Tagträume am Morgen

Tagträume

Ich habe das große Glück, dass meine Wohnung und mein Arbeitsplatz nicht weit voneinander entfernt sind. 10 Minuten zu Fuß zum Bahnhof, dann nochmal 8 Minuten mit der Bahn und 3 Minuten zu Fuß zum Bürogebäude. Wenn alles so ideal läuft, dann brauche ich weniger als eine halbe Stunde von A nach B. Das ist genug räumlicher Abstand zwischen meiner Arbeit und mir, aber nah genug, um nicht zu viel Zeit mit Pendeln zu verschwenden.

Trotzdem habe ich in letzter Zeit immer wieder das Gefühl, dass gerade die Bahnfahrt einfach nicht lang genug sein kann. Das liegt noch nichtmal daran, dass ich keine Lust auf meine Arbeit habe – auch wenn man diese Tage hin und wieder mal hat. Vielmehr ist es so, dass ich in dieser Zeit vollkommen in meiner eigenen Welt versinke.

Meist höre ich auf dem Weg zur Arbeit einen Podcast, oder Musik, bin dann meistens noch nicht bereit für die Interaktion mit anderen Menschen. Ich sitze immer auf demselben Platz und schaue während der Fahrt nach draußen; über die Hintergärten hinweg durch die Fenster der Häuser. Die meisten davon sind Altbauten mit richtig großen Fenstern, sodass man viel von den Wehnungen und Büros sehen kann.

Ich genieße es richtig, das Geschehen zu beobachten und mir vorzustellen, was die Leute hinter den Fenstern machen und wie mein Leben wäre, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Manchmal ist da aber auch eine angenehme Stille in meinem Kopf, die ich so sehr selten erlebe. Alles fließt einfach an mir vorbei  ohne dass ich besonders viel darüber nachdenke. An diesen Morgenden geht die Fahrt besonders schnell.

Noch ehe ich mich versehe, ertönt der Name meiner Station über den Lautsprecher und reißt mich aus meinem Tagtraum. Oft genug frage ich mich dann, was passieren würde, wenn ich einfach sitzen bleiben und weiterfahren würde. Als pflichtbewusster Mensch habe ich das natürlich noch nie gemacht, doch ich muss zugeben, dass die Versuchung hin und wieder sehr groß ist. Sitzen bleiben, weiter träumen und irgendwann wieder ganz entspannt nach Hause fahren.

Doch stattdessen stehe ich auf, verlasse den Zug und gehe zur Arbeit. Und so verbringe ich meinen Tag, immer einen Schritt nach dem nächsten nehmend, damit ich morgens nicht einfach im Bett liegen bleibe und mir die Decke über den Kopf ziehe. Damit ich nicht doch irgendwann einfach mal sitzen bleibe, nur um zu sehen, wo mich meine Reise hin führt. Ein Leben im Autopilot.

Besonders an Tagen, an denen ich mich nicht so fit fühle, sind diese knapp 30 Minuten des Pendelns für mich sehr wichtig. Ich kann mich mental auf das vorbereiten, was an dem Tag auf mich zukommt, ohne dass mich jemand stört oder ich direkt aktiv werden muss. Ich kann jederzeit mit meinen Gedanken abschweifen, wenn ich will. In diesen Minuten ist das auch nichts schlimmes, denn es gibt ja sonst nichts für mich zu tun. Ich kann so viel oder so wenig nachdenken, wie ich will und worüber ich will.

Tagträumen ohne Reue. Ich würde sagen, das ist der Hauptgrund, warum ich meinen Weg zur Arbeit so sehr liebe, warum ich ihn am liebsten wie ein Kaugummi in die Länge ziehen würde. Diese Momente des Leerlaufs sind so wertvoll und so unglaublich wichtig für mich. Doch am Ende geht das Leben immer weiter.

Plötzlich erwachsen?

