Die Angst vor der Unvergänglichkeit

 

TattooAls ich 14 oder 15 war, habe ich mir ein Labret-piercing stechen lassen. Damals war ich am Beginn meiner „unangepassten Phase“ und fand es nicht nur todschick, sondern dachte auch noch einen Schritt weiter: Was, wenn ich das Ding irgendwann nicht mehr will? Dann kann ich es einfach rausnehmen und keinen stört es. So habe ich selbst in dieser pseudo-rebellischen Zeit an die Zukunft gedacht. Wenn das mal kein feuchtes Schulterklopfen wert ist, dann weiß ich auch nicht. Vor ca. anderthalb Jahren war die Zeit meines Piercings dann gezählt – der Job rief.

Manchmal vermisse ich es schon ein wenig, weil es jahrelang ein Teil von mir war, aber das soll jetzt nicht das Thema dieses Beitrags sein. Stattdessen soll es um Tattoos gehen – denn im Gegensatz zu den meisten Piercings sind die wirklich für die Ewigkeit gedacht.

Tattoos haben mich seit meiner Jugend gereizt, doch ich hatte immer Angst vor der Bindung. Was, wenn mir das Motiv später nicht mehr gefällt? Oder die Stelle? Und wer will schon eine Sonne auf den Arm tätowiert bekommen, die im Alter eher wie eine Trockenpflaume aussieht? Ich hatte zahlreiche Ideen, die ich mir gerne hätte stechen lassen, doch neben dem Schmerz und dem Preis hielt mich vor allem die Angst vor der Unvergänglichkeit zurück.

Jeder, der sich in den 90ern ein Arschgeweih hat stechen lassen, läuft immer noch damit rum. Außer er hat ein Cover-Up machen lassen, was ein neues Tattoo bedeutet oder er hat in eine Laserentfernung investiert, was nicht nur scheißeteuer ist, sondern auch scheißewehtut.

Und dann machte es „Klick!“

Meine Einstellung, gefangen zwischen Skepsis und Faszination änderte sich beinahe schlagartig im Herbst letzten Jahres. Damals ließ ich mir einen Teil der Himalaya-Bergkette auf die Innenseite meines rechten Oberarms tätowieren. Es war mehr oder weniger eine spontane Aktion, die Entscheidung schnell getroffen und der Termin nur wenige Wochen später. Es war einer dieser Momente, in denen man einfach weiß: „Jetzt oder nie.“ Ich entschied mich für das „Jetzt“ und bereue es bisher kein Stück. Vielmehr frage ich mich, warum ich so lange gezögert habe.

Ich kann auch nicht sagen, was genau ausschlaggebend für den Sinneswandel war. Ich vermute aber, dass es vor allem daran lag, dass ich mich in der Zeit dafür entschieden hatte, wieder mehr ich selbst zu sein und meiner Intuition zu folgen. Und ich wollte mich nicht mehr jahrelang mit diesem elenden „Was wäre wenn…?“ beschäftigen? Nicht immer nur denken und alle Ideen monate- oder jahrelang durchkauen, sondern manchmal einfach machen.

Dabei ist das mit dem Durchkauen eine meiner Spezialitäten. Große und auf den ersten Blick wichtig erscheinende Entscheidungen münden bei mir jedes Mal in ellenlange Diskussion mit mir selbst, in denen das für und wider so lange gegeneinander abgewogen wird, bis ich mich gar nicht entscheide und alles im Sande verlaufen lasse. So ging es mir auch lange  mit dem Tattoo. Ich dachte lange Zeit, ein Tattoo muss bedeutungsschwer und symbolisch sein – immerhin wird es für immer auf der Haut bleiben.

