Fakten: Das A und O einer guten Geschichte?

Art

Als Kind habe ich gerne Geschichten geschrieben. Damals habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, ob etwas realistisch oder sinnvoll ist. Ich bin einfach meiner Fantasie gefolgt. Die Ergebnisse waren oft so seltsam wie faszinierend. Dieser unbefangene Umgang mit meiner Fantasie ist im Laufe der Jahre immer stärker zurückgegangen. Stattdessen habe ich einen größeren Wert auf Fakten gelegt.

Im Zuge dessen habe ich mehr Gehirnschmalz in meine Geschichten gesteckt. Für eine bestimmte Story sammelte ich sämtliche Informationen über Jack the Ripper, Folterinstrumente und das viktorianische London, die ich finden konnte. Für eine andere zeichnete ich eine Karte von Manhattan mit den wichtigsten Merkmale aller Viertel und überlegte wie ich sie sinnvoll in die Geschichte einweben konnte. Teilweise suchte ich mir dafür sogar die Strecken der öffentlichen Verkehrsmittel raus, um zu sehen, wie lang die Wege zwischen einzelnen Punkten waren.

Recherche > Schreiben?

Am Ende war es ein bisschen wie beim Sims-Spielen: Ich habe mehr Zeit damit verbracht, das Haus zu bauen, als tatsächlich mit den Sims zu spielen. Es hat zum einen länger gedauert, aber es hat teilweise auch fast schon mehr Spaß gemacht. Und mal ehrlich: wer liest nicht gerne stundenlang Artikel über „Spanische Stiefel“, „die Judaswiege“ und co.?

Nur ich? Auch gut…

Der Sinn dieser ganzen Recherche war eigentlich nur eines: Ich wollte meine Geschichten so authentisch wie möglich schreiben. Dass dabei vieles trotzdem reines Fantasiegespinst war, steht außer Frage. Denn es ist nun mal so: ich habe nie im viktorianischen London gelebt, geschweige denn irgendein Folterinstrument selbst ausprobiert und als ich meine andere Geschichte schrieb, hatte ich noch nie einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt. „Authentisch“ bezieht sich also auf den Rahmen meiner stark beschränkten Möglichkeiten und Kenntnisse.

Irgendwann habe ich mal gehört, dass man nur das schreiben soll, was man selbst kennt. Auf der einen Seite macht es durchaus Sinn: wie soll ich über das Leben in Indien schreiben, wenn ich noch nie da gewesen bin und gar nicht weiß, wie die Leute dort leben? Dabei ist es auf der anderen das Schöne an der Kunst, egal in welcher Form, dass man die Realität nehmen und sie nach den eigenen Vorstellungen formen kann. Man kann ihr den Anstrich verleihen, den man gerade benötigt und so seine eigene Version dieser Realität erschaffen.

Denn noch wichtiger als die Fakten ist für mich die Atmosphäre – das Gefühl, das eine Geschichte bei einem hinterlässt. Deshalb glaube ich zwar an eine gründliche Recherche, aber nur, um die Atmosphäre zu unterstützen, die ich kreieren will und ihr einen passenden Rahmen zu geben. Es ist meine Art, um neues zu entdecken und so meinen Horizont zu erweitern.

Nobody’s perfect – nobody’s the same

Ich würde es mir nie nehmen lassen, über ein Thema zu schreiben, das mich interessiert, nur weil ich es selber nicht erlebt habe. Was ich schreibe, mag dann nicht zu 100% den Tatsachen entsprechen, aber was heißt das schon? Was ist schon richtig oder falsch, wenn jeder die Welt anders wahrnimmt? Und muss immer alles streng realistisch sein?

Wenn ja, dann würde es wahrscheinlich mehr als die Hälfte aller Filme und Bücher, die wir so sehr lieben, nicht geben. Und das wäre einfach nur traurig. Ich für meinen Teil möchte mir die Freude am Schreiben nicht durch irgendwelche Dogmen dieser Art nehmen lassen. Dafür ist mir das bisschen Kreativität zu kostbar, das ich in mir trage und das muss auch genutzt werden. Selbst wenn das bedeutet, dass ich trotz aller Sorgfalt Fehler machte.