Ein Plädoyer für mehr Lesen

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Ich liebe Bücher. Ich habe sie schon als Kind geliebt und ich werde sie auch immer lieben. Zwischendurch gab es Phasen, in denen ich weniger gelesen habe, doch vor allem in den letzten zwei Jahren habe ich mich wieder mehr darum bemüht, wieder regelmäßig zu lesen. Regelmäßig bedeutet für mich, dass ich jeden Abend versuche, wenigstens noch 20 Seiten zu lesen.

Das ist für mich die perfekte Art, um vor dem Schlafengehen ohne Bildschirme zu entspannen. Ich freue mich jeden Tag aufs neue, wenn ich es mir am Abend wieder im Bett mit meinen Büchern gemütlich machen kann. Den Plural benutze ich hier bewusst, da ich immer mehrere Bücher parallel lese.  Was soll ich sagen? Ich kann ich mich einfach nie lange auf eine Sache konzentrieren. Es fällt mir schwer, 100 Seiten am Stück im gleichen Buch zu lesen, sodass ich immer je nach Stimmung zwischen den unterschiedlichen Büchern, die gerade auf meinem „to read“-Stapel liegen, hin und her wechsle. Meist sind das 3-4 gleichzeitig.

Die pseudo-intellektuelle Leseratte

Dabei habe ich lange dem Irrglauben unterlegen, dass die Bücher, die ich lese „intellektuell“ sein müssen. Vor allem in der Oberstufe hatte ich eine Phase,in der ich fasst nur Klassiker gelesen habe. So habe ich ein paar meiner Lieblingsbücher kennengelernt und viele andere Werke missachtet, die es genau so wert gewesen wären, gelesen zu werden. Selbst heute noch bin ich sehr vorsichtig, was das Erkunden neuer Genres angeht.

Wenn man mein Bücherregal durchsieht, erkennt man recht schnell ein Muster: Historische Romane, Biographien/Geschichte, Klassiker, Selbstfindung/Persönlichkeitsentwicklung/Inspiration, Reisen/Berge. Das sind die Themen, die mich in den letzten 2 Jahren am meisten beschäftigt haben. Schnulzen oder Thriller sucht man da beinahe vergeblich. Natürlich gibt es auch in diesen Kategorien Bücher, die ich mögen würde – sie interessieren mich nur einfach nicht.

Ich renne auch nicht gerne jedem Hype hinterher. Nachdem ich lange das Gefühl hatte, nur bestimmte Bücher lesen zu dürfen, weil sie in meinem Regal gut aussehen und mich schlau wirken lassen, bin ich endlich an dem Punkt angekommen, an dem ich nur noch das lese, was mich interessiert. Unabhängig davon, ob es gerade im Trend ist, oder nicht.

Allerdings habe ich noch immer ein Problem damit, Bücher, die mir nicht gefallen, einfach abzubrechen, aber warum sollte ich meine Zeit mit etwas verschwenden, das mir keine Freude bereitet? Schließlich bekomme ich diese Zeit nicht zurück. Ich möchte insgesamt mehr Dinge tun, die gut für mich sind und dazu gehört auch, mich mit Lesefutter zu umgeben, das ich mag und das mir auch nach dem ersten Lesen noch einen Mehrwert bietet. Deshalb habe ich vor ein paar Monaten damit angefangen, Bücher, die ihren Zweck bei mir erfüllt haben, in den Bücherschrank bei mir in der Nähe zu stellen.

Mehr Lesen, weniger Konsumieren

Ich glaube, dass es uns allen gut tun würde, mehr zu lesen – abseits von irgendwelchen flimmernden Screens. Bücher regen unsere Fantasie und unser Gehirn auf eine Art und Weise an, wie es eine Serie oder ein Film niemals könnten. Wer hat nicht diese eine Buchverfilmung, die einen so unglaublich enttäuscht hat, weil sie so anders war als man es sich in seinem Kopf vorgestellt hat? Meine größte Enttäuschung war bisher „The Picture of Dorian Gray“ mit Colin Firth. Ich liebe Colin Firth und ich vergöttere das Buch, aber der Film war absoluter Mist. Ich hätte im Kino am liebsten geheult.