Ganz entspannt bleiben

Mittlerweile sehe ich das etwas entspannter, was wohl überhaupt erst zu diesem ersten Tattoo geführt hat. Auch wenn ich mir ein Motiv später nicht mehr so stechen lassen würde, ist es trotzdem stellvertretend für eine gewisse Phase in meinem Leben – ganz egal, ob es im Moment des Stechens eine tiefsinnige Bedeutung hat, oder nicht. Es ist eine Erinnerung, aber auch Selbstdarstellung und –verschönerung. Es macht meinen Körper noch einzigartiger und bringt mich näher zu mir selbst.

Letztes Wochenende folgte dann das zweite Tattoo: Ein Lavendelstrauch am linken Unterarm. Beinahe bedeutungslos und absolut spontan, denn die Entscheidung dazu habe ich erst am Abend davor gefällt.  Es ist, als wäre meine Hemmschwelle wie eine bröcklige Mauer in sich zusammengefallen. Im Kopf sind beide Arme schon voller Tattoos und von der anfänglichen Angst ist keine Spur mehr.

Vielmehr freue ich darauf, wenn ich in vielen Jahrzehnten alt und runzelig bin und mir mit anderen tätowierten Verrückten das Altenheim teile. Dann zeigen wir uns gegenseitig unsere Trockenpflaumen- und aprikosen und lachen darüber. Über uns, die Tattoos und manchmal auch darüber, wie dumm wir waren, as wir sie uns haben machen lassen. Weil das Leben nicht perfekt ist und wir sind es auch nicht.

Trotzdem sind wir die meiste Zeit irgendwie glücklich damit.

Ich weiß nicht, ob meine Tattoos mir in ein paar Jahren noch gefallen werden, doch ich weiß, dass ich bisher die Dinge, die ich nicht getan habe, immer mehr bereut habe, als die Dinge, die ich getan habe und dass ich im Moment sehr zufrieden mit ihnen bin.

Was sollte ich sonst noch wollen?

 

Die wertvollste Ressource der Welt

Zeit

Das Thema Geld ist überall – egal, ob man es hat oder nicht. Oft sind wir damit knauserig. Ich kann mich beispielsweise noch gut an mein Studium erinnern, als ich sämtliche Ausgaben und Einnahmen aufgeschrieben habe, um den Überblick über mein Geld zu behalten. Und nicht selten habe ich überlegt, ob ich mir das Kino oder den Restaurantbesuch wirklich leisten kann.

Geld ist also nicht nur überall, sondern es ist auch noch extrem wichtig. Ohne Geld haben wir kein Dach über dem Kopf und können uns nichts zu Essen leisten. Kein Urlaub, keine neue Kleidung, nix. Trotzdem gibt es für mich noch etwas, das in den letzten Monaten viel, viel wichtiger geworden ist: Zeit. Denn während wir Geld durch Arbeit und Sparen vermehren können, wird die Zeit, die wir auf dieser Erde haben immer weniger.  Wir wissen noch nichtmal, wie viel wir am Ende überhaupt von ihr haben. Trotzdem gehen wir mit ihr um, als wäre sie grenzenloses Gut.

All die Stunden, die wir mit dem Binge-Watching irgendwelcher Serien verbringen oder damit, uns vor den Sachen zu drücken, die wir eigentlich machen sollten… all das ist wertvolle Zeit, die nahezu ungenutzt verstreicht und nicht wieder zurückkommt. Ich selbst bin oft recht wahllos, wenn es darum geht, wie ich mir meine Tage einteile. Dann nehme ich mir zwar oft Dinge vor, die ich tun will, aber am Ende versacke doch vor dem Fernseher oder in einem der zahlreichen Wurmlöcher auf Youtube. Am Ende des Tages habe ich nichts gemacht, außer mich berieseln zu lassen.

