Ungelebte Leben

Luxus

Man könnte sagen, dass ich zu viel Zeit zum Nachdenken habe, oder aber dass ich einfach zu viel Fernsehen gucke. Ich selbst bin davon überzeugt, dass es eine mehr oder weniger gesunde Mischung aus beidem ist. Die Sache ist aber die: Wenn man mit den Hunden Gassi geht und einem keine Sau entgegen kommt, hat man verdammt viel Zeit zum Nachdenken. Das sind meistens die Minuten des Tages, in denen meine Fantasie regelrecht Amok läuft.

Denn wenn ich so die Straßen der Nachbarschaft meiner Heimatstadt durchstreife, vorbei an Einfamilienhäusern und kaum befahrenen Bahngleisen, dann komme ich immer wieder zu der Erkenntnis, wie unwahrscheinlich es doch ist, dass ich genau zu dem Zeitpunkt und an dem Ort das Licht der Welt erblickt habe, wie ich es nunmal getan habe. Ich hätte auch genau so gut ein Zimmermädchen auf der Titanic sein können. Aber dann wäre mein Leben vermutlich ein sehr kurzes gewesen.

Was wäre wenn…

Das ist natürlich ein totales Hirngespinst, aber wenn ich überlege, wie groß die Welt ist und wie viele Epochen die Menschheit schon durchlebt hat, dann kann ich einfach nicht anders, als mir vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn alles anders gekommen wäre. Was, wenn ich in eine Arbeiterfamilie im späten Preußen geboren worden wäre? Oder in eine amerikanische Kleinstadt in den 1950er Jahren? Die Liste könnte man ewig fortführen.

Besonders heute Mittag ist meine Fantasie in dieser Hinsicht mit mir durchgegangen. Ich habe mir mein Leben als einen Episodenfilm vorgestellt und jede Episode spielte in einem anderen Setting. Die Variabeln wurden dabei ständig ausgetauscht: Mal war meine Familie die gleiche, die ich jetzt habe, mal eine ganz andere. Mal war ich eine Frau, mal ein Mann. Ich war reich und ich war arm.  Ich folgte jeder noch so absurden Spur, einfach um zu sehen, was passiert – ohne direkt zu bewerten, was dabei herumkam (realistisch kann ja jeder).

Ein ganz anderer Mensch

Niemand kann abstreiten, dass unsere Umgebung und die Zeit, in die wir geboren wurden, unseren Charakter und unser Leben prägen. Was für ein Mensch wäre ich geworden, wenn all das anders gewesen wäre? Wie hätte das meine Biographie beeinflusst? Nehmen wir an, ich wäre wirklich in einer kleinen Stadt in den 50ern aufgewachsen – wäre ich dann die Mutter eines Kindes und die Frau eines Mannes, der mir zwar Sicherheit, aber keine Liebe gibt? Oder wäre ich die störrische Tochter, die sich gegen jegliche Konventionen auflehnt und sich damit zum Gespött der ganzen Familie macht?

Wenn es nach mir geht, wäre ich natürlich letzteres geworden, aber was es wirklich gewesen wäre, weiß keiner. Ich weiß jedenfalls nicht, wie ich reagiert hätte, wenn mein Vater zum Beispiel mit meinem künftigen Verlobten zur Tür hereingeschneit wäre und mich vor vollendete Tatsachen gestellt hätte. Ich weiß nicht, ob ich nach einem anfänglichen Wutanfall doch nachgegeben oder meine Sachen gepackt und meine Familie verlassen hätte.

So viel kann ich aber mit ziemlicher Sicherheit sagen: Ich wäre ein sehr schwerer Fall für jede Bräuteschule des Landes gewesen. Am Ende war es aber, ganz plump gesagt, eine Laune meiner Eltern, die mich dorthin gebracht hat, wo ich jetzt bin und damit habe ich eine recht komfortable Variante all der Leben, die ich hätte leben können, erwischt.