Es ist schade, dass die Magie von Büchern in den letzten Jahren durch den Aufstieg von Social Media und dem digitaln Leben derart in den Hintergrund gerückt ist. Lieber vergraben wir unsere Nasen stundenlang in irgendwelchen Instagram-Feeds, als ein Buch zur Hand zu nehmen. Ja, es ist mehr Arbeit, als sich einfach nur mit irgendwelchem meist sinnlosen Content berieseln zu lassen, aber ich für meinen Teil bekomme dafür auch viel mehr zurück.

Je nachdem, was ich lese und wonach mir der Sinn steht, reise ich in entfernte Länder, lerne etwas neues über mich und die Welt oder schwelge im Glanz vergangener Zeiten. Ich erlebe Abenteuer, verliebe mich unsterblich (natürlich in Mr. Darcy) oder verkrieche mich vor lauter Gruseln bis zur Nase unter meiner Bettdecke. Ich lache, leide und fiebere mit meinen Helden – bis ich mit Entsetzen feststellen muss, dass ich nur noch wenige Seiten vor mir habe. Und das alles in der gleichen Zeit, in der ich sonst gelangweilt durch mein Smartphone gescrollt hätte.

Was ich dieses Jahr alles lese

Um dem Thema wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken, habe ich heute eine neue Seite auf diesem Blog angelegt. Darauf teile ich mit euch, was ich dieses Jahr alles lese. Da ich ein sehr langsamer Leser bin, wird sie nicht jede Woche aktualisiert, aber jedes Mal, wenn ich ein Buch beendet habe, werde ich es dort auflisten. Ein paar Werke stehen dort schon, obwohl ich ein paar schon 2017 angefangen und teilweise über mehrere Monate hinweg gelesen habe. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, gell?

Für Buchempfehlungen bin ich jederzeit zu haben. Also, immer her damit!

Tagträume am Morgen

Tagträume

Ich habe das große Glück, dass meine Wohnung und mein Arbeitsplatz nicht weit voneinander entfernt sind. 10 Minuten zu Fuß zum Bahnhof, dann nochmal 8 Minuten mit der Bahn und 3 Minuten zu Fuß zum Bürogebäude. Wenn alles so ideal läuft, dann brauche ich weniger als eine halbe Stunde von A nach B. Das ist genug räumlicher Abstand zwischen meiner Arbeit und mir, aber nah genug, um nicht zu viel Zeit mit Pendeln zu verschwenden.

Trotzdem habe ich in letzter Zeit immer wieder das Gefühl, dass gerade die Bahnfahrt einfach nicht lang genug sein kann. Das liegt noch nichtmal daran, dass ich keine Lust auf meine Arbeit habe – auch wenn man diese Tage hin und wieder mal hat. Vielmehr ist es so, dass ich in dieser Zeit vollkommen in meiner eigenen Welt versinke.

Meist höre ich auf dem Weg zur Arbeit einen Podcast, oder Musik, bin dann meistens noch nicht bereit für die Interaktion mit anderen Menschen. Ich sitze immer auf demselben Platz und schaue während der Fahrt nach draußen; über die Hintergärten hinweg durch die Fenster der Häuser. Die meisten davon sind Altbauten mit richtig großen Fenstern, sodass man viel von den Wehnungen und Büros sehen kann.

Ich genieße es richtig, das Geschehen zu beobachten und mir vorzustellen, was die Leute hinter den Fenstern machen und wie mein Leben wäre, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Manchmal ist da aber auch eine angenehme Stille in meinem Kopf, die ich so sehr selten erlebe. Alles fließt einfach an mir vorbei  ohne dass ich besonders viel darüber nachdenke. An diesen Morgenden geht die Fahrt besonders schnell.

Noch ehe ich mich versehe, ertönt der Name meiner Station über den Lautsprecher und reißt mich aus meinem Tagtraum. Oft genug frage ich mich dann, was passieren würde, wenn ich einfach sitzen bleiben und weiterfahren würde. Als pflichtbewusster Mensch habe ich das natürlich noch nie gemacht, doch ich muss zugeben, dass die Versuchung hin und wieder sehr groß ist. Sitzen bleiben, weiter träumen und irgendwann wieder ganz entspannt nach Hause fahren.