Alter

Als ich in die erste Klasse kam, kamen mir die Viertklässler so erwachsen vor. Ich wollte unbedingt so sein wie sie. Als ich auf das Gymnasium kam, waren die Abiturienten das absolute Nonplusultra. Danach waren es die Studenten. Mit jeder Stufe, die ich auf meinem Lebensweg erklomm, gab es jemand neues zu dem ich aufgeblickt habe, weil diese Person oder diese Gruppe von Menschen mir so viel erfahrener und erwachsener vorkam.

So bin ich Anderen immer hinterher gelaufen und das in einem Rennen, das ich sowieso nie gewinnen kann. Denn als ich in die vierte Klasse kam, habe ich mich nicht viel erfahrener gefühlt als in der ersten Klasse, weil ich es in dem Moment einfach nur genoss, ein Kind zu sein. Und als ich vor mittlerweile über einem Jahr meine Masterarbeit abgegeben habe, war ich nicht viel besser auf das Leben als „Erwachsener“ vorbereitet als an dem Tag, an dem ich mit der Schule fertig wurde.

Was heißt überhaupt „Erwachsen sein“? Und woher weiß man, dass man dieses Stadium erreicht hat? Erreicht man es überhaupt jemals? Fragen wie diese geistern mir schon seit vielen Jahren im Kopf herum – ganz besonders seit der Zeit kurz vor meinem Uniabschluss. Da hatte ich das Gefühl direkt am Rand einer Klippe zu stehen und die Abgabe meiner Abschlussarbeit würde mich mit brutaler Gewalt in die Welt der Erwachsenen stoßen, die ich nie wirklich verstanden habe.

In eine Welt, in der man Steuern zahlt, sich tagtäglich einem langweiligen Job hingibt und nur auf das Wochenende wartet. Man redet über Politik und Wirtschaft, gründet eine Familie und weiß, wie die Welt funktioniert.

Die Wahrheit über das Erwachsensein

Dabei sieht die Wahrheit ganz anders aus. Zumindest die Wahrheit, die ich für mich gefunden habe: wir alle stolpern eigentlich nur durch’s Leben, in der Hoffnung, dass niemand es bemerkt, wenn wir mal stolpern oder uns mit Schmackes auf die Fresse legen. Dann heißt es schnell aufstehen, die Klamotten abklopfen und so tun als wäre nichts gewesen. Und so geht es einfach immer weiter. Der Punkt, an dem man sich vollkommen sicher in seinem Tun fühlt, kommt einfach nie. Und wenn doch, ist es nur eine Frage der Zeit bis der nächste Stolperstein auftaucht.

Ich habe eine sehr lebhafte Erinnerung daran, wie ich in der Schule mit Leuten geredet habe, die so alt waren, wie ich jetzt (also Mitte bis Ende 20). Wobei man hier eher von einem Versuch sprechen sollte, denn ich hatte immer das Gefühl, dass ich keinen Kontakt zu ihnen aufbauen konnte, weil ich glaubte, irgendwas erwachsenes und intellektuelles sagen zu müssen. Und so geht es mir auch heute manchmal noch mit Leuten, die ich für erfahrener als mich selbst halte (also fast alles über 30).

Es gibt kein Ende

Man kommt einfach nie irgendwo an, weil sich alles ständig verändert. Weil wir uns ständig verändern und immer neue Dinge an uns entdecken, die dafür sorgen, dass wir uns „noch nicht soweit“ fühlen. Ich bin auch noch nicht dazu bereit, mich mit 26 Jahren als erwachsene Frau zu bezeichnen, aber das muss noch lange kein Defizit sein. Warum also der Stress?

Und es ist äußerst beruhigend zu wissen, dass es mir nicht alleine so geht. Denn das ist wohl eine der wenigen wirklich einflussreichen Erkenntnisse, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe: Erwachsen sein ist im Grunde ein Mythos. Wir haben alle keinen wirklichen Plan und DEN EINEN Plan gibt es sowieso nicht. Weil wir alle verschieden sind und uns kontinuierlich verändern.

Deshalb ist es auch egal, wenn ich in 4 Jahren ledig und kinderlos bin. Es ist egal, ob ich mich für Politik oder Hippiekram interessiere. Und vor allem ist es egal, ob ich mich als Erwachsener klassifiziere oder nicht. Mein Leben funktioniert auch so.