Wenn man mal versucht, dieses Szenario einigermaßen realistisch zu betrachten, ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass ich in Nordkorea hätte auf die Welt kommen können, verschwindend gering. Diese Variante wäre zwar zweifellos sehr interessant, aber ob ich dabei wirklich glücklich wäre, sei mal kommentarlos in den Raum gestellt. Abgesehen davon würde wohl jeder Wissenschaftler allein über die Tatsache, dass ich überhaupt darüber nachdenke, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch was soll ich tun? Ich wüsste gerne, wie sie gewesen wären – diese ungelebten Leben.

Es wäre ja auch viel zu einfach, einfach nur das Leben zu nutzen und auszuschöpfen, das einem gegeben wurde, nicht wahr?

Der Weg zur Achtsamkeit

Achtsamkeit

Bei dem Wort „Achtsamkeit“ denken viele an Hippies, die jeden Tag stundenlang meditieren, Bäume umarmen und von der großen Liebe reden, die die ganze Menschheit eint. Lange hielt ich das Geschwafel von Achtsamkeit oder mindfulness, wie es so schön im Englischen heißt, auch nur für esoterisches Hippie-Zeug. Jetzt, wo ich mich etwas länger mit diesem Thema beschäftigt habe, hat sich meine Wahrnehmung jedoch ziemlich gewandelt.

Ganz nüchtern betrachtet, ist Achtsamkeit nichts anderes als ein Bewusstseinszustand, der es einem ermöglicht, das aktuelle Geschehen in einem und um einem herum zu beobachten. Diese innere Wachsamkeit befähigt uns dazu bewusstere Entscheidungen treffen, statt immer nur unseren Impulsen zu folgen. Wir lernen uns selbst besser kennen und entwickeln im besten Fall ein tieferes Verständnis für uns selbst und andere.

Es hat also weniger etwas damit zu tun, immer und überall im Reinen mit sich und der Welt zu sein, sondern vielmehr damit, zu erkennen, wann welche Gefühle in einem aufkommen und sie nicht weg zu schieben. Warum fühle ich mich gerade jetzt so wie ich mich fühle? Wie kann ich am besten darauf reagieren? Es ist eine kontinuierliche Selbstreflexion.

Anstrengend, aber lohnenswert?

Durch Achtsamkeit sind wir zum Beispiel dazu in der Lage, uns nicht wegen jeder Kleinigkeit unnötig direkt aufzuregen. Stattdessen halten wir eine Sekunde inne, betrachten die Situation von außen und können so besser einschätzen, ob es sich wirklich lohnt, unsere Energie auf einen Wutanfall zu verwenden, der meistens sowieso kaum nutzbringend ist. Das ist aber nur der Idealzustand, denn in der Realität sieht es oft etwas anders aus.

Außerdem weiß ich auch, dass sich das irgendwie anstrengend anhört. Besonders die Worte „kontinuierliche Selbstreflexion“ klingen nach einem Haufen Arbeit, die da hinter den Kulissen im Kopf abgehen muss. Und ich muss auch sagen, dass es mir nicht immer leicht fällt – vor allem dann, wenn es darum geht, meinen Ärger in Zaum zu halten. Ich rege mich oft viel zu schnell über Kleinigkeit auf, die es eigentlich nicht wert sind.

In solchen Momenten fängt die Achtsamkeit oft erst dann an, wenn der erste Ärger bereits verraucht ist. Dann erst frage ich mich, warum ich mich so aufgeregt habe und ob mich das wirklich weitergebracht hat (spoiler: die Antwort lautet fast immer Nein). Das mag für viele vielleicht nach der falsche Reihenfolge klingen, um Achtsamkeit zu praktizieren, weil ich dann nicht im Moment bin, doch ich glaube, dass es schon hilft, sich seiner Emotionen und Gedanken überhaupt bewusst zu werden und sie zu hinterfragen – egal wann.

Durch Achtsamkeit schlechte Gewohnheiten durchbrechen

Es gab eine Zeit, da „musste“ ich 5 mal die Woche Sport machen. Andernfalls hatte ich das Gefühl, nichts geschafft zu haben und mich von meinen Zielen zu weit zu entfernen. Wenn ich in einer Woche ein Mal weniger Sport gemacht habe, weil viel los war oder weil ich einfach mal nicht die Energie dafür hatte, habe ich mich schlecht gefühlt. In dieser Zeit war ich zwar zufrieden, weil ich Ergebnisse gesehen habe und für meine Verhältnisse recht fit war, aber ich war unentspannt und habe meine Tage immer um den Sport herum geplant.

