Als ich den Glauben an mich selbst verlor

Vorleser

Wer kennt sie nicht? Diese Momente, wenn man im Freundeskreis zusammensitzt und über die verrückten Zeiten sinniert, die man schon gemeinsam erlebt hat.

Weißt du noch, als…?“ „Kannst du dich noch an XY erinnern?“ Oft habe ich leider überhaupt keine Ahnung, wovon gesprochen wird und so folge ich in diesen Situationen eher dem Motto „(verwirrt) lächeln und nicken“ als enthusiastisch in die Unterhaltung einzusteigen. Die Wahrheit ist nämlich die: Mein Gedächtnis ist unglaublich schlecht, bzw. komisch vernetzt. Ich kann mich an einen Werbejingle aus den 90ern erinnern, aber nicht an ein Erlebnis mit meinen Freunden im letzten Jahr.

Ein paar Dinge bleiben aber hin und wieder doch hängen. Nicht alle davon sind schön. Einer der prägendsten Momente war der, in dem ich das Vertrauen in mich selbst verloren habe.

Das mag eine sehr dramatische Formulierung sein. Besonders wenn man bedenkt, was passiert ist, erscheint es aus heutiger Sicht lächerlich, doch damals war ich noch ein Kind und als Kind spürt man vieles noch intensiver.

Zurück zum Anfang

Vom Kindergarten bis zum Anfang meiner Gymnasialzeit war ich eine kleine Rampensau. Ich stand gerne im Mittelpunkt, hatte in der Grundschule sogar meinen eigenen Song geschrieben, ihn zum besten gegeben und danach begeistert Autogramme geschrieben. Ich habe gerne Theater gespielt und bei Rollenspielen auf dem Pausenhof war ich sowieso immer voller Enthusiasmus dabei.

In der 6. Klasse (vielleicht war es auch die 7.) ging dann die Neuigkeit herum, dass es einen Vorlesewettbewerb geben wird. Ich habe mich sofort dafür angemeldet und war schon bald stolze Vertreterin meiner Schule beim stadtweiten Entscheid in der hiesigen Buchhandlung. Ich war ziemlich aufgeregt, aber insgesamt doch sehr überzeugt davon, dass ich es schaffen konnte.

Wir sollten zwei Passagen vorlesen. Die erste war eine vorher eingeübte Stelle aus einem Buch unserer Wahl, die zweite war ein Überraschungstext. Für den ersten Teil hatte ich mich für eine Stelle aus Harry Potter entschieden, das erste Buch, wenn ich mich recht erinnere und als ich fertig war, war ich recht selbstbewusst, was meine Leistung anging. Ich wurde sogar von einem Reporter der Rheinischen Post (der arme Kerl) interviewed – weil er wohl glaubte, dass ich gewinnen würde.

An den zweiten Teil kann ich mich, ehrlich gesagt, nicht mehr erinnern, aber das ist auch nicht wichtig. Viel wichtiger ist die Enttäuschung, die in mir hochschäumte, als bei der Siegerehrung nicht mein Name, sondern der eines anderen Kindes fiel. Ich hatte versagt. Es war egal, dass meine Eltern sofort sagten, dass sie trotzdem stolz auf mich seien und ich das gut gemacht habe, oder dass zwei alte Damen auf mich zukamen und mir auch versicherten, dass ich besser gewesen war.

Ich hatte trotzdem versagt, denn die Leute deren Meinung in diesem Moment am wichtigsten für mich war – nämlich die Juroren- hatte ich nicht überzeugen können. Irgendwas musste ich falsch gemacht haben. Meine Leistung war nicht gut genug gewesen. ICH war nicht gut genug gewesen.

Ein Abend mit Folgen

Aus heutiger Sicht erscheint es fast schon lächerlich. Würde mir das heute passieren, würde ich mich natürlich ärgern, aber das Leben geht schließlich weiter und ich würde mich auf jeden Fall über das positive Feedback der anderen Leute freuen, doch damals ging in mir tatsächlich etwas kaputt.

