Mehr Bauchgefühl, weniger Zwang

Generell glaube ich nicht an diese ganze FOMO-Geschichte – zumindest nicht, wenn es um mich selbst geht. Ich muss nicht jeden Trend mitmachen oder von dem einen großen, neuen Ding, zum nächsten hasten, nur um am Ende sagen zu können: „Ich war dabei.“ Die Angst, irgendwas zu verpassen (was auch immer das sein mag), ist bei mir relativ gering. Sobald viele Leute auf einen bestimmten Zug aufspringen, vergeht mir meistens ohnehin schon die Lust daran.

Es gibt allerdings eine Sache, bei der mich diese Angst davor, etwas zu verpassen, dann doch erwischt: Beim Feiern. Oft heißt es ja, dass ein Abend besondrs dann gut wird, wenn man eigentlich keine Lust hat. Allerdings ist es nochmal ein Unterschied, ob man einfach keine Lust hat, oder sich mental nicht in der Stimmung dazu fühlt, von Alkohol und einem Haufen fremder und befremdlicher Menschen umgeben zu sein.

Obwohl ich eigentlich Lust hätte feiern zu gehen, weil ich dann bestimmte Leute treffe oder zu bestimmten Liedern abspacken möchte, spüre ich an manchen Tagen einen dicken Kloß in meinem Bauch und in meiner Brust, der mir sagt: „Eigentlich solltest du nicht gehen.“ manchmal höre ich auf diesen gut gemeinten Rat, manchmal eben nicht. Ich könnte immerhin etwas verpassen. Und jetzt kommt die Überraschung: Ich verpasse eigentlich nie etwas.

Meistens verbringe ich den Abend dann nämlich damit, ziellos von einem Floor zum nächsten zu wandern. Auch die besten Lieder bringen mich dann nur schwer in Stimmung. Die Menschen sind mirsowieso einfach nur unangenehm, weil sie mir den Raum zum Atmen und, noch wichtiger, zum Tanzen, nehmen. Und wenn ich dann schon gegen 2 Uhr mein Nummernkärtchen abgebe, um meine Jacke zu holen, weiß ich, dass ich mir das alles hätte sparen können.

An solchen Tagen entscheide ich mich aber bewusst dafür, ein Pfund auf mein Bauchgefühl zu scheißen. Ich entscheide mich bewusst dafür, mich der Gefahr auszusetzen, wegen irgendeiner Nichtigkeit zu heulen, weil alles gerade ein bisschen ätzend ist und ich nicht weiß, wohin mit mir. Manchmal glaube ich, dass das Ausgehen mir dabei helfen könnte, das ganze beiseite zu schieben und den Knoten in mir zu lösen, doch in der Regel verstärkt es dieses negative Gefühl in meinem Bauch nur noch mehr. Denn diese Parties laden oft mehr zum Nachdenken und Gedanken umwälzen ein, als man denkt.

Doch wie komme ich aus dieser Schleife raus?

So wenig, wie ich von diesem ganzen FOMO-Gefasel halte, so wenig halte ich auch von Vorsätzen. Weil sie in den meisten Fällen aufgrund ihrer schwammigen Natur meistens nicht funktionieren. Deshalb möchte ich das folgende nicht als einen Vorsatz bezeichnen, sondern vielmehr als ein Vorhaben. Ich habe nicht den Anspruch, dass es immer funktionieren soll. Ich möchte lediglich bewusster auf mein Bauchgefühl achten und auch darauf hören.

Wenn ich fühle, dass es eine schlechte Idee wäre, auszugehen, dann sollte ich es auch sein lassen. Mittlerweile habe ich genug Fallbeispiele gesammelt, die belegen, dass mein Bauchgefühl recht gehabt hätte und ich ich mir einen größeren Gefallen getan hätte, wenn ich zu Hause geblieben und einfach ein gutes Buch gelesen hätte. Ich muss nicht immer dabei sein – erst recht nicht, wenn ich weiß, dass meine Gesellschaft an dem Abend ohnehin nicht die beste wäre. Ich muss mich nicht dazu zwingen, „Spaß“ zu haben, wenn es nicht das ist, was ich gerade brauche.

Auch wenn mein Bauchgefühl nicht immer Recht hat, ist es oft ein gut gemeinter Schutzmechanismus, den ich nur zu gerne ignoriere. Schließlich will ich mich ja nicht selbst lächerlich machen und wegen irgendeiner sentimentalen Anwandlung einen guten Abend verpassen. Doch oft ist der vermeintlich gute Abend doch nur semi-gut und meine sentimentale Anwandlung nicht wirklich lächerlich.

In diesem Sinne, Ladies & Gentlemen: mehr Bauchgefühl und weniger Zwang.