Dabei habe ich auch innere Bedürfnisse ignoriert wie Müdigkeit oder einfach die Lust, mich mit Freunden zu treffen, weil es meinen Zeitplan zerschossen hätte. Von Achsamkeit mir selbst und anderen gegenüber konnte da keine Rede sein.

Heute höre ich besser auf mich. Ich versuche immer noch regelmäßig Sport zu machen und mich zu bewegen, aber nicht um jeden Preis. Wenn ich spüre, dass ich erschöpft bin, dann lasse ich es bleiben. Wenn ich mich mit Freunden treffen will, dann mache ich das. Ich fühle mich dann auch nicht mehr so schlecht wie früher, weil ich genau weiß, dass ich meinem Körper einen größeren Gefallen tue, wenn ich ihm hin und wieder etwas Ruhe gönne.

Es ist immer eine Reise

Bei Dingen wie Sport fällt es mir also langsam leichter achtsam zu sein, denn so etwas ist mehr oder weniger planbar. Schwieriger wird es, wenn ich spontan mit Sitationen konfrontiert werde, die mich stören und die bei mir sehr schnell den Impuls auslösen, zu fluchen und mich in Grund und Boden zu ärgern. Selbst wenn ich versuche, die Situation rational zu betrachten und auch einsehe, dass mein Ärger nichts bringt, kann ich ihn in diesem Moment nicht loslassen. Und solche Momente kommen häufig vor.

Ich hoffe wirklich, dass ich irgendwann über diesen Zustand des ständigen sich Ärgerns hinweg komme, aber muss dafür leider einen Schritt nach dem anderen machen. Bei meiner latenten Ungeduld ist das echt nicht einfach. Schummeln gibt es hierbei (leider) nicht, wenn es darum geht, an sich selbst zu arbeiten.

Wie alles im Leben ist also auch Achtsamkeit ein Prozess, beziehungsweise eine Reise, auf die man sich auch erstmal einlassen muss. In meinen Augen ist sie aber absolut nutzbringend und wenn man sich von dem vermeintlichen Hippie-Zeug losreißt.


In diesem Sinne schließe ich mit einem kleinen Appell ab:

Nutze die nächsten Tage, um dein Innenleben bewusster wahrzunehmen. Was fühlst du in bestimmten Momenten? Warum bist du wütend, enttäuscht oder einfach mal glücklich? Und was kannst du daraus für die Zukunft mitnehmen?

Einfach mal im Kreis kotzen

Verkehr

Wer in der Schule Pädagogik hatte, wurde mit Sicherheit auch mit jenem berühmten Ausspruch von Rousseau gequält: „Jeder Mensch ist im Grunde gut.“ die genauen Hintergründe zu diesem Spruch möchte ich an dieser Stelle nicht weiter präzisieren, aber so sehr man sich auch bemüht „gut“ zu sein: Wir alle tragen aggressives Potenzial in uns.

Das wurde mir erst kürzlich wieder bewusst, als ich vor ein paar Tagen eine Freundin nach der Arbeit besuchen wollte. Ich hatte extra meine Pause abgekürzt und früher Feierabend gemacht, damit ich einen früheren Bus zu ihr nehmen konnte. Also ging ich zur Bushaltestelle und wartete. Und wartete. Und wartete. 10 Minuten vergingen, dann 15 und auch nach 20 Minuten war von dem Bus keine Spur zu sehen. Ich spürte, dass ich mit jeder Minute unruhiger wurde und fing an, nervös mit dem Fuß zu wackeln. Meine gesamte Gesichtsmuskulatur spannte sich an und unaufhörlich schwirrte diese Frage in meinem Kopf herum: „Warum kommt dieser verdammte Bus nicht?“

Als nach einer halben Stunde endlich ein Bus kam (es war der Bus nach dem, den ich eigentlich hatte nehmen wollen), hatte ich mich selbst so in Rage gedacht, dass ich mich gar nicht darüber freuen konnte. Ich dachte nur daran, wie viel Zeit ich damit vergeudet hatte, an dieser Bushaltestelle zu stehen und zu warten. In der Zeit hätte ich zum Beispiel schon längst zu Hause sein können – oder eben bei meiner Freundin.