Doch stattdessen stehe ich auf, verlasse den Zug und gehe zur Arbeit. Und so verbringe ich meinen Tag, immer einen Schritt nach dem nächsten nehmend, damit ich morgens nicht einfach im Bett liegen bleibe und mir die Decke über den Kopf ziehe. Damit ich nicht doch irgendwann einfach mal sitzen bleibe, nur um zu sehen, wo mich meine Reise hin führt. Ein Leben im Autopilot.

Besonders an Tagen, an denen ich mich nicht so fit fühle, sind diese knapp 30 Minuten des Pendelns für mich sehr wichtig. Ich kann mich mental auf das vorbereiten, was an dem Tag auf mich zukommt, ohne dass mich jemand stört oder ich direkt aktiv werden muss. Ich kann jederzeit mit meinen Gedanken abschweifen, wenn ich will. In diesen Minuten ist das auch nichts schlimmes, denn es gibt ja sonst nichts für mich zu tun. Ich kann so viel oder so wenig nachdenken, wie ich will und worüber ich will.

Tagträumen ohne Reue. Ich würde sagen, das ist der Hauptgrund, warum ich meinen Weg zur Arbeit so sehr liebe, warum ich ihn am liebsten wie ein Kaugummi in die Länge ziehen würde. Diese Momente des Leerlaufs sind so wertvoll und so unglaublich wichtig für mich. Doch am Ende geht das Leben immer weiter.

Fernweh und andere Probleme

Fernweh

Mir fällt die Decke auf den Kopf. Zumindest fühlt es sich gerade so an. Seit Tagen schon bin ich rastlos, kann mich auf nichts konzentrieren. Ich fange eine Aufgabe an, nur um eine Minute den Tab für etwas neues am PC zu öffnen. Nichts mag irgendwie wirklich gelingen. Mein Kopf ist gefühlt überall – nur nicht dort, wo er gerade sein soll. Wenn er nicht angewachsen wäre, wäre er mir wohl schon längst von den Schultern gesprungen und davon gerollt.

Er wäre zum nächsten Flughafen und in den nächstmöglichen Flieger gekullert, denn die Wahrheit ist die: Ich habe ganz böses Fernweh. Für dieses Jahr stehen schon zwei große Reisen an, die ich voller Ungeduld erwarte, doch jetzt gerade kann es mir einfach nicht schnell genug gehen. Am liebsten würde ich jetzt meinen Koffer packen und abhauen.

Und weil die eine Reise im März ist und die andere im November, überlege ich natürlich auch, wie ich die Monate dazwischen überbrücken kann. Im Moment bin ich jedenfalls fest davon überzeugt, dass ich wahnsinnig werde, wenn ich sie hier verbringe. Meine neueste, fixe Idee ist ein langes Wochenende alleine in einer Stadt, in der ich noch nie vorher gewesen bin: Barcelona.

Zum einen ist da der Nervenkitzel, weil ich gerne mal alleine reisen würde, es aber noch nie wirklich getan habe. Zum anderen möchte ich mich mal wieder voll und ganz diesem Kulturrausch hingeben. Selbst wenn es nur für ein paar Tage ist. Hauptsache weg, hauptsache schön.

Woher dieser plötzliche Drang zur Flucht kommt, weiß ich nicht. Normalerweise bin ich auch eher der Homebuddy, was schlicht und ergreifend daher kommt, dass ich mein zu Hause liebe, aber ich kriege den Kopf einfach nicht frei. Ständig ist da oben irgendwas los. Und oft sagt man ja, dass ein Tapetenwechsel zwischendurch auch für frischen Wind im Oberstübchen sorgt. Schaden kann es jedenfalls nicht (auch wenn mein Bankkonto mir dann etwas anderes sagen wird).

Selbstfindung im neuen Jahrtausend

Vielleicht ist es aber auch diese romantische Vorstellung, die man schon mal hat, wenn man von Leuten hört, die eine Reise gemacht haben und die scheinbar von der absoluten Erleuchtung den Kopf gestreichelt bekommen haben. Sie berichten von der Klarheit, die sie plötzlich über sich und das Leben haben, dass sie auf einmal wissen, wer sie sind und weshalb sie auf dieser Welt sind. Sie fangen an Bücher zu schreiben, eröffnen ein eigenes Meditationszentrum, oder packen ihren Koffer direkt wieder um auszuwandern.