Und überhaupt: wenn Erwachsensein so ist, wie viele Leute es sagen – langweilig, routiniert, immer planbar und ernst – dann kann ich jetzt guten Gewissens darauf verzichten. Ich bleibe ich, egal wie alt ich bin und das ist viel besser.

Durchgewischt und abgestaubt

Putzen

Es gibt Hausarbeiten, die eigentlich niemand leidenschaftlich gerne macht. Dazu gehören Bügeln, Abspülen und Fenster putzen. Es ist ja im Grunde auch eine ziemliche Sysiphos-Arbeit, denn der positive Effekt dieser Arbeiten ist nur temporär. Spätestens nach ein paar Tagen sehen die Fenster wieder so aus, als hätte man sie 6 Monate nicht geputzt und das sorgsam gebügelte Hemd übersteht nicht mal einen Tag ohne wieder auszusehen wie Hulle.

Ich kenne einige Leute, die so unangenehme Aufgaben deshalb outsourcen. Ein Mal in der Woche kommt die Putzfrau und die Hemden werden in die Reinigung gebracht. So spart man für ein wenig Geld viel Arbeit und kann sich trotzdem an einer sauberen Umgebung erfreuen. Ein absolut lohnenswerter Deal.

Ich persönlich bin noch nicht auf diesen Zug aufgesprungen. Zum einen weil es keinen Sinn macht bei unter 50m² überhaupt jemanden zu engagieren und zum Anderen, weil mir der Gedanke, dass fremde Leute in meinen Sachen herumschnüffeln könnten, überhaupt nicht gefällt. Da schwinge ich lieber selber den Wischmopp. Nur geschieht das zumindest in letzter Zeit leider viel zu selten.

Immer diese Angewohnheiten

Besonders in den vergangenen Monaten habe ich die schlechte Angewohnheit entwickelt, meine Wohnung so lange ungeputzt zu lassen, bis mir die Staubmäuse regelrecht ins Gesicht springen, wenn ich die Tür öffne. Der Grund dafür ist natürlich pure Faulheit. Ich liebe Ausmisten und in alten Sachen herumwühlen, aber Putzen ist überhaupt nicht mein Ding, obwohl ich das Gefühl danach liebe. Es ist also ein bisschen wie mit Sport: Der Weg dorthin ist schwierig, aber am Ende ist man froh, wenn man es gemacht hat.

Heute habe ich es aber endlich wieder geschafft! Ich habe die Böden gewischt und die Regale abgestaubt. Ich habe das Bad geputzt und die Küche auf Vordermann gebracht. Und wie immer sitze ich nun in dieser frisch duftenden, blitzeblanken Oase der Ruhe und frage mich, wie ich es die letzten Tage in meinem eigenen Dreck nur ausgehalten habe.

Die Antwort ist einfach: Ignorieren. Wir Menschen haben die faszinierende Eigenschaft, Unangenehmes über sehr lange Zeiträume auszublenden und herunterzuspielen. Bis der Punkt erreicht ist, an dem man es nicht mehr ignorieren kann, vergeht unter Umständen eine Menge Zeit. In diesem speziellen Fall kann es sich bei mir sogar um Wochen handeln.

Den Kopf einfach mal ausschalten

Ich weiß, schön ist anders, aber meistens ist die Vorstellung, sich direkt nach der Arbeit auf die Couch zu verziehen, halt viel verlockender, als Staub zu wischen. Und der innere Schweinehund ist oft einfach zu stark. Heute habe ich es auch nur geschafft, aktiv zu werden, weil ich nicht nachgedacht habe.

Ich habe einfach angefangen, meine Sachen aus dem Weg zu räumen und den Boden frei zu machen. Ich habe mir nicht vorgestellt, wie anstrengend es ist, das Bad zu schrubben und wie viel schöner es stattdessen wäre, mein neues Videospiel zu zocken. Jede Bewegung war wie automatisiert und ehe ich mich versah, war ich schon mittendrin, ohne wirklich bewusst die Entscheidung getroffen haben „Jetzt putze ich meine Wohnung.“.