Es war mit das erste Mal, dass ich wirklich etwas wollte und daran scheiterte. Statt daraus Kraft zu schöpfen und mir zu sagen, dass ich in Zukunft besser werden will, zog ich mich nach und nach in mein Schneckenhaus zurück. Rückblickend betrachtet, wäre es wohl zu viel zu sagen, dass das der einzige Grund ist, warum ich mich im Unterricht kaum noch freiwillig gemeldet habe, aber es war auf jeden Fall nicht unschuldig daran. Ich kann mich nämlich noch sehr gut an das Gefühl erinnern, das ich damals empfunden habe.

Die Enttäuschung über mich selbst und Scham, weil ich geglaubt hatte, in etwas gut zu sein, ja sogar besser als viele andere und dann doch zu versagen… Was hatte ich mir nur eingebildet? Das wollte ich nicht mehr spüren. Deshalb glaube ich, dass dieses Ereignis einen großen Teil zu meiner weiteren Entwicklung beigetragen hat.

Zu meiner Tendenz, mich eher klein zu machen als große Sprünge zu wagen oder es anzuerkennen, wenn ich doch etwas gut gemacht habe. Zu meiner Angst davor, Dinge zu tun, die mir eigentlich wichtig sind, weil ich es nicht verbocken will. Oder zu meiner Neigung, mich aus Gesprächen herauszuhalten, wenn ich glaube, dass ich nichts sinnvolles beitragen kann.

Das Nachspiel

Ein paar Tage nach diesem Abend erschien die Rheinische Post mit dem Artikel über den Vorlesewettbewerb. Fast der komplette Artikel war nur über mich. Der Sieger ist nur in einem Satz am Schluss erwähnt worden und meine Oma war so stolz auf mich, dass sie den Artikel gleich ausgeschnitten und aufgehoben hat. Alleine, wenn ich daran denke, kommen mir, ehrlich gesagt, die Tränen.

Es war kein schönes Erlebnis und auch die Lehren, die ich daraus gezogen habe, waren im ersten Moment vielleicht nicht die besten. Doch mittlerweile kann ich auch die guten Seiten daran sehen: dass ich überhaupt so weit gekommen bin, die bedingungslose Liebe meiner Eltern, der Stolz meiner Oma, das Lob der Menschen, die mich nichtmal kannten…

Im Leben läuft nicht alles nach Plan und auch wenn wir nicht immer perfekt reagieren, weil wir es manchmal einfach nicht besser wissen, oder bestimmte Gefühle zu stark sind, haben sie doch einen Sinn. Oft bringen uns die Momente, die wir persönlich als besonders hart empfinden, am meisten über uns und unsere Mitmenschen bei. Und ich bin froh darüber, dass ich langsam wieder an Stärke zunehme.

Und um das ganze einigermaßen passend mit J.K.Rowlings Worten abzuschließen: „Happiness can be found, even in the darkest of times, if one only remembers to turn on the light.

 

Erinnerungen an eine Frau

Abschied

Als meine Oma am 28.01.2014 starb, war es das erste Mal, dass ich wirklich mit dem Tod konfrontiert wurde. Wenige Tage später ihr Bild neben einer Urne mit ihren Überresten zu sehen, war surreal. Die Rede, die der Sprecher hielt, war ein makaberer Witz. Es hätte auch ein vorgelesenes Xing-Profil sein können.

In letzter Zeit musste ich öfter an sie denken. Daran, wie sie war, bevor sie starb. Bevor der Krebs sich mit aller Kraft seinen Weg durch ihren Körper gebahnt hat.

Wenn ich mich an die Zeit vor alledem zurückerinnere, dann komme ich nicht umhin zu lächeln. Sie war die stilvollste Dame, die ich kannte. Die Haare immer perfekt in Form gebracht, die Nägel akkurat gepflegt.