Das ist natürlich ein etwas überzeichnetes Klischee, und doch gibt es diese Reisen, die etwas mit uns machen. Die etwas in uns verändern und den Funken überspringen lassen, der so lange nicht zünden wollte. Vielleicht warte auch ich auf diesen Moment der Erleuchtung. Diesen Moment, wenn ich in einem Café in einer fernen Stadt sitze und mir ganz klar, aber trotzdem  ganz unaufdringlich bewusst wird, wo ich im Leben hin will und mit einem Mal ist alles in mir ruhig und friedlich.

Was labert die da für einen Hippie-Schmarrn?“ höre ich manche jetzt schon fragen, aber ganz ehrlich? Das ist mir wurscht. Es wäre für mich eine einfache Lösung für ein, wie mir scheint, eigentlich nicht ganz so einfach zu lösendes Problem. Weil es zu tief sitzt. Weil ich mir im Leben noch nicht die richtigen Fragen gestellt habe, oder mich nicht traue sie zu beantworten.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine Reise löst nicht alle Probleme. Aber sie würde mir zumindest dabei helfen, ein wenig Abstand zu gewinnen und für ein paar Tage aus der Achterbahn in meinem Kopf auszusteigen. Allein das würde mir gerade schon extrem helfen.

Immer wieder Sonntags

cozy Sonntag

Der Sonntag ist wieder da – der Tag der Woche, dem ich immer wieder aufs neue mit der größten Ambivalenz gegenüber stehe. Auf der einen Seite ist er Teil des lang ersehnten Wochenendes. Man kann lange schlafen, den ganzen Tag entspannt auf der Couch verbringen und Serien gucken und es sich gut gehen lassen. Manchmal ist er aber auch einfach nur als Erholung vom Samstag bitter nötig. Wie auch immer man den Sonntag nutzt, missen will ihn vermutlich keiner.

Und doch ist da immer dieser eine Wermutstropfen: Es ist der Tag vor dem Montag.

Für einen Mensch wie mich, dem es schwer fällt, im Jetzt zu leben und der stattdessen viel Zeit in der Vergangenheit und der Zukunft verbringt, ist das ein Fluch. Und für mich geht das meistens schon Freitags los: Es mag ein wenig verrückt sein, aber ich denke schon am Freitagabend, dass das Wochenende eigentlich fast vorbei ist, weil ich eigentlich nur den Samstag habe, den ich wirklich unbeschwert verbringen kann (und das eigentlich auch nur mit Einschränkung, weil ich hin und wieder an den Sonntag denke).

Wo ist mein Wochenende?

Am Sonntag bin ich gedanklich schon wieder in der neuen Woche, bei den To-Do’s auf der Arbeit und all den anderen Dingen, die ich ab Montag machen muss. Die Zeit an diesem Tag scheint förmlich zu rennen ohne dass ich sie voll ausschöpfen kann und ehe ich mich versehe, ist es schon wieder Zeit, um ins Bett zu gehen, denn am Montag muss man ja wieder früh aufstehen. Gedanklich habe ich also eigentlich nur einen Tag Wochenende. Dieser Teufelskreis zerschießt mir das ganze Wochenende.

„Sunday Mood“ ist bei mir die meiste Zeit für’n Arsch.

Die Feiertage mit den kurzen Arbeitswochen haben einen natürlich sehr verwöhnt, aber es war schon ein schönes Gefühl diese Woche nur 4 Tage arbeiten zu gehen – obwohl mir diese Woche skurrilerweise genau so lang vorkam, wie eine normale Arbeitswoche. Nur konnte ich das lange Wochenende auch nur beschränkt genießen, weil ich direkt daran denken musste, dass das nächste wieder nur 2 Tage hat und dann auch die Arbeitswochen wieder 5 Tage haben werden.

Lange Rede, kurzer Sinn

Ich habe (bzw. mein Kopf hat) ein riesiges Problem damit, nicht ständig abzuschweifen und einfach nur den Moment oder den Tag zu leben, der gerade ist. Ich kann nicht einfach nur sein. Und dabei gibt es auch noch folgende kleine Gemeinheit: Selbst wenn ich schon heute an die Dinge denke,die ich morgen zu tun habe, kann ich sie noch nicht beeinflussen. Ich kann noch nichts tun. Ich erreiche also absolut gar nichts, wenn ich mir jetzt schon den Kopf zerbreche, außer dass ich mir selber den Tag versaue.

