Das fiese „Was-kann-ich-eigentlich-Syndrom“

workErfahrung zu sammeln, und davon möglichst viel, ist mit das Beste, was ein Mensch in seinem Leben machen kann. Nur indem wir Erfahrung sammeln, kommen wir weiter. Dabei ist es eigentlich so, dass es auf jedem Gebiet, das wir uns vorstellen können, Menschen gibt, die besser sind als wir. Das ist gut, weil wir dann von ihnen lernen können. Andererseits kann das ziemlich frustrierend sein.

Schließlich haben wir viel zu häufig den Anspruch an uns selbst, alles perfekt machen zu müssen – und das am besten von Anfang an. Wenn wir mit diesem Anspruch im Hinterkopf jemanden sehen, der besser ist als wir, ist es egal, dass diese Person unter Umständen schon mehrere Jahre Erfahrung auf dem Gebiet hat. Wir sehen nur den aktuellen Erfolg und das, was wir  im Vergleich bieten können: nicht viel.

Doch wer weiß schon, was diese Person alles durchgemacht hat, um dorthin zu kommen, wo sie jetzt ist? Jeder bezahlt schließlich sein eigenes Lehrgeld. Wir denken aber oft nur eines: „Verdammt, er/sie ist so viel besser als ich. Wie soll ICH das jemals schaffen?

Konstruktivität statt Destruktivität

Diese Angewohnheit die eigenen Fähigkeiten abzuwerten, kann sich schnell als fatal erweisen; nämlich dann, wenn sie anfängt uns zu lähmen. Ich habe das bei mir selbst schon viel zu oft beobachtet: Die Erfolge anderer haben mich häufig derart verunsichert, dass ich mein Vorhaben nur noch halbherzig verfolgt und schließlich komplett aufgegeben habe. Und damit bin ich nicht alleine. Wir alle leiden hin und wieder unter diesem „Was-kann-ich-eigentlich-Syndrom“ – und schmeißen hin.

Im idealen Fall sehen wir die Überlegenheit Anderer als Ansporn an. Das Ziel kann dann zum Beispiel folgendes sein: Ratschläge und konstruktive Kritik von erfahrenen Menschen nicht als destruktiv zu empfinden und stattdessen auf ihnen aufzubauen. Oder es kann bedeuten, dass man sich erfolgreiche Menschen ansieht und versucht zu rekonstruieren, wie sie zu ihrem Erfolg gekommen sind – Reverse Engineering sozusagen.

Dabei ist es noch nicht mal so wichtig genau den Weg Schritt für Schritt abzubilden, den die Person tatsächlich gegangen ist. Viel bedeutsamer ist es, wenn man so einen Weg findet, der für einen selbst sinnvoll und unter Umständen sogar machbar ist.  Dass nicht alles von Anfang an rund läuft, wenn man sich dann selbst daran versucht, versteht sich von selbst. Fehler gehören halt immer dazu.

Jeder muss seinen eigenen Weg gehen

Es bringt natürlich nichts, sich 1:1 mit anderen zu vergleichen; erst recht nicht, wenn man sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befindet. Stattdessen versuche ich mittlerweile, mich vermehrt mich mit mir selbst zu vergleichen: Wo stand ich vor einer Woche? Wo vor einem Monat? Wenn man sich mit seinem vergangenen Ich vergleicht, fällt es wesentlich leichter, die Fortschritte, die man gemacht hat, auch als solche anzuerkennen. So sieht man weniger die Sachen, die man noch nicht kann und mehr von den Fähigkeiten, die man sich in der Zwischenzeit angeeignet hat.

Denn das Schöne und gleichzeitig auch Gemeine am „Was-kann-ich-eigentlich-Syndrom“ ist, dass es meistens im Zusammenhang mit anderen Menschen auftaucht. Und weil sich der Kontakt zu anderen Menschen nie ganz vermeiden lässt (außer man zieht irgendwo in den Busch, oder auf eine einsame Insel), kann man es leider auch nie ganz abstellen. Man kann jedoch lernen damit umzugehen und seinen Fokus, wie oben erwähnt, anders ausrichten.

Zusammengefasst habe ich also folgende Wege für mich gefunden, die mir dabei helfen, dieses fiese Stimmchen in meinem Kopf leiser zu drehen:

  1. Konstruktive Kritik und Ratschläge von Leuten, die besser sind als ich, auch so anzunehmen und sie zu integrieren
  2. Reverse Engineering: Mir anschauen, wo andere stehen und mit welchen Schritten ich auch dorthin kommen könnte (Jeder macht seine eigenen Erfahrungen)
  3. Den Vergleich mit mir selbst suchen: Wo habe ich mich in der letzten Zeit verbessert? Wo kann ich noch an mir arbeiten?

So formuliere ich die Frage „Was kann ich eigentlich?“ um in „Was kann ich noch tun, damit ich noch besser werde, als ich es jetzt schon bin?“ und integriere dabei das im Grunde sehr wertvolle Feedback meiner Mitstreiter.

