Der Weg zur Achtsamkeit

Achtsamkeit

Bei dem Wort „Achtsamkeit“ denken viele an Hippies, die jeden Tag stundenlang meditieren, Bäume umarmen und von der großen Liebe reden, die die ganze Menschheit eint. Lange hielt ich das Geschwafel von Achtsamkeit oder mindfulness, wie es so schön im Englischen heißt, auch nur für esoterisches Hippie-Zeug. Jetzt, wo ich mich etwas länger mit diesem Thema beschäftigt habe, hat sich meine Wahrnehmung jedoch ziemlich gewandelt.

Ganz nüchtern betrachtet, ist Achtsamkeit nichts anderes als ein Bewusstseinszustand, der es einem ermöglicht, das aktuelle Geschehen in einem und um einem herum zu beobachten. Diese innere Wachsamkeit befähigt uns dazu bewusstere Entscheidungen treffen, statt immer nur unseren Impulsen zu folgen. Wir lernen uns selbst besser kennen und entwickeln im besten Fall ein tieferes Verständnis für uns selbst und andere.

Es hat also weniger etwas damit zu tun, immer und überall im Reinen mit sich und der Welt zu sein, sondern vielmehr damit, zu erkennen, wann welche Gefühle in einem aufkommen und sie nicht weg zu schieben. Warum fühle ich mich gerade jetzt so wie ich mich fühle? Wie kann ich am besten darauf reagieren? Es ist eine kontinuierliche Selbstreflexion.

Anstrengend, aber lohnenswert?

Durch Achtsamkeit sind wir zum Beispiel dazu in der Lage, uns nicht wegen jeder Kleinigkeit unnötig direkt aufzuregen. Stattdessen halten wir eine Sekunde inne, betrachten die Situation von außen und können so besser einschätzen, ob es sich wirklich lohnt, unsere Energie auf einen Wutanfall zu verwenden, der meistens sowieso kaum nutzbringend ist. Das ist aber nur der Idealzustand, denn in der Realität sieht es oft etwas anders aus.

Außerdem weiß ich auch, dass sich das irgendwie anstrengend anhört. Besonders die Worte „kontinuierliche Selbstreflexion“ klingen nach einem Haufen Arbeit, die da hinter den Kulissen im Kopf abgehen muss. Und ich muss auch sagen, dass es mir nicht immer leicht fällt – vor allem dann, wenn es darum geht, meinen Ärger in Zaum zu halten. Ich rege mich oft viel zu schnell über Kleinigkeit auf, die es eigentlich nicht wert sind.

In solchen Momenten fängt die Achtsamkeit oft erst dann an, wenn der erste Ärger bereits verraucht ist. Dann erst frage ich mich, warum ich mich so aufgeregt habe und ob mich das wirklich weitergebracht hat (spoiler: die Antwort lautet fast immer Nein). Das mag für viele vielleicht nach der falsche Reihenfolge klingen, um Achtsamkeit zu praktizieren, weil ich dann nicht im Moment bin, doch ich glaube, dass es schon hilft, sich seiner Emotionen und Gedanken überhaupt bewusst zu werden und sie zu hinterfragen – egal wann.

Durch Achtsamkeit schlechte Gewohnheiten durchbrechen

Es gab eine Zeit, da „musste“ ich 5 mal die Woche Sport machen. Andernfalls hatte ich das Gefühl, nichts geschafft zu haben und mich von meinen Zielen zu weit zu entfernen. Wenn ich in einer Woche ein Mal weniger Sport gemacht habe, weil viel los war oder weil ich einfach mal nicht die Energie dafür hatte, habe ich mich schlecht gefühlt. In dieser Zeit war ich zwar zufrieden, weil ich Ergebnisse gesehen habe und für meine Verhältnisse recht fit war, aber ich war unentspannt und habe meine Tage immer um den Sport herum geplant.

Dabei habe ich auch innere Bedürfnisse ignoriert wie Müdigkeit oder einfach die Lust, mich mit Freunden zu treffen, weil es meinen Zeitplan zerschossen hätte. Von Achsamkeit mir selbst und anderen gegenüber konnte da keine Rede sein.

Heute höre ich besser auf mich. Ich versuche immer noch regelmäßig Sport zu machen und mich zu bewegen, aber nicht um jeden Preis. Wenn ich spüre, dass ich erschöpft bin, dann lasse ich es bleiben. Wenn ich mich mit Freunden treffen will, dann mache ich das. Ich fühle mich dann auch nicht mehr so schlecht wie früher, weil ich genau weiß, dass ich meinem Körper einen größeren Gefallen tue, wenn ich ihm hin und wieder etwas Ruhe gönne.

Es ist immer eine Reise

Bei Dingen wie Sport fällt es mir also langsam leichter achtsam zu sein, denn so etwas ist mehr oder weniger planbar. Schwieriger wird es, wenn ich spontan mit Sitationen konfrontiert werde, die mich stören und die bei mir sehr schnell den Impuls auslösen, zu fluchen und mich in Grund und Boden zu ärgern. Selbst wenn ich versuche, die Situation rational zu betrachten und auch einsehe, dass mein Ärger nichts bringt, kann ich ihn in diesem Moment nicht loslassen. Und solche Momente kommen häufig vor.

Ich hoffe wirklich, dass ich irgendwann über diesen Zustand des ständigen sich Ärgerns hinweg komme, aber muss dafür leider einen Schritt nach dem anderen machen. Bei meiner latenten Ungeduld ist das echt nicht einfach. Schummeln gibt es hierbei (leider) nicht, wenn es darum geht, an sich selbst zu arbeiten.