Ich bewundere wirklich Menschen, die diese Denkmaschine einfach mal für die einzigen freien Tage der Woche abstellen können. Die nicht schon im Voraus anfangen, die To-Do-Liste der kommenden Woche im Kopf durchzugrübeln, sondern die Zeit voll ausnutzen, die sie in diesem Moment haben.

Deshalb, obwohl ich eigentlich kein großer Freund von Neujahresvorsätzen bin, möchte ich mir für 2018 gerne vornehmen, mehr im Jetzt zu leben. Ich möchte mich weniger von Dingen beeinflussen lassen, die ich nicht mehr oder noch nicht beeinflussen kann und die deshalb im Grunde nur stören.

Für Tipps, wie man das anstellt, bin ich sehr dankbar, also immer her damit!

 

Ungelebte Leben

Luxus

Man könnte sagen, dass ich zu viel Zeit zum Nachdenken habe, oder aber dass ich einfach zu viel Fernsehen gucke. Ich selbst bin davon überzeugt, dass es eine mehr oder weniger gesunde Mischung aus beidem ist. Die Sache ist aber die: Wenn man mit den Hunden Gassi geht und einem keine Sau entgegen kommt, hat man verdammt viel Zeit zum Nachdenken. Das sind meistens die Minuten des Tages, in denen meine Fantasie regelrecht Amok läuft.

Denn wenn ich so die Straßen der Nachbarschaft meiner Heimatstadt durchstreife, vorbei an Einfamilienhäusern und kaum befahrenen Bahngleisen, dann komme ich immer wieder zu der Erkenntnis, wie unwahrscheinlich es doch ist, dass ich genau zu dem Zeitpunkt und an dem Ort das Licht der Welt erblickt habe, wie ich es nunmal getan habe. Ich hätte auch genau so gut ein Zimmermädchen auf der Titanic sein können. Aber dann wäre mein Leben vermutlich ein sehr kurzes gewesen.

Was wäre wenn…

Das ist natürlich ein totales Hirngespinst, aber wenn ich überlege, wie groß die Welt ist und wie viele Epochen die Menschheit schon durchlebt hat, dann kann ich einfach nicht anders, als mir vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn alles anders gekommen wäre. Was, wenn ich in eine Arbeiterfamilie im späten Preußen geboren worden wäre? Oder in eine amerikanische Kleinstadt in den 1950er Jahren? Die Liste könnte man ewig fortführen.

Besonders heute Mittag ist meine Fantasie in dieser Hinsicht mit mir durchgegangen. Ich habe mir mein Leben als einen Episodenfilm vorgestellt und jede Episode spielte in einem anderen Setting. Die Variabeln wurden dabei ständig ausgetauscht: Mal war meine Familie die gleiche, die ich jetzt habe, mal eine ganz andere. Mal war ich eine Frau, mal ein Mann. Ich war reich und ich war arm.  Ich folgte jeder noch so absurden Spur, einfach um zu sehen, was passiert – ohne direkt zu bewerten, was dabei herumkam (realistisch kann ja jeder).

Ein ganz anderer Mensch

Niemand kann abstreiten, dass unsere Umgebung und die Zeit, in die wir geboren wurden, unseren Charakter und unser Leben prägen. Was für ein Mensch wäre ich geworden, wenn all das anders gewesen wäre? Wie hätte das meine Biographie beeinflusst? Nehmen wir an, ich wäre wirklich in einer kleinen Stadt in den 50ern aufgewachsen – wäre ich dann die Mutter eines Kindes und die Frau eines Mannes, der mir zwar Sicherheit, aber keine Liebe gibt? Oder wäre ich die störrische Tochter, die sich gegen jegliche Konventionen auflehnt und sich damit zum Gespött der ganzen Familie macht?

Wenn es nach mir geht, wäre ich natürlich letzteres geworden, aber was es wirklich gewesen wäre, weiß keiner. Ich weiß jedenfalls nicht, wie ich reagiert hätte, wenn mein Vater zum Beispiel mit meinem künftigen Verlobten zur Tür hereingeschneit wäre und mich vor vollendete Tatsachen gestellt hätte. Ich weiß nicht, ob ich nach einem anfänglichen Wutanfall doch nachgegeben oder meine Sachen gepackt und meine Familie verlassen hätte.