Ich erinnere mich an Weihnachten. Wenn wir mittags alle zusammen in ihrem Wohnzimmer saßen und sie wieder ein Festmahl für uns alle gemacht hatte. Dabei stöhnten wir schon vor Erschöpfung auf, weil wir genau wussten, dass es am Abend bei Opa weitergehen würde. Sie waren schon lange nicht mehr miteinander verheiratet.

Ich erinnere mich besonders an jenes Weihnachten, als ich zum ersten Mal ihren selbst aufgebrühten Kaffee getrunken habe. 4-5 Tassen waren es bestimmt. Seitdem habe ich nie wieder Kaffee getrunken. Mein Papa wird sich noch gut daran erinnern.

Zwetschgenknödel. Die hat sie ein Mal gemacht und ich habe sie nie vergessen.

All die Filme, die ich mit ihr zusammen im Kino gesehen habe… „Casanova“, „Stolz und Vorurteil“.  Ich glaube nicht, dass „Per Anhalter durch die Galaxie“ oder „Star Wars: Episode 1“ besonders gut gefallen haben, aber sie hat tapfer durchgehalten.

Die Karten für viele der Vorstellungen habe ich noch immer.

Sie war eine tolle Frau. Anders kann man es einfach nicht sagen.

Umso mehr schmerzt mich die Erinnerung an die Zeit nach der Diagnose bis zu ihrem Tod. Und hin und wieder sind da diese Schuldgefühle: Ich hätte sie öfter besuchen sollen, mehr für sie da sein sollen. Aber ich hatte Angst. Ich wollte nicht das Bild von ihr verlieren, das ich all die Jahre in mir getragen hatte.

Ich wollte den Verfall nicht sehen.

Doch jedes Mal, wenn ich sie in dieser Zeit sah, war ein weiterer Teil der Frau, die ich so geschätzt hatte, verschwunden.

Es ist ein eigentümliches Gefühl zu sehen, was der Krebs aus Menschen, die vorher eigenständig und gesund waren, machen kann.

Wie er ihren Verstand nach und nach in eine dunkle, schwere Wolke hüllt und sie körperlich und geistig vollkommen abhängig von Pflegern und Verwandten macht.

Diese Macht, die er über den Menschen hat, ist so unglaublich wie erschreckend.

Jetzt, mit ein paar Jahren Abstand, denke ich immer weniger an die schweren Zeiten und mehr an die schönen Momente, die wir hatten. An den Kaffee-Duft. An ihr Essen. Das Jazz-Konzert, das wir mal besucht haben. An ihre kleine Wohnung. Und die erste Fahrt mit meinem eigenen Auto dorthin.

Knapp 2 Jahre und und nur wenige Tage später, am 02.02.2016, erlag auch meine andere Oma dem Kampf gegen den Krebs. In ihrer Traueranzeige stehen einleitend folgende Worte:

„Du bist nicht mehr da, wo Du warst. Aber Du bist überall da, wo wir sind.“

Dem ist, meiner Meinung nach, nichts mehr hinzuzufügen.

Nostalgie für das Unbekannte

noastalgie

„No loss is felt more keenly than the loss of what might have been. No nostalgia hurts as much as nostalgia for things that never existed.“

Rabih Alameddine, an unnecessary woman

Wie oft stellen wir uns Szenen aus unserem Leben vor, die eigentlich nie passiert sind? Dieser eine perfekte Tag, oder diese eine perfekte Nacht, wo einfach alles passt. Manchmal sind es aber auch nur ganz kurze, aber prägnante Momente. Von manchen Szenen haben wir eine sehr klare Vorstellung: wir kennen den Ort, den Zeitpunkt, können sogar die Leute beim Namen nennen, die mit dabei waren. Und doch ist es nie passiert.  Wir haben lediglich das Drehbuch dafür verfasst.

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