Tagträume am Morgen

Tagträume

Ich habe das große Glück, dass meine Wohnung und mein Arbeitsplatz nicht weit voneinander entfernt sind. 10 Minuten zu Fuß zum Bahnhof, dann nochmal 8 Minuten mit der Bahn und 3 Minuten zu Fuß zum Bürogebäude. Wenn alles so ideal läuft, dann brauche ich weniger als eine halbe Stunde von A nach B. Das ist genug räumlicher Abstand zwischen meiner Arbeit und mir, aber nah genug, um nicht zu viel Zeit mit Pendeln zu verschwenden.

Trotzdem habe ich in letzter Zeit immer wieder das Gefühl, dass gerade die Bahnfahrt einfach nicht lang genug sein kann. Das liegt noch nichtmal daran, dass ich keine Lust auf meine Arbeit habe – auch wenn man diese Tage hin und wieder mal hat. Vielmehr ist es so, dass ich in dieser Zeit vollkommen in meiner eigenen Welt versinke.

Meist höre ich auf dem Weg zur Arbeit einen Podcast, oder Musik, bin dann meistens noch nicht bereit für die Interaktion mit anderen Menschen. Ich sitze immer auf demselben Platz und schaue während der Fahrt nach draußen; über die Hintergärten hinweg durch die Fenster der Häuser. Die meisten davon sind Altbauten mit richtig großen Fenstern, sodass man viel von den Wehnungen und Büros sehen kann.

Ich genieße es richtig, das Geschehen zu beobachten und mir vorzustellen, was die Leute hinter den Fenstern machen und wie mein Leben wäre, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Manchmal ist da aber auch eine angenehme Stille in meinem Kopf, die ich so sehr selten erlebe. Alles fließt einfach an mir vorbei  ohne dass ich besonders viel darüber nachdenke. An diesen Morgenden geht die Fahrt besonders schnell.

Noch ehe ich mich versehe, ertönt der Name meiner Station über den Lautsprecher und reißt mich aus meinem Tagtraum. Oft genug frage ich mich dann, was passieren würde, wenn ich einfach sitzen bleiben und weiterfahren würde. Als pflichtbewusster Mensch habe ich das natürlich noch nie gemacht, doch ich muss zugeben, dass die Versuchung hin und wieder sehr groß ist. Sitzen bleiben, weiter träumen und irgendwann wieder ganz entspannt nach Hause fahren.

Doch stattdessen stehe ich auf, verlasse den Zug und gehe zur Arbeit. Und so verbringe ich meinen Tag, immer einen Schritt nach dem nächsten nehmend, damit ich morgens nicht einfach im Bett liegen bleibe und mir die Decke über den Kopf ziehe. Damit ich nicht doch irgendwann einfach mal sitzen bleibe, nur um zu sehen, wo mich meine Reise hin führt. Ein Leben im Autopilot.

Besonders an Tagen, an denen ich mich nicht so fit fühle, sind diese knapp 30 Minuten des Pendelns für mich sehr wichtig. Ich kann mich mental auf das vorbereiten, was an dem Tag auf mich zukommt, ohne dass mich jemand stört oder ich direkt aktiv werden muss. Ich kann jederzeit mit meinen Gedanken abschweifen, wenn ich will. In diesen Minuten ist das auch nichts schlimmes, denn es gibt ja sonst nichts für mich zu tun. Ich kann so viel oder so wenig nachdenken, wie ich will und worüber ich will.

Tagträumen ohne Reue. Ich würde sagen, das ist der Hauptgrund, warum ich meinen Weg zur Arbeit so sehr liebe, warum ich ihn am liebsten wie ein Kaugummi in die Länge ziehen würde. Diese Momente des Leerlaufs sind so wertvoll und so unglaublich wichtig für mich. Doch am Ende geht das Leben immer weiter.