So viel kann ich aber mit ziemlicher Sicherheit sagen: Ich wäre ein sehr schwerer Fall für jede Bräuteschule des Landes gewesen. Am Ende war es aber, ganz plump gesagt, eine Laune meiner Eltern, die mich dorthin gebracht hat, wo ich jetzt bin und damit habe ich eine recht komfortable Variante all der Leben, die ich hätte leben können, erwischt.

Wenn man mal versucht, dieses Szenario einigermaßen realistisch zu betrachten, ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass ich in Nordkorea hätte auf die Welt kommen können, verschwindend gering. Diese Variante wäre zwar zweifellos sehr interessant, aber ob ich dabei wirklich glücklich wäre, sei mal kommentarlos in den Raum gestellt. Abgesehen davon würde wohl jeder Wissenschaftler allein über die Tatsache, dass ich überhaupt darüber nachdenke, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch was soll ich tun? Ich wüsste gerne, wie sie gewesen wären – diese ungelebten Leben.

Es wäre ja auch viel zu einfach, einfach nur das Leben zu nutzen und auszuschöpfen, das einem gegeben wurde, nicht wahr?

Der Weg zur Achtsamkeit

Achtsamkeit

Bei dem Wort „Achtsamkeit“ denken viele an Hippies, die jeden Tag stundenlang meditieren, Bäume umarmen und von der großen Liebe reden, die die ganze Menschheit eint. Lange hielt ich das Geschwafel von Achtsamkeit oder mindfulness, wie es so schön im Englischen heißt, auch nur für esoterisches Hippie-Zeug. Jetzt, wo ich mich etwas länger mit diesem Thema beschäftigt habe, hat sich meine Wahrnehmung jedoch ziemlich gewandelt.

Ganz nüchtern betrachtet, ist Achtsamkeit nichts anderes als ein Bewusstseinszustand, der es einem ermöglicht, das aktuelle Geschehen in einem und um einem herum zu beobachten. Diese innere Wachsamkeit befähigt uns dazu bewusstere Entscheidungen treffen, statt immer nur unseren Impulsen zu folgen. Wir lernen uns selbst besser kennen und entwickeln im besten Fall ein tieferes Verständnis für uns selbst und andere.

Es hat also weniger etwas damit zu tun, immer und überall im Reinen mit sich und der Welt zu sein, sondern vielmehr damit, zu erkennen, wann welche Gefühle in einem aufkommen und sie nicht weg zu schieben. Warum fühle ich mich gerade jetzt so wie ich mich fühle? Wie kann ich am besten darauf reagieren? Es ist eine kontinuierliche Selbstreflexion.

Anstrengend, aber lohnenswert?

Durch Achtsamkeit sind wir zum Beispiel dazu in der Lage, uns nicht wegen jeder Kleinigkeit unnötig direkt aufzuregen. Stattdessen halten wir eine Sekunde inne, betrachten die Situation von außen und können so besser einschätzen, ob es sich wirklich lohnt, unsere Energie auf einen Wutanfall zu verwenden, der meistens sowieso kaum nutzbringend ist. Das ist aber nur der Idealzustand, denn in der Realität sieht es oft etwas anders aus.

Außerdem weiß ich auch, dass sich das irgendwie anstrengend anhört. Besonders die Worte „kontinuierliche Selbstreflexion“ klingen nach einem Haufen Arbeit, die da hinter den Kulissen im Kopf abgehen muss. Und ich muss auch sagen, dass es mir nicht immer leicht fällt – vor allem dann, wenn es darum geht, meinen Ärger in Zaum zu halten. Ich rege mich oft viel zu schnell über Kleinigkeit auf, die es eigentlich nicht wert sind.

In solchen Momenten fängt die Achtsamkeit oft erst dann an, wenn der erste Ärger bereits verraucht ist. Dann erst frage ich mich, warum ich mich so aufgeregt habe und ob mich das wirklich weitergebracht hat (spoiler: die Antwort lautet fast immer Nein). Das mag für viele vielleicht nach der falsche Reihenfolge klingen, um Achtsamkeit zu praktizieren, weil ich dann nicht im Moment bin, doch ich glaube, dass es schon hilft, sich seiner Emotionen und Gedanken überhaupt bewusst zu werden und sie zu hinterfragen – egal wann.