Das Beste aus der Situation machen, ist manchmal zu einfach

Und solche Momente passieren einem immer wieder. Momente, in denen wir oft keinen Einfluss auf unsere Umwelt nehmen können und uns nichts anderes übrig bleibt als zu reagieren. Diese Machtlosigkeit macht mich jedes Mal rasend. Ich versuche mir dann einzureden, dass es nichts bringt, mich aufzuregen, weil es nichts an der Situation ändert, aber ich kann diese Wut nicht unterdrücken.

Doch da liegt oftmals der springende Punkt: Es ist vollkommen legitim, sich im ersten Moment zu ärgern. Wenn einem etwas widerfährt, das einem nicht gefällt, muss man es nicht weglachen, weil man „ja sowieso nichts ändern kann“. Viel entscheidender ist das, was unmittelbar danach passiert. Als ich nämlich geschlagene 30 Minuten an dieser Bushaltestelle stand, hatte ich die ganze Zeit über ein Buch in meiner Tasche. Ich hätte diese Zeit nutzen und mindestens ein Kapitel darin lesen können. Oder ich hätte mir mindestens eine Folge von einem informativen Podcast anhören können.

Stattdessen habe ich alle zwei Minuten auf mein Handy geschaut und mich mit meiner Wut weiter hoch geschaukelt. Was ich davon hatte? Natürlich nichts. Es ist dumm, wenn man solche Momente rückblickend nochmal betrachtet. Wenn eine Bahn 5 oder 10 Minuten Verspätung hat, ist das erstmal ärgerlich, aber welche weitreichenden Folgen hat das in der Regel, wenn man keinen wichtigen Termin hat? Meistens keine. Wir sind dann vielleicht 10 Minuten später zu Hause und das war’s. Kein Drama.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Nur sagt sich das immer so leicht, wenn man nicht gerade in dieser Situation steckt. Ich kann jetzt vollkommen abgeklärt sagen, wie wenig Bedeutung die Dinge haben, die uns widerfahren und dass es viel wichtiger ist, wie wir darauf reagieren, aber sobald mein nächster Zug 10 Minuten Verspätung hat, werde ich wieder da stehen und ein Gesicht wie 10 Tage Regenwetter ziehen.

Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass diese Wut den ganzen Tag unterschwellig in mir brodelt und nur darauf wartet, einen Anlass dafür zu finden, um auszubrechen. Dabei kann es sich um die banalsten Dinge handeln: Ich bekomme eine Flasche nicht auf, ich sterbe immer wieder an derselben Stelle in einem Videospiel, Autofahren im allgemeinen und auf der Autobahn im speziellen, weil einfach jeder seinen Führerschein im Lotto gewonnen zu haben scheint.

Sobald ein unerwarteter Störfaktor auftaucht, gehen sämtliche Alarmglocken los. Wenn man Zeit hat, um sich auf ein Problem oder eine schwere Aufgabe vorzubereiten, ist es oftmals weniger schlimm, als mit einer kleinen Lappalie konfrontiert zu werden, die einen dafür eiskalt erwischt.

Das „Wie“ ist wichtiger als das „Was“

Insgesamt betrachtet glaube ich tatsächlich daran, dass das „Wie“ wichtiger ist, als das „Was“. Was um uns herum passiert, können wir oft nicht steuern, aber wir könnnen steuern, wie wir reagieren (nachdem der erste Unmut verflogen ist). Dass ich in der Hinsicht noch einen weiten Weg vor mir habe, ist mehr als offensichtlich, aber wie sagt man so schön? Das Leben ist eine Reise. Und wenn man mein Leben nach diesem Kriterium bewerten würde, würde diese Reise wohl nie zuende gehen.

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Eine subtile Großstadt-Romantik

GroßstadtManchmal träume ich davon, wie ich einen Raum betrete. Es kann ein Club sein oder eine private Party. Der Raum ist nur schwach beleuchtet – für die Stimmung natürlich. Überall sind Menschen. Sie lachen, tanzen und unterhalten sich. Es ist laut und die Luft ein wenig schwül.