Wertvolles Potenzial wird einfach verschenkt

Ich glaube nicht, dass man seinen Tag mit sämtlichen Kunstgriffen aus der Effizienz-Trickkiste feintunen muss, nur damit am Ende auch wirklich jede Minute sinnvoll genutzt sind. Mir persönlich sind solche Pausen, in denen ich nichts tue, auch mehr als willkommen. Wenn ich den ganzen Tag über meiner Arbeit gebrütet habe, will halt einfach nichts mehr machen, das mich mental anstrengt. Nur nehmen diese „kleinen Pausen“ schnell Überhand. Statt zu schreiben oder etwas anderes kreatives zu machen, gebe ich mich dann komplett dem Konsum hin.

In diese Falle bin ich besonders gerne während des Studiums getappt, als ich noch mehr Zeit hatte. Nur ist es mir damals nie wirklich aufgefallen. Jetzt, mit einem Vollzeitjob, ist mir erst bewusst geworden, wie wenig freie Zeit mir eigentlich zur Verfügung steht, um mir die Träume und Ziele zu erfüllen, die ich abseits meines Jobs habe. Muss ich während meines Feierabends wirklich 3 Folgen einer Serie schauen? Oder reicht es auch, wenn ich mal nur eine Folge gucke?

Wir tauschen langfristiges Glück gegen kurzfristiges Vergnügen

Es ist natürlich immer die einfachere Wahl, den Konsum zu wählen und sich stundenlang einfach nur berieseln zu lassen, statt aktiv zu werden. Doch fühlen wir uns danach wirklich besser? Ich muss zugeben, dass ich es manchmal schon bereue, wenn ich Sonntagabends ins Bett gehe mit dem Wissen, dass ich nichts geschafft habe, außer eine ganze Staffel Gilmore Girls zu gucken – was sicher auch irgendwo beeindruckend ist. Aber war das wirklich die ganze Zeit wert, die ich dafür hergegeben habe?

Wäre es schlimm gewesen, wenn ich zumindest 2 Stunden freigeschaufelt hätte, um spazieren zu gehen oder wenigstens etwas zu lesen? Gerade nach einem langen Tag auf der Arbeit fällt es mir sehr leicht, mich direkt in meinen Pyjama zu schmeißen und den Rest des Abends an mir vorbeiziehen zu lassen. Auch diese Blogposts, die mir eigentlich Spaß machen und mir dabei helfen, das Chaos in meinem Kopf zu ordnen, erfordern eine gewisse Anstrengung und Mühe.

Es war ja schon Arbeit, den Fernseher nach einer Folge Suits abzustellen, um diesen Beitrag hier zu schreiben.

Schlussendlich sieht es jedoch so aus: Jeder Mensch auf diesem Planeten hat 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Der einzige Unterschied zwischen den Menschen, die Erfolg (welcher Art auch immer) und Erfüllung verspüren und dem Rest, der sich zwar das gleiche wünscht, aber nichts dafür tut, ist die Art wie er diese 24 Stunden nutzt.

Der erste Schritt in die richtige Richtung besteht darin, wirklich zu erkennen, wie man seine Zeit verbringt. Worin investieren wir besonders viel Zeit? Macht uns das langfristig glücklich? Und was würden wir gerne mehr in unser Leben integrieren? Allein indem wir damit anfangen, über diese Fragen nachzudenken und uns ernsthaft mit ihnen auseinander zu setzen, fördern wir einen bewussteren Umgang mit der wichtigsten Ressource der Welt.

Du bist deines Glückes Schmied

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Als Jugendliche habe ich viel Zeit dafür aufgewendet, unangepasst zu sein. Ich habe mir mein Lippenpiercing stechen lassen, die Haare schwarz gefärbt – überhaupt war da sehr viel schwarz involviert – und Musik angehört, die außer mir keiner mochte. Es ging mir nicht primär darum, ein Ehrenmitglied im „Special-Snowflakes-Club“ zu werden, sondern ich fand es schön, in meiner eigenen Welt zu leben und einfach nur das zu tun, was mir gerade Spaß macht. Dass die meisten meiner Klassenkameraden damit nichts anfangen konnten, kümmerte mich nicht und auch dass ich mich dadurch in gewisser Weise von ihnen distanzierte.

