„Sorry, aber ich bin schon vergeben.“

Kuss

Sorry, aber ich bin schon vergeben.“ Diese Ausrede hat mit Sicherheit jeder schon mal in der einen oder anderen Form benutzt. Auch ich habe sie hin und wieder mal fallen gelassen, doch die Sache ist die: wenn wir sie benutzen, entspricht es nicht immer der Wahrheit. In meinem Fall hat es tatsächlich nie gestimmt.

Oft ist diese Ausrede nämlich einfach nur genau das – und damit eine beliebte Ausflucht von zahlreichen Singles vor ungewollten Verehrern. Es ist wie das berühmt-berüchtigte: „Sorry, Schatz, aber ich habe Migräne.“ in eingeschlafenen Beziehungen. Das kommt nicht zuletzt daher, dass dieser Weg so unglaublich komfortabel ist. Immerhin gibt es für viele Leute keinen vernünftigeren Grund, um die Avancen gegenüber dem neuesten Objekt der Begierde aufzugeben.

Wenn jemand vergeben ist, macht es keinen Sinn, der Person weiter nachzulaufen (meistens jedenfalls). In dem Fall sind auch keine weiteren Erklärungen nötig. Deshalb war es für mich immer eine bevorzugte Ausrede, wenn ich angesprochen wurde und einfach keine Lust hatte. Ich musste keine Fragen beantworten wie: „Ja, aber warum denn nicht?“ oder „Willst du es nicht mal versuchen?

Dabei denke ich mir sowieso nur: „Ich habe doch gerade gesagt, dass ich einfach kein Interesse habe. Was ist daran so schwer zu verstehen?“ Warum müssen wir uns immer rechtfertigen, wenn wir jemanden abweisen, einfach nur weil er oder sie uns nicht sympathisch ist? Oder weil wir nicht in der Stimmung zum flirten sind? Muss es immer einen triftigen Grund geben?

Die „Partner-Lüge“

Um solchen sinn- und fruchtlosen Diskussionen zu entgehen, flüchten Singles rund um den Globus sich regelmäßig in die kleine große „Partner-Lüge“.  Ich persönlich finde es nicht verwerflich, wenn man sich damit unnötige Gespräche vom Leib halten kann. Mich macht es eher stutzig, dass man überhaupt zu solchen Mitteln greifen muss, um ernst genommen zu werden, wenn man irgendeinen Fremden im Club abweist.

Natürlich lässt sich nie ausschließen, dass einem so etwas (oder jemand) entgeht, aber die Gefahr besteht doch immer. Selbst wenn wir uns auf eine Person einlassen, schließen wir damit die Türen zu anderen Personen. Und wenn man mal ganz pragmatisch ist: potenzielle Partner gibt es wie Sand am Meer. Wenn der eine nicht passt, dann gibt es immer irgendwo eine Alternative. Deshalb mache ich mir als Single auch keine Gedanken um so was, sondern genieße vielmehr die Zeit, die ich für mich habe (eines der Privilegien, die ich in einer Beziehung nur schwer aufgeben kann).

Was ist schon normal?

In diesem Zusammenhang fällt mir gleichzeitig noch etwas auf, was das Thema dieses Beitrags betrifft: eben weil die Partner-Lüge so eine beliebte Ausrede ist, zeigt sich darin einmal mehr, was von der Gesellschaft als „normal“ gewertet wird: Menschen sind entweder in einer Beziehung oder wollen zumindest in einer sein. Die Möglichkeit, dass jemand gerade ernsthaft kein Interesse hat oder sogar sein Singleleben genießt, wird häufig nicht akzeptiert.

Meistens kann man sich dann so Sprüche anhören wie: „Der Richtige/Die Richtige kommt schon noch.“ das mag schon sein, aber könnt ihr bitte diesen mitleidigen Ton in der Stimme abschalten oder daran ersticken? Kein Interesse zu haben ist weder traurig, noch zwangsweise ein Zeichen des Trotzes, weil man niemanden abkriegt. Das ist einfach nur Bullshit.

Aber warum ist das überhaupt so? Sicher, wir Menschen waren schon immer evolutionsbedingt Herdentiere. Denn mal ehrlich: wenn so ein Baby das Licht der Welt erblickt, ist es alleine alles andere als überlebensfähig – und das trifft traurigerweise auch auf viele Erwachsene zu. Die Evolution zwingt uns dazu, dass wir uns in Lebensgemeinschaften zusammenfinden wollen. Ausnahmen gibt es zwar, werden aber  nur mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Wie, das ist nicht normal?