 

Der größte Feind des Selbstbewusstseins

vergleichVergleiche sind schon etwas praktisches. Sie helfen uns dabei, uns und andere in einem größeren Kontext zu sehen und unsere Leistungen einzuordnen. Doch so praktisch sie sind, so toxisch können sie auch sein – nämlich wenn man sie zu persönlich nimmt und auf Bereiche bezieht, in denen sie eigentlich keinen Sinn machen.

Nehmen andere den Vergleich an mir vor, finde ich es nicht weiter schlimm. Wenn ich schlechter als jemand anderes abschneide, überlege ich mir woran das liegt und das Leben geht weiter. Weitaus schwerwiegender sind die Vergleiche, die ich mir selbst aufbürde und die nicht selten einen Hang zum Irrationalen haben. In nahezu allen Bereichen des Lebens ist es möglich, mit anderen zu konkurrieren. Das ist es auch, was die meisten Vergleiche prägt: Konkurrenz. Und für mich war das Gefühl, einem anderen Menschen in etwas nachzustehen, egal ob physisch, intellektuell oder charakteristisch gesehen, schon immer etwas, das ich nur schwer beiseite schieben konnte. Ich bin von Natur aus klein und schmal, was mich aber nie davon abhielt so viel schleppen zu wollen, wie Menschen, die eigentlich viel stärker sind als ich – einfach, weil ich nicht schwächer sein wollte. Wenn ich Menschen sehe, die erfolgreicher sind als ich, oder auf irgendeiner Ebene scheinbar mehr erreicht haben, ist das im ersten Moment ein Schlag ins Gesicht. Sofort frage ich mich, warum ich nicht so gut sein kann, wie andere, warum ausgerechnet bei mir alles länger dauert. Das nagt natürlich am Selbstbewusstsein.

In diesem Sinne sind Vergleiche sowohl größter Förderer, als auch größter Feind der Motivation. Andere und ihren Erfolg zu sehen, kann ein unglaublicher Ansporn sein, oder diese Tatkraft im Keim ersticken. Diese Tatsache wurde für mich selten so deutlich, wie in den letzten Wochen, die ich vor allem damit verbracht habe, Bewerbungen raus zu schicken. Denn, wer sich bei einer Firma bewirbt, wird mit Dutzenden von weiteren Bewerbern verglichen. Es kann sein, dass man direkt eine Absage bekommt. Manchmal dauert es aber auch mehrere Runden, bis der potenzielle Arbeitgeber sich, aus welchen Gründen auch immer, gegen einen und für jemand anderen entscheidet. In solchen Situationen über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder zu unterliegen, ist anstrengend, doch es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich durchzubeißen.

Ähnlich verhält es sich mit Vergleichen im privaten Umfeld. Es wird immer diesen einen Freund geben, der viel mehr über ein bestimmtes Thema weiß als man selbst, oder der schon viel mehr im Leben erreicht zu haben scheint. All das kann, muss aber nicht, zu Missgunst und Neid führen. Dabei vergessen wir so häufig, dass der Akt des Vergleichens häufig unsinnig ist. Schließlich gibt es immer jemanden, der in etwas besser ist als wir und umgekehrt werden wir immer besser in etwas sein als andere.

Dieser Drang dazu, sich mit anderen zu messen, ist jedoch nur schwer abzuschalten. Wichtiger ist, wie man damit umgeht und dass man davon absieht, sich davon demotivieren zu lassen. Absagen zu bekommen, ist nach wie vor kein schönes Gefühl, doch wenn ich überlege, wie viele Firmen mich schon zum Bewerbungsgespräch eingeladen haben oder die Interesse an mir gezeigt haben, können meine Leistungen gar nicht so schlecht sein. Ich bin also auf einem guten Weg. Und auch wenn ich nicht viel über Technik und Computer weiß, kann nicht jeder mit meinem Wissen über Filmklassiker mithalten. Zu schnell vergisst man, dass die Medaille immer zwei Seiten hat.

Genau so gilt folgendes: Choose your battles wisely. Es bringt nichts, als Laie deine Fähigkeiten im Turmspringen mit denen eines Profis zu vergleichen. Suche den Vergleich nach Möglichkeit nur in Bereichen und mit Leuten, die deinem Stand und deinen aktuellen Fähigkeiten entsprechen. Alles andere führt nur zu unnötiger Frustration.

Nicht umsonst bezeichne ich im Titel den Vergleich als den größten Feind des Selbstbewusstseins. Schließlich müssten wir uns keine Gedanken darum machen, ob wir „gut genug“ sind, wenn wir nicht andere Menschen hätten, mit denen wir uns messen. Wir wären sonst einfach nur wir und vermutlich auch recht zufrieden damit. So ist das Leben aber nicht und deshalb kann ich jedem nur ans Herz legen, sich nicht verrückt zu machen, nur weil man weniger Geld verdient als jemand anderes, oder nicht so schnell durch den Park joggt. Außerdem weiß man nie, worum die anderen Menschen einen beneiden.