So hundertprozentig egal war es mir dennoch nicht, was sie über mich dachten; zumindest, was den Unterricht angeht. Ich war schweigsam, aus Angst, mich mit falschen Antworten zu blamieren und das hat mir meine Abitur-Note am Ende etwas zerschossen. Und auch so habe ich mich selten in etwas eingemischt, auch wenn ich vielleicht anderer Meinung war als meine Klassenkameraden. Wirklich lösen konnte ich mich von ihrer Meinung also nie.

Das ist ein Zwiespalt, den wohl die meisten Leute mit sich ausfechten müssen. Auf der einen Seite möchte man sich abheben und sein eigenes Ding durchziehen. Auf der anderen Seite möchte man aber auch anerkannt und gemocht (oder wenigstens nicht abgelehnt) werden. Die wenigsten Leute, die ich kenne, scheißen – auf gut Deutsch gesagt – wirklich auf das, was andere über sie sagen. Diese Kompromisslosigkeit finde ich bewundernswert, solange man seine Mitmenschen nicht vollkommen vergisst.

Du bist für dich selbst verantwortlich

Die meisten von uns vergessen aber, dass wir selbst unser Glückes Schmied sind undn icht „die anderen“. Wenn wir nicht die Dinge tun, die wir tun müssen, um glücklich und erfolgreich zu sein, nur weil uns die Meinung anderer so wichtig ist, dann blockieren wir uns selbst. Das habe ich damals in der Schule mehr als genug miterlebt. Privat konnte ich mich in meiner Persönlichkeit ausleben, doch beim Thema Schule hemmte mich meine Angst extrem. Deswegen habe ich mein Potenzial nie ganz entfaltet.

Vor allem in den letzten Monaten ist mir mehr und mehr bewusst geworden, wie wichtig es ist, selbst die Zügel in die Hand zu nehmen und einfach mal zu machen, ohne sich darum zu scheren, was andere davon halten könnten:

Du hast eine Idee und willst ein Unternehmen gründen? Dann krieg‘ deinen Arsch hoch und mach es. Du willst dir ein Tattoo stechen lassen? Warum auch nicht. In ein paar Jahrzehnten werden fast alle unserer Kumpels im Altenheim tättoowiert sein. Du willst alleine eine Reise machen? Ja, warum auch nicht? Jeder muss seine eigenen Erfahrungen im Leben machen, um weiter zu kommen, sein eigenes Lehrgeld dafür bezahlen.

Menschen im Leben kommen und gehen, und wenn sie einen ablehnen wegen der Dinge, die man tut, dann sind sie einfach nicht diejenigen, die man in seinem Leben haben sollte. Wenn du die Dinge tust, die für dich richtig sind, ziehst du auch die Menschen an, die für dich richtig sind.

Das klingt im ersten Moment einfach, aber selbst ich weiß, dass es das nicht zwingend ist. Ich selbst werde nie jemand sein, der anderer Leute Meinungen einfach ausblenden kann, aber ich kann mir nach und nach Teile von mir zurückerobern und die konstruktive Kritik, die ich auf meinem Weg bekomme, nutzen um weiter zu wachsen.

Auf die innere Stimme hören

Es ist kein Neujahrsvorsatz, den ich erst 2018 umsetzen will, sondern mit sofortiger Wirkung: Ich will tiefer in mich hineinhorchen und herausfinden, was ich will. Was ich tun muss, um glücklich zu sein und danach zu handeln, auch wenn nicht alle meiner Mitmenschen das verstehen.

Ich kann mich einfach nur wiederholen: Wir sind unseres Glückes Schmied und wenn wir nicht endlich die Verantwortung dafür übernehmen, dann wird das niemand tun.  Mach dich frei von deinen Ängsten und nimm‘ dein Leben selbst in die Hand – nicht für andere, sondern für dich.