In unseren Köpfen ist die meiste Zeit viel zu viel los und nicht alles, was sich dort abspielt, bringt uns weiter. Gedanken wie aus dem obrigen Beispiel lähmen uns eher als dass sie uns nutzen, weil den bequemen Weg mit dem anstrengenden Weg vergleichen. Wie dann die Entscheidung ausfällt, ist eigentlich klar. Das mit dem Putzen ist ein sehr banales, aber äußerst alltägliches Beispiel.

Doch wenn diese Bequemlichkeit schon bei derart kleinen Dingen dazu führt, dass man wochenlang in seinem eigenen Dreck sitzt ohne etwas daran zu ändern, welche Auswirkungen hat sie erst, wenn wir mit wirklich wichtigen Entscheidungen konfrontiert werden? Wenn wir stundenlang pro und kontra abwiegen, bis wir uns am Ende nur noch im Kreis drehen und uns dafür entscheiden, nichts zu tun, weil das am einfachsten ist.

Wie das Leben so spielt

Ehrlich gesagt, hätte ich nicht gedacht, dass dieser Text diese fast schon tiefsinnige Wendung nehmen würde. Eigentlich sollte das hier nur zeigen, dass es ganz schön ist, ab und an mal den Hintern hoch zu kriegen, doch der Kopf macht halt doch, was er will. Solange das, wie hier, bedeutet, dass man zu einer Erkenntnis kommt, die einem etwas bringt, die einem dabei hilft zu verstehen, kann man den Kopf auch einfach mal machen lassen.

Gefährlich wird es erst, wenn uns das davon abhält, unser Potenzial zu entfalten, weil ein anderer Weg aus der Sicht unseres Verstandes einfacher oder bequemer ist. Und während ich das hier schreibe, merke ich erst wieder, was für einen weiten Weg ich in dieser Hinsicht noch zu gehen habe.

Was für ein Start ins Wochenende!

Das Alleinesein zelebrieren

AlleineseinSich mit seinen Freunden zu treffen, ist ja schön und gut, aber es ist mindestens genau so wichtig, auch mal Zeit mit sich selbst zu verbringen. Denn während man sich seine Freunde und die Zeiten an an denen man sie sieht, aussuchen kann, sieht es mit einem selbst anders aus. Man ist dazu gezwungen 24 Stunden am Tag mit sich selbst auszukommen. Bis einen irgendwann das Zeitliche segnet.

Deshalb finde ich es umso wichtiger, Routinen und Beschäftigungen zu haben, die nur für einen selbst gedacht sind. So sollte man nicht nur die Zeit mit seinen Liebsten zelebrieren, sondern auch die Zeit, die man mit sich selbst verbringt.

Für mich war das schon immer etwas vollkommen natürliches. Das mag zum einen damit zusammenhängen, dass ich als Einzelkind aufgewachsen bin und schon früh gelernt habe, dass das Alleinesein nichts schlimmes ist. Zum anderen bin ich von Natur aus ein Mensch, der die Zeit, die er ohne andere Menschen verbringen kann, sehr schätzt.

Trotzdem gibt es bei mir nach wie vor größere und kleinere Hemmnisse, die ich erst in jüngerer Zeit begonnen habe abzubauen. Viele Dinge sieht man im Kopf automatisch als Gruppenaktivitäten an, obwohl es objektiv betrachtet, keinen Sinn macht. Warum soll man nur mit Freunden ins Kino oder in ein Restaurant gehen können? Warum ist es bemitleidenswert, wenn man alleine in den Urlaub fliegt? Natürlich ist es schön, Leute um sich zu haben, mit denen man diese Erfahrungen teilen kann, aber es sollte einen nicht davon abhalten diese Dinge zu tun, wenn sich niemand dafür findet.

So habe ich letztes Jahr endlich damit begonnen, alleine ins Kino zu gehen. Zwar nicht immer, aber es kommt oft genug vor, dass ich einen Film sehen möchte, für den sich sonst niemand interessiert. Mittlerweile sehe ich es nicht mehr ein, einen Film zu verpassen, nur weil ich keine Begleitung habe (und während der Film läuft, kann man sich sowieso nicht unterhalten).

