Geduld ist eine B*tch – oder bin ich es?

Geduld

Als ich vor 2 Jahren mit meiner Mutter in Schottland unterwegs war, sind wir eines Abends in einem kleinen, gemütlichen Pub in Edinburgh abgestiegen. Zufälligerweise fand dort an diesem Abend auch ein Pub-Quiz statt, für das wir uns spaßeshalber als „The Germans“ eintrugen. Es sollte eine lustige, kleine Sache werden. Wir hatten uns auch nicht auf die Fahne geschrieben, zu gewinnen. Wir ahnten schon, dass wir gegen die ganzen „native speakers“ kaum eine Chance hatten.  Trotzdem entwickelte ich sehr schnell einen äußerst ungesunden Ehrgeiz. Statt zwischendurch meiner Mutter die Fragen und Vokabeln zu übersetzen, wenn sie etwas nicht verstand, liefen die Synapsen in meinem Gehirt sofort auf Hochtouren, auf der Suche nach der richtigen Antwort. Zeit ist schließlich Geld!

Am Ende seufzte ich bei jeder Frage meiner Mutter theatralisch auf und winkte dann mit einem hastigen „Ich kann grad‘ nicht!“ ab. Am Ende wurden wir, wer hätte es gedacht, die Letzten und dampften mit unserem Trostpreis ab.

Eine kleine Lehrstunde

Diese kurze Episode verrät eine ganze Menge über mich:

  1. 1. Ich bin ein verdammt schlechter Verlierer (und deshalb vollkommen ungeeignet für „lustige“ Gesellschaftsspiele)
  2. 2. Ich habe ein hohes Aggressionspotenzial – besonders, wenn ich gestresst bin und das Gefühl habe, dass etwas auf dem Spiel steht
  3. 3. Ich bin wahnsinnig ungeduldig

Von all diesen vermeintlich liebenswerten Eigenarten möchte ich heute auf die dritte eingehen. Eines direkt vorweg: Geduld hatte ich eigentlich nie. Dass ich früher nie Nachhilfeunterricht gegeben habe, um mein Taschengeld aufzubessern, führe ich vor allem darauf zurück, dass ich es hasse, Leuten Dinge zig Mal hintereinander erklären zu müssen. Ich hasse es, mein Tempo zu verlangsamen, um es anderen leichter zu machen, weil es mich gefühlsmäßig ja auch zurückhält.

In der Zeit, die ich dafür aufwenden muss, um anderen zu erklären wie die Dinge gehen, habe ich es selbst schon längst drei Mal selber gemacht – und dann ist es aber auch so, wie ich es will. Natürlich weiß ich mittlerweile, dass ich, vor allem im Job, bestimmte Tätigkeiten delegieren muss. Ich weiß auch, dass ich am Ende Zeit spare, wenn ich mir am Anfang die Zeit zum erklären nehme, aber das ist nicht immer so einfach.

Die Wohnungssuche – eine Geduldsprobe par excellence

Dabei müsste mich der Bonner Wohnungsmarkt mittlerweile ausreichend Geduld für ein ganzes Leben gelehrt haben. Eigentlich wollte ich im Laufe des letzten Jahres schon längst in eine größere Wohnung gezogen sein. Jetzt ist es schon 2018 und ich sitze immernoch in meiner Studentenbutze, weil ich einfach nichts finde, das meinen Wünschen entspricht und das ich mir leisten kann. Denn seien wir mal ehrlich: Umziehen macht keinen Spaß und wenn ich mir die Arbeit mache, dann wenigstens, weil ich weiß, dass ich langfristig in der neuen Wohnung bleibe.

Mittlerweile bin ich aber, was die Wohnungssuche angeht, recht entspannt geworden. Je länger ich in meiner alten Wohung bleibe, desto mehr Geld kann ich sparen. Und solange mir nicht der Putz auf die Rübe bröckelt, habe ich eigentlich auch keine Eile. Ist schließlich im Grunde ganz nett hier (mit knapp über 30m² nur alles etwas beengt).