Und ja, es mag sein, dass sich mit dem passenden Partner auch die Bereitschaft zu einem Zwei-Mann-Rudel einstellt, aber das bedeutet bis dahin nicht, dass man auf die Flirtversuche von Hinz und Kunz eingehen muss, die einen überhaupt nicht interessieren.

Es ist nicht gerade die ehrliche Art, aber um diesem Rattenschwanz an Problemen und Fragen zu entgehen ist das für mich nur noch ein Grund mehr, um mich für die faule Ausrede zu entscheiden, statt einfach nur zu sagen: „Sorry, aber ich habe kein Interesse.

 

Das Alleinesein zelebrieren

AlleineseinSich mit seinen Freunden zu treffen, ist ja schön und gut, aber es ist mindestens genau so wichtig, auch mal Zeit mit sich selbst zu verbringen. Denn während man sich seine Freunde und die Zeiten an an denen man sie sieht, aussuchen kann, sieht es mit einem selbst anders aus. Man ist dazu gezwungen 24 Stunden am Tag mit sich selbst auszukommen. Bis einen irgendwann das Zeitliche segnet.

Deshalb finde ich es umso wichtiger, Routinen und Beschäftigungen zu haben, die nur für einen selbst gedacht sind. So sollte man nicht nur die Zeit mit seinen Liebsten zelebrieren, sondern auch die Zeit, die man mit sich selbst verbringt.

Für mich war das schon immer etwas vollkommen natürliches. Das mag zum einen damit zusammenhängen, dass ich als Einzelkind aufgewachsen bin und schon früh gelernt habe, dass das Alleinesein nichts schlimmes ist. Zum anderen bin ich von Natur aus ein Mensch, der die Zeit, die er ohne andere Menschen verbringen kann, sehr schätzt.

Trotzdem gibt es bei mir nach wie vor größere und kleinere Hemmnisse, die ich erst in jüngerer Zeit begonnen habe abzubauen. Viele Dinge sieht man im Kopf automatisch als Gruppenaktivitäten an, obwohl es objektiv betrachtet, keinen Sinn macht. Warum soll man nur mit Freunden ins Kino oder in ein Restaurant gehen können? Warum ist es bemitleidenswert, wenn man alleine in den Urlaub fliegt? Natürlich ist es schön, Leute um sich zu haben, mit denen man diese Erfahrungen teilen kann, aber es sollte einen nicht davon abhalten diese Dinge zu tun, wenn sich niemand dafür findet.

So habe ich letztes Jahr endlich damit begonnen, alleine ins Kino zu gehen. Zwar nicht immer, aber es kommt oft genug vor, dass ich einen Film sehen möchte, für den sich sonst niemand interessiert. Mittlerweile sehe ich es nicht mehr ein, einen Film zu verpassen, nur weil ich keine Begleitung habe (und während der Film läuft, kann man sich sowieso nicht unterhalten).

Das Gleiche gilt für Lokale und Cafés. Wenn ich dazu Lust habe, mich irgendwo gemütlich hinzusetzen, muss ich nicht zwingend jemanden dabei haben. Sich einfach mit einem Buch in ein Café zu setzen und dort einen Tee zu trinken, kann genau so erfüllend sein, wie sich dort mit einer Freundin zu treffen und zu quatschen. Es ist halt nur anders.

Die Zeit, die man mit sich selbst verbringt, wird viel zu häufig als selbstverständlich, manchmal sogar als Zeitverschwendung angesehen. Man macht ja meistens sowieso nichts besonderes, außer rumzuhängen. Aber selbst das ist für mich manchmal eine Art des Zelebrierens. Besonders wenn das bedeutet, es mir auf dem Sofa gemütlich zu machen und mir meine Lieblingssendung anzusehen. Das ist dann, aus meiner Sicht, keine Zeitverschwendung, sondern eine Art, mir etwas gutes zu tun.

Ich glaube, dass es wichtig für uns Menschen ist, zu lernen, dass wir die Zeit, die wir alleine mit uns verbringen genau so wertschätzen müssen, wie die Zeit, die wir für andere Menschen aufbringen. Denn nur, wenn wir wenigstens hin und wieder mal alleine sind, haben wir wirklich die Muße, um zu reflektieren, um Pläne zu schmieden und uns einfach um uns selbst zu kümmern. Und das vollkommen kompromisslos.

Zwar hat der Kopf dann auch Zeit, um uns mit den Dingen zu belästigen, über die wir eigentlich nicht so gerne nachdenken, die wir lieber verdrängen wollen, aber ewig können wir sie meistens doch nicht vor uns herschieben. Somit steht das Alleinesein auch dafür, dass man mit sich und seiner Umwelt nach und nach ins reine kommt.

