim Thema sind: Welche Beziehung habt ihr zum lieben Geld?