Durch Achtsamkeit schlechte Gewohnheiten durchbrechen

Es gab eine Zeit, da „musste“ ich 5 mal die Woche Sport machen. Andernfalls hatte ich das Gefühl, nichts geschafft zu haben und mich von meinen Zielen zu weit zu entfernen. Wenn ich in einer Woche ein Mal weniger Sport gemacht habe, weil viel los war oder weil ich einfach mal nicht die Energie dafür hatte, habe ich mich schlecht gefühlt. In dieser Zeit war ich zwar zufrieden, weil ich Ergebnisse gesehen habe und für meine Verhältnisse recht fit war, aber ich war unentspannt und habe meine Tage immer um den Sport herum geplant.

Dabei habe ich auch innere Bedürfnisse ignoriert wie Müdigkeit oder einfach die Lust, mich mit Freunden zu treffen, weil es meinen Zeitplan zerschossen hätte. Von Achsamkeit mir selbst und anderen gegenüber konnte da keine Rede sein.

Heute höre ich besser auf mich. Ich versuche immer noch regelmäßig Sport zu machen und mich zu bewegen, aber nicht um jeden Preis. Wenn ich spüre, dass ich erschöpft bin, dann lasse ich es bleiben. Wenn ich mich mit Freunden treffen will, dann mache ich das. Ich fühle mich dann auch nicht mehr so schlecht wie früher, weil ich genau weiß, dass ich meinem Körper einen größeren Gefallen tue, wenn ich ihm hin und wieder etwas Ruhe gönne.

Es ist immer eine Reise

Bei Dingen wie Sport fällt es mir also langsam leichter achtsam zu sein, denn so etwas ist mehr oder weniger planbar. Schwieriger wird es, wenn ich spontan mit Sitationen konfrontiert werde, die mich stören und die bei mir sehr schnell den Impuls auslösen, zu fluchen und mich in Grund und Boden zu ärgern. Selbst wenn ich versuche, die Situation rational zu betrachten und auch einsehe, dass mein Ärger nichts bringt, kann ich ihn in diesem Moment nicht loslassen. Und solche Momente kommen häufig vor.

Ich hoffe wirklich, dass ich irgendwann über diesen Zustand des ständigen sich Ärgerns hinweg komme, aber muss dafür leider einen Schritt nach dem anderen machen. Bei meiner latenten Ungeduld ist das echt nicht einfach. Schummeln gibt es hierbei (leider) nicht, wenn es darum geht, an sich selbst zu arbeiten.

Wie alles im Leben ist also auch Achtsamkeit ein Prozess, beziehungsweise eine Reise, auf die man sich auch erstmal einlassen muss. In meinen Augen ist sie aber absolut nutzbringend und wenn man sich von dem vermeintlichen Hippie-Zeug losreißt.


In diesem Sinne schließe ich mit einem kleinen Appell ab:

Nutze die nächsten Tage, um dein Innenleben bewusster wahrzunehmen. Was fühlst du in bestimmten Momenten? Warum bist du wütend, enttäuscht oder einfach mal glücklich? Und was kannst du daraus für die Zukunft mitnehmen?

Einfach mal im Kreis kotzen

Verkehr

Wer in der Schule Pädagogik hatte, wurde mit Sicherheit auch mit jenem berühmten Ausspruch von Rousseau gequält: „Jeder Mensch ist im Grunde gut.“ die genauen Hintergründe zu diesem Spruch möchte ich an dieser Stelle nicht weiter präzisieren, aber so sehr man sich auch bemüht „gut“ zu sein: Wir alle tragen aggressives Potenzial in uns.

Das wurde mir erst kürzlich wieder bewusst, als ich vor ein paar Tagen eine Freundin nach der Arbeit besuchen wollte. Ich hatte extra meine Pause abgekürzt und früher Feierabend gemacht, damit ich einen früheren Bus zu ihr nehmen konnte. Also ging ich zur Bushaltestelle und wartete. Und wartete. Und wartete. 10 Minuten vergingen, dann 15 und auch nach 20 Minuten war von dem Bus keine Spur zu sehen. Ich spürte, dass ich mit jeder Minute unruhiger wurde und fing an, nervös mit dem Fuß zu wackeln. Meine gesamte Gesichtsmuskulatur spannte sich an und unaufhörlich schwirrte diese Frage in meinem Kopf herum: „Warum kommt dieser verdammte Bus nicht?“

Als nach einer halben Stunde endlich ein Bus kam (es war der Bus nach dem, den ich eigentlich hatte nehmen wollen), hatte ich mich selbst so in Rage gedacht, dass ich mich gar nicht darüber freuen konnte. Ich dachte nur daran, wie viel Zeit ich damit vergeudet hatte, an dieser Bushaltestelle zu stehen und zu warten. In der Zeit hätte ich zum Beispiel schon längst zu Hause sein können – oder eben bei meiner Freundin.