Inwieweit ist Geduld lernbar?

Nur warum kann ich diese Gelassenheit nicht auch auf andere Lebensbereiche übertragen? Warum fällt mir das Warten, Ausharren und einfach mal Zeit nehmen so schwer? Ich schaffe es meistens ja nicht mal, mehr als 20 Seiten am Stück in einem Buch zu lesen. Dabei steht „mehr Geduld“ in meinem Streben nach mehr Balance und Achtsamkeit ganz oben auf meiner To-Do-Liste.

Mehr Geduld mit mir selbst, mit anderen und mit der Umwelt. Alles immer nur mit der Brechstange oder einem Bulldozer lösen zu wollen, ist definitiv nicht der langfristig beste Weg. Und wer weiß? Hätte ich mir bei dem Pub-Quiz den einen oder anderen Moment genommen, um mit meiner Mutter zu reden, vielleicht wären wir dann nicht auf dem letzten Platz gelandet.

Ich glaube schon, dass diese Ungeduld eine tief in mir verankerte Charaktereigenschaft ist. Immerhin habe ich mir viele Jahre nicht gerade Mühe gemacht, etwas daran zu ändern, aber ich bin dennoch davon überzeugt, dass das kein Dauerzustand sein muss. Ich mag vielleicht nicht direkt dazu in der Lage sein, die Ungeduld selbst zu bekämpfen, aber es sollte doch möglich sein, zumindest anders mit ihr umzugehen. Damit ich mir und anderen gegenüber nicht so eine verdammte Bitch sein muss, wenn sie wieder zuschlägt.

Der Weg zur Achtsamkeit

Achtsamkeit

Bei dem Wort „Achtsamkeit“ denken viele an Hippies, die jeden Tag stundenlang meditieren, Bäume umarmen und von der großen Liebe reden, die die ganze Menschheit eint. Lange hielt ich das Geschwafel von Achtsamkeit oder mindfulness, wie es so schön im Englischen heißt, auch nur für esoterisches Hippie-Zeug. Jetzt, wo ich mich etwas länger mit diesem Thema beschäftigt habe, hat sich meine Wahrnehmung jedoch ziemlich gewandelt.

Ganz nüchtern betrachtet, ist Achtsamkeit nichts anderes als ein Bewusstseinszustand, der es einem ermöglicht, das aktuelle Geschehen in einem und um einem herum zu beobachten. Diese innere Wachsamkeit befähigt uns dazu bewusstere Entscheidungen treffen, statt immer nur unseren Impulsen zu folgen. Wir lernen uns selbst besser kennen und entwickeln im besten Fall ein tieferes Verständnis für uns selbst und andere.

Es hat also weniger etwas damit zu tun, immer und überall im Reinen mit sich und der Welt zu sein, sondern vielmehr damit, zu erkennen, wann welche Gefühle in einem aufkommen und sie nicht weg zu schieben. Warum fühle ich mich gerade jetzt so wie ich mich fühle? Wie kann ich am besten darauf reagieren? Es ist eine kontinuierliche Selbstreflexion.

Anstrengend, aber lohnenswert?

Durch Achtsamkeit sind wir zum Beispiel dazu in der Lage, uns nicht wegen jeder Kleinigkeit unnötig direkt aufzuregen. Stattdessen halten wir eine Sekunde inne, betrachten die Situation von außen und können so besser einschätzen, ob es sich wirklich lohnt, unsere Energie auf einen Wutanfall zu verwenden, der meistens sowieso kaum nutzbringend ist. Das ist aber nur der Idealzustand, denn in der Realität sieht es oft etwas anders aus.

Außerdem weiß ich auch, dass sich das irgendwie anstrengend anhört. Besonders die Worte „kontinuierliche Selbstreflexion“ klingen nach einem Haufen Arbeit, die da hinter den Kulissen im Kopf abgehen muss. Und ich muss auch sagen, dass es mir nicht immer leicht fällt – vor allem dann, wenn es darum geht, meinen Ärger in Zaum zu halten. Ich rege mich oft viel zu schnell über Kleinigkeit auf, die es eigentlich nicht wert sind.