Das Gleiche gilt für Lokale und Cafés. Wenn ich dazu Lust habe, mich irgendwo gemütlich hinzusetzen, muss ich nicht zwingend jemanden dabei haben. Sich einfach mit einem Buch in ein Café zu setzen und dort einen Tee zu trinken, kann genau so erfüllend sein, wie sich dort mit einer Freundin zu treffen und zu quatschen. Es ist halt nur anders.

Die Zeit, die man mit sich selbst verbringt, wird viel zu häufig als selbstverständlich, manchmal sogar als Zeitverschwendung angesehen. Man macht ja meistens sowieso nichts besonderes, außer rumzuhängen. Aber selbst das ist für mich manchmal eine Art des Zelebrierens. Besonders wenn das bedeutet, es mir auf dem Sofa gemütlich zu machen und mir meine Lieblingssendung anzusehen. Das ist dann, aus meiner Sicht, keine Zeitverschwendung, sondern eine Art, mir etwas gutes zu tun.

Ich glaube, dass es wichtig für uns Menschen ist, zu lernen, dass wir die Zeit, die wir alleine mit uns verbringen genau so wertschätzen müssen, wie die Zeit, die wir für andere Menschen aufbringen. Denn nur, wenn wir wenigstens hin und wieder mal alleine sind, haben wir wirklich die Muße, um zu reflektieren, um Pläne zu schmieden und uns einfach um uns selbst zu kümmern. Und das vollkommen kompromisslos.

Zwar hat der Kopf dann auch Zeit, um uns mit den Dingen zu belästigen, über die wir eigentlich nicht so gerne nachdenken, die wir lieber verdrängen wollen, aber ewig können wir sie meistens doch nicht vor uns herschieben. Somit steht das Alleinesein auch dafür, dass man mit sich und seiner Umwelt nach und nach ins reine kommt.

Deshalb wünsche ich mir eine Welt, in der das Alleinesein nicht nur belächelt oder sogar bewusst vermieden wird. Es ist eine Form der Selbstheilung, der eigenen Weiterentwicklung und manchmal der einzige Weg, um zu lernen, wie man mit sich selbst klar kommt.

Viele Menschen im Leben kommen und gehen. Ob sie für immer gehen, oder nur temporär, sei dabei mal dahingestellt. Das einzige, was wirklich konstant ist und wovon man sich nicht zurückziehen kann, ist die eigene Gesellschaft.

Also nutze und kultiviere sie so gut du nur kannst.

Sei gut zu dir selbst.

Erinnerungen an eine Frau

Abschied

Als meine Oma am 28.01.2014 starb, war es das erste Mal, dass ich wirklich mit dem Tod konfrontiert wurde. Wenige Tage später ihr Bild neben einer Urne mit ihren Überresten zu sehen, war surreal. Die Rede, die der Sprecher hielt, war ein makaberer Witz. Es hätte auch ein vorgelesenes Xing-Profil sein können.

In letzter Zeit musste ich öfter an sie denken. Daran, wie sie war, bevor sie starb. Bevor der Krebs sich mit aller Kraft seinen Weg durch ihren Körper gebahnt hat.

Wenn ich mich an die Zeit vor alledem zurückerinnere, dann komme ich nicht umhin zu lächeln. Sie war die stilvollste Dame, die ich kannte. Die Haare immer perfekt in Form gebracht, die Nägel akkurat gepflegt.

Ich erinnere mich an Weihnachten. Wenn wir mittags alle zusammen in ihrem Wohnzimmer saßen und sie wieder ein Festmahl für uns alle gemacht hatte. Dabei stöhnten wir schon vor Erschöpfung auf, weil wir genau wussten, dass es am Abend bei Opa weitergehen würde. Sie waren schon lange nicht mehr miteinander verheiratet.

Ich erinnere mich besonders an jenes Weihnachten, als ich zum ersten Mal ihren selbst aufgebrühten Kaffee getrunken habe. 4-5 Tassen waren es bestimmt. Seitdem habe ich nie wieder Kaffee getrunken. Mein Papa wird sich noch gut daran erinnern.