Wie alles im Leben ist also auch Achtsamkeit ein Prozess, beziehungsweise eine Reise, auf die man sich auch erstmal einlassen muss. In meinen Augen ist sie aber absolut nutzbringend und wenn man sich von dem vermeintlichen Hippie-Zeug losreißt.


In diesem Sinne schließe ich mit einem kleinen Appell ab:

Nutze die nächsten Tage, um dein Innenleben bewusster wahrzunehmen. Was fühlst du in bestimmten Momenten? Warum bist du wütend, enttäuscht oder einfach mal glücklich? Und was kannst du daraus für die Zukunft mitnehmen?

Dem materiellen Chaos Herr werden (inkl. Worksheet)

Ausmisten

Dieses Wochenende steht bei mir ganz im Zeichen der Entrümpelung. Ich habe eine Box mit 15 Büchern, DVDs und CDs gepackt, die ich zu Momox schicken werde und weitere Bücher ausgesucht, die ich zum Bücherschrank bringen werde, damit Leute sich die kostenlos mitnehmen können. Ich habe alte Handtücher und Klamotten aussortiert und Zeitschriften weg geschmissen. Und das ist erst der Anfang.

Es ist faszinierend und erschreckend zugleich, wie viel Zeug sich in ein paar Jahren ansammelt und wie wenig man davon tatsächlich braucht. Wobei man, wenn man den Begriff „brauchen“ ganz streng sieht, auch gleich 90% seiner Besitztümer weg schmeißen könnte. Doch an vielen Dingen halten wir nur fest, weil wir emotionale Verbindungen zu ihnen haben. Wir benutzen sie eigentlich gar nicht mehr, doch jedes Mal, wenn wir darüber nachdenken, sie weg zu geben, bekommen wir ein schlechtes Gewissen. Am Ende stehen sie aber doch nur in der Ecke und setzen Staub an.

Meistens handelt es sich dabei um Geschenke oder wir verbinden diese Dinge mit bestimmten Ereignissen in unserem Leben. Natürlich ist es schön, etwas in die Hand zu nehmen und sich an etwas besonderes zu erinnern, doch manchmal sollte man sich auch die folgende Frage stellen:

Ist meine Erinnerung weniger wert, wenn ich dieses Ding weg gebe?

In letzter Zeit habe ich mich auch vermehrt gefragt, ob ich manche Dinge nur behalte, weil sie zur Gewohnheit geworden sind. Sie waren einfach schon immer da, haben sich dadurch nahtlos in das Bild meiner Wohnung eingefügt. Deshalb habe ich sie nie hinterfragt. Und oft ist da dieser trügerische Gedanke, dass ich sie irgendwann nochmal gebrauchen könnte. Das ist in den meisten Fällen ein Irrtum. Viele Dinge haben nach einer gewissen Zeit ihren Zweck bei uns erfüllt. Sie darüber hinaus noch zu behalten, bedeutet nur weiteren Ballast – emotional und räumlich.

Vor allem bei Büchern fiel es mir immer schwer einen Schlussstrich zu ziehen. Ich lese unglaublich gerne und ich liebe es, Bücher zu besitzen – mich einfach tagtäglich mit ihnen zu umgeben. Aber es gibt immer Bücher, die einem weniger gefallen als andere. Warum sollte ich sie noch länger behalten, wenn ich sie nicht mehr lese? Nur um ein volles Bücherregal zu haben? Dabei gibt es mit Sicherheit andere Menschen, die sie mehr wertschätzen würden als ich.

Das gleiche gilt für diese eine Hose, die jede Frau nur deswegen im Kleiderschrank hat, weil sie glaubt, dass sie irgendwann wieder passt. Vielleicht passt sie irgendwann tatsächlich wieder, aber das muss nicht heißen, dass sie deshalb jahrelang im Schrank liegen und einem womöglich noch ein schlechtes Gewissen machen sollte. Wir wissen nur, was im Jetzt passiert und was uns im Jetzt nicht glücklich macht, sollte einfach gehen.

Das 7-Fragen-Worksheet

Im Zuge meiner Aufräum-Wut, die mich die Tage ergriffen hat, habe ich ein kleines Worksheet mit Fragen zusammengestellt, die mir dabei helfen, wenn ich Dinge aussortiere. Sie helfen dabei, jeden Gegenstand, bei dem man sich unsicher ist, besser einordnen zu können. Und obwohl es sich um scheinbar einfache Ja-Nein-Fragen handelt, haben sie zumindest bei mir viele Denkprozesse angeregt, wenn es um die Dinge geht, mit denen ich mich tagtäglich umgeben möchte.

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Die Art, wie ich jetzt an dieses Thema herangehe, ist sehr durch die Methode von Marie Kondo inspiriert, wenn auch nicht ganz so strikt. Sie fragt sich stets: „Does it spark joy?“ („Löst es ein Glücksgefühl aus?„). Daran lehnt sich auch die erste Frage auf dem Worksheet an.

Niemand tickt gleich

Im Grunde ist es aber so: Manche Menschen können nur mit wenig Dingen um sich herum leben, weil alles andere sie ablenkt und wieder andere lieben es, sich mit ein bisschen Schnickschnack zu umgeben. Ich gehöre eindeutig in die letzte Gruppe. Am Ende muss natürlich jeder selbst wissen, womit er sich umgibt. Es gibt meiner Meinung nach keine Methode zur Entrümpelung, die bei allen Menschen gleich funktioniert, weil jeder für sich andere Schwerpunkte im Leben setzt.

Ich selbst habe nach jeder Aufräumaktion das Gefühl, wieder ein bisschen besser atmen zu können und mehr Klarheit zu haben. Bis die nächste Session vor der Tür steht.