Vernunft und Verlangen

beinahe ons

Wir waren beide betrunken und ich war einfach da, als du mich fragtest, ob wir zu dir gehen sollen oder zu mir. Dabei wusste ich genau, dass nicht ich es sein musste, die mit dir gehen soll, sondern einfach irgendwer. Nur war ich gerade diejenige, die da war. Die um kurz vor 3 in der Nacht dicht an dicht mit dir in der Kälte stand.

Für einen Moment dachte ich tatsächlich darüber nach, es zu tun. Egal, ob zu dir oder zu mir. Der Gedanke, die Wärme eines anderen Menschen bei und in mir zu spüren, war beruhigend. Wie so oft, wenn ich betrunken und emotionaler bin als mir gut tut. Allerdings war ich in solchen Augenblicken normalerweise alleine. Jetzt warst du da. Die Frage, die schon während unseres gemeinsamen Fußwegs schwer und nebulös in der Luft lag, nun ausgebreitet vor uns auf dem Tisch.

Die Versuchung, einfach mit dir ins Bett zu kriechen, war groß. Ich wollte nicht an das denken, was danach passieren könnte, aber ich tat es. Und alles, was ich „danach“ sah, war kompliziert und anders. Beides Worte, die ich nicht leiden kann. Es fiel mir wirklich schwer, etwas abzulehnen, das ich nie erwartet und mir doch für einen kurzen Traum einmal gewünscht hatte. Doch die Angst vor dem, was danach passieren würde, war zu groß.

Ich wollte nicht noch mehr Scham spüren oder die Blicke der anderen, die mir jedes Mal aufs neue sagen: „Wir wissen es.“ Es hätte in dieser Nacht auch für mich irgendwer gereicht. Und wenn ich losgelassen hätte, hättest du gereicht. Vielleicht sogar mehr als das, aber wer will am Ende schon irgendwer sein?

Also entschied ich mich für die unausgesprochene, dritte Option. Unsere Wege trennten sich. Du gingst zu dir und ich zu mir. Wir sprachen nicht mehr darüber und das ist auch gut so. Auch wenn ich ab und an daran denken muss, was passiert wäre, wenn ich deine Frage anders beantwortet hätte, bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Irgendwie.

Und so siegte einmal mehr die Vernunft über das Verlangen.