Zwetschgenknödel. Die hat sie ein Mal gemacht und ich habe sie nie vergessen.

All die Filme, die ich mit ihr zusammen im Kino gesehen habe… „Casanova“, „Stolz und Vorurteil“.  Ich glaube nicht, dass „Per Anhalter durch die Galaxie“ oder „Star Wars: Episode 1“ besonders gut gefallen haben, aber sie hat tapfer durchgehalten.

Die Karten für viele der Vorstellungen habe ich noch immer.

Sie war eine tolle Frau. Anders kann man es einfach nicht sagen.

Umso mehr schmerzt mich die Erinnerung an die Zeit nach der Diagnose bis zu ihrem Tod. Und hin und wieder sind da diese Schuldgefühle: Ich hätte sie öfter besuchen sollen, mehr für sie da sein sollen. Aber ich hatte Angst. Ich wollte nicht das Bild von ihr verlieren, das ich all die Jahre in mir getragen hatte.

Ich wollte den Verfall nicht sehen.

Doch jedes Mal, wenn ich sie in dieser Zeit sah, war ein weiterer Teil der Frau, die ich so geschätzt hatte, verschwunden.

Es ist ein eigentümliches Gefühl zu sehen, was der Krebs aus Menschen, die vorher eigenständig und gesund waren, machen kann.

Wie er ihren Verstand nach und nach in eine dunkle, schwere Wolke hüllt und sie körperlich und geistig vollkommen abhängig von Pflegern und Verwandten macht.

Diese Macht, die er über den Menschen hat, ist so unglaublich wie erschreckend.

Jetzt, mit ein paar Jahren Abstand, denke ich immer weniger an die schweren Zeiten und mehr an die schönen Momente, die wir hatten. An den Kaffee-Duft. An ihr Essen. Das Jazz-Konzert, das wir mal besucht haben. An ihre kleine Wohnung. Und die erste Fahrt mit meinem eigenen Auto dorthin.

Knapp 2 Jahre und und nur wenige Tage später, am 02.02.2016, erlag auch meine andere Oma dem Kampf gegen den Krebs. In ihrer Traueranzeige stehen einleitend folgende Worte:

„Du bist nicht mehr da, wo Du warst. Aber Du bist überall da, wo wir sind.“

Dem ist, meiner Meinung nach, nichts mehr hinzuzufügen.

Der größte Feind des Selbstbewusstseins

vergleichVergleiche sind schon etwas praktisches. Sie helfen uns dabei, uns und andere in einem größeren Kontext zu sehen und unsere Leistungen einzuordnen. Doch so praktisch sie sind, so toxisch können sie auch sein – nämlich wenn man sie zu persönlich nimmt und auf Bereiche bezieht, in denen sie eigentlich keinen Sinn machen.

Nehmen andere den Vergleich an mir vor, finde ich es nicht weiter schlimm. Wenn ich schlechter als jemand anderes abschneide, überlege ich mir woran das liegt und das Leben geht weiter. Weitaus schwerwiegender sind die Vergleiche, die ich mir selbst aufbürde und die nicht selten einen Hang zum Irrationalen haben. In nahezu allen Bereichen des Lebens ist es möglich, mit anderen zu konkurrieren. Das ist es auch, was die meisten Vergleiche prägt: Konkurrenz. Und für mich war das Gefühl, einem anderen Menschen in etwas nachzustehen, egal ob physisch, intellektuell oder charakteristisch gesehen, schon immer etwas, das ich nur schwer beiseite schieben konnte. Ich bin von Natur aus klein und schmal, was mich aber nie davon abhielt so viel schleppen zu wollen, wie Menschen, die eigentlich viel stärker sind als ich – einfach, weil ich nicht schwächer sein wollte. Wenn ich Menschen sehe, die erfolgreicher sind als ich, oder auf irgendeiner Ebene scheinbar mehr erreicht haben, ist das im ersten Moment ein Schlag ins Gesicht. Sofort frage ich mich, warum ich nicht so gut sein kann, wie andere, warum ausgerechnet bei mir alles länger dauert. Das nagt natürlich am Selbstbewusstsein.