Ich lasse den Blick kurz über das Geschehen schweifen, auf der Suche nach bekannten Gesichtern. Und dann sehe ich ihn. Wir schauen einander an und müssen lächeln. Dabei kennen wir uns nicht einmal. Das ist er, dieser magische Moment. Langsam bahne ich mir einen Weg durch die Menge. Um mich herum sind Menschen, die einander schon gefunden haben – in Gespräche vertieft, oder sogar noch mehr. Er kommt mir entgegen bis wir einander direkt gegenüber stehen. Noch ein verlegenes Grinsen… und dann?

Es ist eine Szene wie aus einem typischen, urbanen Hollywood-Märchen. Eines dieser belanglosen Filmchen, die man sich hin und wieder auf Netflix anschaut, weil man nichts besseres zu tun hat. Also eigentlich weder besonders realistisch, noch etwas, das man als Film in den meisten Fällen wirklich ernst nehmen würde.

Und obwohl ich mir solche Filme gerne mal ansehe, würde ich mich privat im Leben nicht als besonders romantischen Menschen bezeichnen. Ich liebe Romantik bei anderen Menschen – oder halt im Film – aber nicht in meinem eigenen Leben. Keine selbst geschriebenen Gedichte und auch bitte keine kitschigen, öffentlichen Heiratsanträge.

Trotzdem ist da dieses „Mädchen-Mädchen“ in mir, das sich hin und wieder diesen Anflug plötzlicher, urbaner Romantik wünscht. DWie dieses sofortige Gefühl der engen Verbundenheit mit einem Fremden und das Wissen, dass diese andere Person etwas Besonderes sein könnte. Dabei denke ich noch nicht mal daran, in dieser Person die Liebe meines Lebens zu finden. Es geht nur um den Moment an sich. Ich stelle mir dann eher vor, dass schon ohne viele Worte dieses warme Kribbeln im Bauch aufkommt. Man versteht sich; man ist sich auf Anhieb sympathisch.

Vielleicht verbringt man die Nacht zusammen (auf welche Art auch immer). Vielleicht verabredet man sich aber auch erst für den nächsten Tag und geht mit dem Gefühl ins Bett, dass man gerne die ganze Welt umarmen möchte. Es gibt noch keine Verbindlichkeiten oder großen Visionen. Ein bisschen von dieser subtilen Romantik ist für mich das bisschen Medizin, das diese Welt ab und an braucht.

Im Gegensatz zu den ganzen Hollywood-Schmonzetten, die immer wieder die Kinos fluten, geht es hierbei nicht um das endgültige Happy End und das Einlaufen in den Hafen der Ehe. Es geht um kleine Momente, in denen die Luft anfängt zu knistern. Man vergisst alles um einen herum, lebt für kurze Zeit in dieser Blase, in der alles leicht, schön und aufregend ist.

Ich will kein Eigenheim mit Mann und Kind. Ich will nur ein bisschen von dieser flüchtigen Großstadt-Romantik, die einen überall und jederzeit ereilen kann. Ohne Verpflichtungen. Ohne Stress. Nur ein kurzes Auflodern der Gefühle, das dann langsam in der Nacht verglimmt.

Jane Austen – aber als Hippie im Petticoat

Nostalgie2Wer in unserer Zeit hier in Deutschland lebt, kann sich eigentlich kaum beschweren. Ich kann es jedenfalls nicht. Ich habe einen tollen Job mit einem gesicherten Einkommen und einer Krankenversicherung. Ich darf wählen, obwohl ich eine Frau bin. Und ich darf (fast immer) anziehen, was ich will.

Freiheiten wie diese, waren vor vielen Jahren nicht selbstverständlich. Noch vor ein paar Jahrzehnten mussten Frauen ihre Männer fragen, ob sie arbeiten gehen dürfen. Saß eine Frau in der Auto-Nation Deutschland dann auch noch hinter dem Steuer, wurde erst recht die Nase gerümpft. Wirklich viel entscheiden, durfte man damals ohnehin nicht. Wenn der Sohn vom Bauer Humpe nebenan aus Sicht der Eltern eine vielversprechende Partie abgab, dann wurde der halt geheiratet.