Ein Angriff auf das Gewohnheitstier

London

Spontaneität ist nicht gerade eine meiner Stärken. Ich bin sehr verwurzelt in meinen Routinen und fühle mich dort sehr wohl. Vieles, was diesen gewohnten Rahmen sprengt, erfordert meist stundenlanges Überlegen. Dabei wiege ich pro und kontra meist derart umfangreich ab, dass sich die Entscheidung wieder erledigt hat, weil es einfach zu spät ist.

Diesem Dilemma begegne ich im Alltag relativ häufig. Egal, ob es darum geht, in einer Sitzung auf der Arbeit etwas vor allen Anwesenden zu sagen, oder darum, anstelle von Spaghetti-Eis was anderes zu probieren. Um hier ja keinen zu spannenden Cliffhanger zu erzeugen: meistens bleibe ich bei meinen Mustern. Das heißt, ich sage in der Sitzung natürlich nichts und was anderes als Spaghetti-Eis kommt mir nicht auf den Tisch. Denn mal ehrlich: Was ist bitteschön besser als der gefrorene Kern aus Sahne?

Eine Entscheidung gegen die Gewohnheit

Doch auch als erprobtes Gewohnheitstierchen habe ich mir in letzter Zeit vermehrt die folgende Frage gestellt: Was ist eigentlich das Schlimmste, was mir passieren kann, wenn ich mal etwas anders mache? Und vor allem spontan anders mache?

Die Antwort darauf war so beruhigend wie erüchternd. Denn meistens sieht es doch so aus: Ich werde davon weder sterben, noch sonst irgendwem Schaden zufügen. Ich gebe mir selbst nur die Chance etwas zu erleben, das potenziell besser sein kann als mein normales Leben – aber auch schlechter. Mehr ist es nicht. Und trotzde fällt es mir so schwer, einfach mal dem Impuls des Moments zu folgen…

Um aus dieser Gewohnheitskiste auszubrechen, habe ich deshalb etwas ganz verrücktes getan („verrückt“ ist übrigens ein sehr dehnbarer Begriff, wie man an meinen Standards sieht): Ich habe ein Wochenende in London gebucht. Ganz für mich allein. Und ich habe nur 2 Tage gebraucht, um diese Entscheidung zu treffen! Das hat doch einen feuchten Schulterklopfer verdient, oder?

Damit habe ich gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen, um mich mit sanftem Druck aus meiner Komfortzone zu schieben. Denn die Sache ist die: London ist natürlich keine billige Stadt, aber im Moment kann ich es mir leisten. Also, wozu der falsche Geiz? Erlebnisse sind schließlich die beste Form der Geldanlage (sorry, Aktien).  Nun aber zu den Gewohnheiten, denen ich mit dieser Aktion ein Schnippchen schlagen will:

1. Ich verbringe mein Wochenende mal komplett anders als sonst. Obwohl London mir sehr vertraut ist, habe ich dort natürlich ganz andere Möglichkeiten. Statt zu Hause oder bei meinen Eltern einfach nur herumzuhängen, werde ich unterwegs sein und Ecken der Stadt erkunden, die ich noch nicht gesehen habe und mich mit neuen Eindrücken umgeben.

2. Ich werde alleine sein. Damit habe ich an sich kein Problem, doch es gibt immer noch Dinge, die ich nicht gerne alleine mache, allen voran auswärts essen. Dabei ist es eigentlich nichts wofür man sich schämen muss. Dieses Wochenende wird für mich also eine gute Probe sein, mich noch wohler in meiner eigenen Gesellschaft zu fühlen und mich davon nicht einschränken zu lassen. Und auch so werde ich alles alleine regeln müssen. Das ist in einer Stadt, die man schon kennt, vielleicht nicht die größte Herausforderung, aber doch zumindest eine gute Übung.

3. Ich folge meinem Bauchgefühl. Meist ist es doch so,  dass wir unsere Tage sehr ähnlich verbringen. Wir nehmen uns zwar ständig besondere Ausflüge vor, machen aber nur die wenigsten davon, weil wir es uns selbst wieder ausreden. Doch gerade, wenn diese Impulse spontan aufkommen, sind sie ein Zeichen dafür, dass uns etwas gerade besonders gut tun würde oder uns schlicht fehlt. In meinem Fall heißt das, zumindest für 2 Tage den Alltag zu verlassen und mir Zeit für mich zu nehmen, die ich nicht mit Netflix & Co. verbringe.

Der Moment, als ich die Flugtickets gebucht habe, war für mich unerwartet aufregend. Einfach, weil ich normalerweise nicht als der Mensch bekannt ist, der spontan irgendwo hin fliegt oder etwas ungewöhnliches macht. Doch das muss nicht bedeuten, dass ich mich dieser Rolle immer fügen muss. Ich will mehr reisen und mehr Erfahrungen sammeln, auch wenn das heißt, dass ich meine geliebten Gewohnheiten zeitweilig hinter mir lassen muss.