Das Beste aus der Situation machen, ist manchmal zu einfach

Und solche Momente passieren einem immer wieder. Momente, in denen wir oft keinen Einfluss auf unsere Umwelt nehmen können und uns nichts anderes übrig bleibt als zu reagieren. Diese Machtlosigkeit macht mich jedes Mal rasend. Ich versuche mir dann einzureden, dass es nichts bringt, mich aufzuregen, weil es nichts an der Situation ändert, aber ich kann diese Wut nicht unterdrücken.

Doch da liegt oftmals der springende Punkt: Es ist vollkommen legitim, sich im ersten Moment zu ärgern. Wenn einem etwas widerfährt, das einem nicht gefällt, muss man es nicht weglachen, weil man „ja sowieso nichts ändern kann“. Viel entscheidender ist das, was unmittelbar danach passiert. Als ich nämlich geschlagene 30 Minuten an dieser Bushaltestelle stand, hatte ich die ganze Zeit über ein Buch in meiner Tasche. Ich hätte diese Zeit nutzen und mindestens ein Kapitel darin lesen können. Oder ich hätte mir mindestens eine Folge von einem informativen Podcast anhören können.

Stattdessen habe ich alle zwei Minuten auf mein Handy geschaut und mich mit meiner Wut weiter hoch geschaukelt. Was ich davon hatte? Natürlich nichts. Es ist dumm, wenn man solche Momente rückblickend nochmal betrachtet. Wenn eine Bahn 5 oder 10 Minuten Verspätung hat, ist das erstmal ärgerlich, aber welche weitreichenden Folgen hat das in der Regel, wenn man keinen wichtigen Termin hat? Meistens keine. Wir sind dann vielleicht 10 Minuten später zu Hause und das war’s. Kein Drama.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Nur sagt sich das immer so leicht, wenn man nicht gerade in dieser Situation steckt. Ich kann jetzt vollkommen abgeklärt sagen, wie wenig Bedeutung die Dinge haben, die uns widerfahren und dass es viel wichtiger ist, wie wir darauf reagieren, aber sobald mein nächster Zug 10 Minuten Verspätung hat, werde ich wieder da stehen und ein Gesicht wie 10 Tage Regenwetter ziehen.

Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass diese Wut den ganzen Tag unterschwellig in mir brodelt und nur darauf wartet, einen Anlass dafür zu finden, um auszubrechen. Dabei kann es sich um die banalsten Dinge handeln: Ich bekomme eine Flasche nicht auf, ich sterbe immer wieder an derselben Stelle in einem Videospiel, Autofahren im allgemeinen und auf der Autobahn im speziellen, weil einfach jeder seinen Führerschein im Lotto gewonnen zu haben scheint.

Sobald ein unerwarteter Störfaktor auftaucht, gehen sämtliche Alarmglocken los. Wenn man Zeit hat, um sich auf ein Problem oder eine schwere Aufgabe vorzubereiten, ist es oftmals weniger schlimm, als mit einer kleinen Lappalie konfrontiert zu werden, die einen dafür eiskalt erwischt.

Das „Wie“ ist wichtiger als das „Was“

Insgesamt betrachtet glaube ich tatsächlich daran, dass das „Wie“ wichtiger ist, als das „Was“. Was um uns herum passiert, können wir oft nicht steuern, aber wir könnnen steuern, wie wir reagieren (nachdem der erste Unmut verflogen ist). Dass ich in der Hinsicht noch einen weiten Weg vor mir habe, ist mehr als offensichtlich, aber wie sagt man so schön? Das Leben ist eine Reise. Und wenn man mein Leben nach diesem Kriterium bewerten würde, würde diese Reise wohl nie zuende gehen.

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