„Früher“ oder „damals“ war nicht immer alles besser. Ich wage sogar zu behaupten, dass wir, trotz all es Wahnsinns um uns herum, noch eine Menge Glück haben. Dennoch trifft sie viele von uns immer wieder: diese Nostalgie für längst vergangene Zeiten. Und damit meine ich nicht unbedingt die 80er oder 90er, die auf sämtlichen Parties abgefeiert werden. Die Zeiten von denen ich spreche, haben wir in der Regel nicht mal selbst miterlebt.

Wahrscheinlich faszinieren sie uns gerade deshalb. Wie oft hast du dich schon gefragt: „Was wäre, wenn ich zu dieser Zeit gelebt hätte?

Oder bin ich einfach nur komisch? Denn ich für meinen Teil stelle mir diese Frage sehr häufig – und kann mich dabei nie für eine Epoche entscheiden. Mal will ich im Puffärmel-Kleidchen auf feinen Gesellschaften nach dem perfekten Mr. Darcy suchen. Mal will ich den ganzen Wahnsinn der Werbeagenturen auf der New Yorker Madison Avenue der 60er-Jahre miterleben. Oder ich träume davon, eine echte Sommerfrische im Stil der 20er mitzuerleben.

Natürlich sind das alles nur idealisierte Träumereien. Es sind Wunschvorstellungen, die nichts mit der damaligen Realität gemein haben. Denn die war mit Sicherheit für die meisten Menschen um einiges härter, als man es sich heute vorstellt. Die Regency-Ära war kein einziges Happy End, wie ein Jane-Austen-Roman. Und Versailles bestand nicht nur aus rauschenden Festen.

So fernab diese Gedankenspiele auch sein mögen, so glaube ich trotzdem, dass sie mir gut tun. Sie regen meine Fantasie an und bieten mir eine Möglichkeit, den Alltag hinter mir zu lassen. Gleichzeitig verleiten sie mich oft dazu, mich mehr über diese Epochen zu informieren. Um eben nicht nur in meiner Traumwelt festzustecken.

Ich bin froh darüber, dass es heutzutage genug Mittel und Wege gibt, diese Nostalgie auszuleben. In meiner Wohnung findet sich das eine oder andere kleine Flohmarktstück, das eine eigene Geschichte erzählt. In meiner DVD-Sammlung stehen Kostümschinken neben waschechten Hollywood-Klassikern aus den 50ern. Und Oscar Wilde teilt sich mein Bücherregal mit Biographien über Madame de Pompadour.

Viele können damit nichts anfangen. Für die ist Geschichte sowieso dröge und langweilig und dem alten Kram können sie einfach nichts abgewinnen. Für mich ist es eine Art, meinem Leben mehr Würze zu verleihen. Es ist wie die Prise Zimt, die aus einer einfachen, heißen Schokolade, eine richtig leckere, heiße Schokolade macht.

Und so sehr ich unsere heutige Zeit mit all ihren Annehmlichkeiten liebe, so zu 100% habe ich noch nie zu ihr gehört. Dafür hat die Vergangenheit einfach zu viel zu bieten. Da wäre ich gerne mal Jane Austen – aber bitte als Hippie und im Petticoat.

Und du so?

Nostalgischer Träumer oder eher ein Kind der Moderne?

Nostalgie für das Unbekannte

noastalgie

„No loss is felt more keenly than the loss of what might have been. No nostalgia hurts as much as nostalgia for things that never existed.“

Rabih Alameddine, an unnecessary woman

Wie oft stellen wir uns Szenen aus unserem Leben vor, die eigentlich nie passiert sind? Dieser eine perfekte Tag, oder diese eine perfekte Nacht, wo einfach alles passt. Manchmal sind es aber auch nur ganz kurze, aber prägnante Momente. Von manchen Szenen haben wir eine sehr klare Vorstellung: wir kennen den Ort, den Zeitpunkt, können sogar die Leute beim Namen nennen, die mit dabei waren. Und doch ist es nie passiert.  Wir haben lediglich das Drehbuch dafür verfasst.

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