Mein Berliner Alter Ego

berlinVon Freitag auf Samstag war ich beruflich in Berlin unterwegs. Am zweiten Tag hatte ich den Nachmittag über ein paar Stunden bis zu meinem Rückflug, die ich für mich nutzen konnte. Also stieg ich in den nächsten Bus und fuhr zur Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum, wo ich fast zwei Stunden andächtig von einem Raum zum nächsten wanderte. Anschließend fuhr ich zurück nach Charlottenburg. Ziel: Schwarzes Café, um noch ein schönes Stück Kuchen zu genießen, bevor ich zum Flughafen musste.

Ich hatte Glück und bekam draußen noch ein kleines Tischchen. Die Sonne schien – es war der perfekte Tag, um dort zu sitzen und die Leute um mich herum zu beobachten. Neben mir unterhielten sich zwei Amerikanerinnen auf englisch über die Hindernisse der deutschen Sprache. Direkt vor mir saß ein schwules Pärchen bei einem Tässchen Kaffee. Alles wirkte irgendwie international und besonders. Ich konnte meinen Blick nur schwer von der jungen Frau nehmen, die rauchend vor dem Café stand und ihren königsblauen Zweiteiler mit einer Selbstverständlichkeit trug, die man Bonn so nicht (oder nur sehr selten) erleben würde. Berlin ist halt doch eine Welt für sich.

Und während ich so da saß, konnte ich nicht anders, als mir vorzustellen, was wäre, wenn ich ein Teil dieser Welt wäre. Ein bisschen künstlerisch, ein bisschen alternativ, weltoffen und ein kleiner Paradiesvogel. Ich stellte mir vor, ein großes Atelier mit hohen Decken und knarzendem Parkett zu haben. Meine Haare sind immer ein bisschen unordentlich, aber der rote Lippenstift ist stets perfekt nachgezogen. Im Sommer sitze ich oft draußen in einem der zahlreichen Cafés, rauche eine Zigarette und beobachte die Leute.

Im Herbst und Winter mache ich alleine lange Spaziergänge durch die Stadt. Probleme mit anderen ins Gespräch zu kommen, habe ich keine. Meine Beobachtungen und Gespräche sind die Grundlage für meine gefeierten Kurzgeschichten und Romane. Freitagabends geht es dann in eine kleine, schummerige Jazz- oder Soulbar – ganz ohne Plan, denn man trifft immer Leute, die man kennt.

Und vielleicht würde ich sogar die junge Frau ansprechen, die mir im Bus gegenüber sitzt und die mit ihrem perfekten, französisch angehauchten Garconne-Stil und dem kurzen, Haar, das ihr verwegen in die Stirn fällt, einen femininen James-Dean-Charme versprüht.

Es ist eine kleine, idealisierte Traumwelt, die ich mir in nicht viel mehr als einer halben Stunde aufgebaut habe. Eine Welt in der ich stereotype Künstlerin und legere Verführerin in einem bin. Es ist eine interessante Vorstellung, die ich gerne bis zu einem gewissen Grad ausreizen würde. Denn wer würde nicht manchmal gerne die perfekte Welt seiner Tagträume ausleben? Einfach nur, um wirklich nachempfinden zu können, wie das Leben sonst noch sein könnte?

Wer weiß, das Leben ist noch jung. Vielleicht verwirkliche ich irgendwann tatsächlich einen Teil dieser vielen kleinen Träume und mache mein Leben damit zu einer Symbiose bestehend aus all den Alter Egos, die ich mir schon erträumt habe.

Wir vergessen oft, dass wir unser Leben selbst in der Hand haben. Dass wir immer noch selbst bestimmen, wie wir leben. Manche Träume sind in der Fantasie zwar besser aufgehoben, aber manchmal sind sie auch das perfekte Material um zu experimentieren dem Alltag neues Leben einzuhauchen.

Mir persönlich war mein Berliner Alter Ego trotz aller Klischeehaftigkeit irgendwie sympathisch, weil es so viel unangepasster und freier ist, als das Ich, das ich im Moment lebe. Vielleicht sollte ich mir davon mal eine Scheibe abschneiden.

Auch wenn ich dem Rauchen wohl nie anfangen werde… das war nur eine künstlerische Freiheit meiner Kreativität, die ich selber nicht ganz verstehe.