In diesem Sinne sind Vergleiche sowohl größter Förderer, als auch größter Feind der Motivation. Andere und ihren Erfolg zu sehen, kann ein unglaublicher Ansporn sein, oder diese Tatkraft im Keim ersticken. Diese Tatsache wurde für mich selten so deutlich, wie in den letzten Wochen, die ich vor allem damit verbracht habe, Bewerbungen raus zu schicken. Denn, wer sich bei einer Firma bewirbt, wird mit Dutzenden von weiteren Bewerbern verglichen. Es kann sein, dass man direkt eine Absage bekommt. Manchmal dauert es aber auch mehrere Runden, bis der potenzielle Arbeitgeber sich, aus welchen Gründen auch immer, gegen einen und für jemand anderen entscheidet. In solchen Situationen über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder zu unterliegen, ist anstrengend, doch es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich durchzubeißen.

Ähnlich verhält es sich mit Vergleichen im privaten Umfeld. Es wird immer diesen einen Freund geben, der viel mehr über ein bestimmtes Thema weiß als man selbst, oder der schon viel mehr im Leben erreicht zu haben scheint. All das kann, muss aber nicht, zu Missgunst und Neid führen. Dabei vergessen wir so häufig, dass der Akt des Vergleichens häufig unsinnig ist. Schließlich gibt es immer jemanden, der in etwas besser ist als wir und umgekehrt werden wir immer besser in etwas sein als andere.

Dieser Drang dazu, sich mit anderen zu messen, ist jedoch nur schwer abzuschalten. Wichtiger ist, wie man damit umgeht und dass man davon absieht, sich davon demotivieren zu lassen. Absagen zu bekommen, ist nach wie vor kein schönes Gefühl, doch wenn ich überlege, wie viele Firmen mich schon zum Bewerbungsgespräch eingeladen haben oder die Interesse an mir gezeigt haben, können meine Leistungen gar nicht so schlecht sein. Ich bin also auf einem guten Weg. Und auch wenn ich nicht viel über Technik und Computer weiß, kann nicht jeder mit meinem Wissen über Filmklassiker mithalten. Zu schnell vergisst man, dass die Medaille immer zwei Seiten hat.

Genau so gilt folgendes: Choose your battles wisely. Es bringt nichts, als Laie deine Fähigkeiten im Turmspringen mit denen eines Profis zu vergleichen. Suche den Vergleich nach Möglichkeit nur in Bereichen und mit Leuten, die deinem Stand und deinen aktuellen Fähigkeiten entsprechen. Alles andere führt nur zu unnötiger Frustration.

Nicht umsonst bezeichne ich im Titel den Vergleich als den größten Feind des Selbstbewusstseins. Schließlich müssten wir uns keine Gedanken darum machen, ob wir „gut genug“ sind, wenn wir nicht andere Menschen hätten, mit denen wir uns messen. Wir wären sonst einfach nur wir und vermutlich auch recht zufrieden damit. So ist das Leben aber nicht und deshalb kann ich jedem nur ans Herz legen, sich nicht verrückt zu machen, nur weil man weniger Geld verdient als jemand anderes, oder nicht so schnell durch den Park joggt. Außerdem weiß man nie, worum die anderen Menschen einen beneiden.

Nostalgie für das Unbekannte

noastalgie

„No loss is felt more keenly than the loss of what might have been. No nostalgia hurts as much as nostalgia for things that never existed.“

Rabih Alameddine, an unnecessary woman

Wie oft stellen wir uns Szenen aus unserem Leben vor, die eigentlich nie passiert sind? Dieser eine perfekte Tag, oder diese eine perfekte Nacht, wo einfach alles passt. Manchmal sind es aber auch nur ganz kurze, aber prägnante Momente. Von manchen Szenen haben wir eine sehr klare Vorstellung: wir kennen den Ort, den Zeitpunkt, können sogar die Leute beim Namen nennen, die mit dabei waren. Und doch ist es nie passiert.  Wir haben lediglich das Drehbuch dafür verfasst.

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