Deshalb wünsche ich mir eine Welt, in der das Alleinesein nicht nur belächelt oder sogar bewusst vermieden wird. Es ist eine Form der Selbstheilung, der eigenen Weiterentwicklung und manchmal der einzige Weg, um zu lernen, wie man mit sich selbst klar kommt.

Viele Menschen im Leben kommen und gehen. Ob sie für immer gehen, oder nur temporär, sei dabei mal dahingestellt. Das einzige, was wirklich konstant ist und wovon man sich nicht zurückziehen kann, ist die eigene Gesellschaft.

Also nutze und kultiviere sie so gut du nur kannst.

Sei gut zu dir selbst.

Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft

GesellschaftAls Kind hatte ich nie einen besonderen Berufswunsch. Ich wollte nie Tierärztin werden oder Kindergärtnerin oder von mir aus auch Feuerwehrfrau, um die Klischees mal zu durchbrechen. Ich habe in der Grundschule wahnsinnig gerne Geschichten geschrieben, die rückblickend betrachtet mehr als makaber für mein zartes Alter waren, und ich habe gerne gemalt. Auch später war ich eher der Typ Person, den man gemeinhin als „kreativ“ bezeichnet.

Für beides hatte ich eine gewisse Leidenschaft, das Schreibe und das Zeichnen, doch als ich das Gefühl bekam, dass meine Zeichnungen einfach nicht gut genug waren, hörte ich damit auf. Das Schreiben begleitete mich aber ständig weiter – manchmal mehr, manchmal weniger intensiv. Hätte ich jemals einen wirklichen Berufswunsch gehabt, wäre es vermutlich Schriftstellerin gewesen.

Nach dem Abitur 2010 kam die Frage, was ich mit mir anfangen will. Die Entscheidungen, die du in der Zeit während des Abiturs und kurz danach triffst, kommen dir zu dem Zeitpunkt noch unglaublich wichtig vor. Du glaubst, dass du mit dem nächsten Schritt dein ganzes Leben bestimmst, doch dem ist nicht so. Nichts ist in Stein gemeißelt. Ich für meinen Teil hatte keinen konkreten Plan, keine Ambition. Ich wusste nur, dass ich Japan gerne mag, dass es das ist, was mich schon lange interessiert. Also bin ich nach Bonn gezogen und studierte Asienwissenschaften.

Wer immer eine Geisteswissenschaft studiert, kennt vermutlich die leidliche Frage: „Und was macht man dann damit?“ Würde ich für jedes Mal, wenn ich diese Frage höre 1€ bekommen, müsste ich nicht mehr arbeiten gehen. Und weil ich selber keine Ahnung hatte, erzählte ich allen, ich würde später „die Auslandskorrespondenz für deutsche Konzerne übernehmen“ oder „in eine japanische Firma in Deutschland gehen“. Das erzählte ich allen, die es hören wollten und versuchte es selbst auch zu glauben. Ich hatte ein Fach gewählt, von dem alle Welt zu glauben schien, dass man damit keinen „vernünftigen“ Job kriegen kann. Und ich gelangte selbst zu der Überzeugung, dass ich damit nur ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden kann, wenn ich in die wirtschaftliche Richtung gehe.

Doch was ist ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft?

Ist es nicht eigentlich ein Irrglaube, dass man nur nützlich ist, wenn man Arzt, Manager, oder Ingenieur wird? Kann man nicht auch nützlich sein, indem man Bücher schreibt, die Menschen berühren und sie wenigstens für ein paar Stunden aus ihrem tristen Alltag reißen? Oder wenn man Bilder malt, die sich Menschen in ihre Wohnungen hängen und Freude daran haben? Wer hat beschlossen, dass etwas kreatives weniger wichtig ist?

Je länger ich versucht habe auf dem Pfad der Vernunft zu wandeln und einen Kompromiss zu finden, desto mehr frage ich mich warum ich überhaupt Kompromisse eingehen muss.Warum nicht einfach machen, was ich will? Ist es das Risiko nicht wert?

Etwas zu tun, nur um sich der Illusion hinzugeben, dass man etwas realistisches macht – etwas, das von der Gesellschaft allgemein als erfolgreich und erstrebenswert angesehen wird, ist die größte Zeitverschwendung. Und doch hält es einen oft genug davon zurück, das zu tun, wofür man sich wirklich interessiert. Und selbst wenn diese Interessen sich ändern, scheiß drauf. Dann nimmt man halt eine neue Abzweigung und lässt alles weitere auf sich zukommen.

Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist nicht zwingend derjenige, der von 9 bis 5 im Büro sitzt und die Dinge tut, von denen er glaubt, dass er sie tun muss. Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist derjenige, der voll in dem aufgeht, was er tut und andere damit ansteckt – sie inspiriert.

Ich will endlich ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden, aber auf meine Art.