In solchen Momenten fängt die Achtsamkeit oft erst dann an, wenn der erste Ärger bereits verraucht ist. Dann erst frage ich mich, warum ich mich so aufgeregt habe und ob mich das wirklich weitergebracht hat (spoiler: die Antwort lautet fast immer Nein). Das mag für viele vielleicht nach der falsche Reihenfolge klingen, um Achtsamkeit zu praktizieren, weil ich dann nicht im Moment bin, doch ich glaube, dass es schon hilft, sich seiner Emotionen und Gedanken überhaupt bewusst zu werden und sie zu hinterfragen – egal wann.

Durch Achtsamkeit schlechte Gewohnheiten durchbrechen

Es gab eine Zeit, da „musste“ ich 5 mal die Woche Sport machen. Andernfalls hatte ich das Gefühl, nichts geschafft zu haben und mich von meinen Zielen zu weit zu entfernen. Wenn ich in einer Woche ein Mal weniger Sport gemacht habe, weil viel los war oder weil ich einfach mal nicht die Energie dafür hatte, habe ich mich schlecht gefühlt. In dieser Zeit war ich zwar zufrieden, weil ich Ergebnisse gesehen habe und für meine Verhältnisse recht fit war, aber ich war unentspannt und habe meine Tage immer um den Sport herum geplant.

Dabei habe ich auch innere Bedürfnisse ignoriert wie Müdigkeit oder einfach die Lust, mich mit Freunden zu treffen, weil es meinen Zeitplan zerschossen hätte. Von Achsamkeit mir selbst und anderen gegenüber konnte da keine Rede sein.

Heute höre ich besser auf mich. Ich versuche immer noch regelmäßig Sport zu machen und mich zu bewegen, aber nicht um jeden Preis. Wenn ich spüre, dass ich erschöpft bin, dann lasse ich es bleiben. Wenn ich mich mit Freunden treffen will, dann mache ich das. Ich fühle mich dann auch nicht mehr so schlecht wie früher, weil ich genau weiß, dass ich meinem Körper einen größeren Gefallen tue, wenn ich ihm hin und wieder etwas Ruhe gönne.

Es ist immer eine Reise

Bei Dingen wie Sport fällt es mir also langsam leichter achtsam zu sein, denn so etwas ist mehr oder weniger planbar. Schwieriger wird es, wenn ich spontan mit Sitationen konfrontiert werde, die mich stören und die bei mir sehr schnell den Impuls auslösen, zu fluchen und mich in Grund und Boden zu ärgern. Selbst wenn ich versuche, die Situation rational zu betrachten und auch einsehe, dass mein Ärger nichts bringt, kann ich ihn in diesem Moment nicht loslassen. Und solche Momente kommen häufig vor.

Ich hoffe wirklich, dass ich irgendwann über diesen Zustand des ständigen sich Ärgerns hinweg komme, aber muss dafür leider einen Schritt nach dem anderen machen. Bei meiner latenten Ungeduld ist das echt nicht einfach. Schummeln gibt es hierbei (leider) nicht, wenn es darum geht, an sich selbst zu arbeiten.

Wie alles im Leben ist also auch Achtsamkeit ein Prozess, beziehungsweise eine Reise, auf die man sich auch erstmal einlassen muss. In meinen Augen ist sie aber absolut nutzbringend und wenn man sich von dem vermeintlichen Hippie-Zeug losreißt.


In diesem Sinne schließe ich mit einem kleinen Appell ab:

Nutze die nächsten Tage, um dein Innenleben bewusster wahrzunehmen. Was fühlst du in bestimmten Momenten? Warum bist du wütend, enttäuscht oder einfach mal glücklich? Und was kannst du daraus für die Zukunft mitnehmen?